Philip Blom | Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung

Philip Blom ist einer der profiliertesten deutschen Schriftsteller, Historiker,  Journalist und Übersetzer des Landes. Er lebt  in Österreich und wurde vor allem bekannt durch seine häufigen Moderationen der Mittagsendung „Punkt eins“ im Radiosender OE1, in der er nicht nur durch hohe Sachkenntnis, sondern auch durch seinen charakteristischen norddeutschen, in Österreich selten präzisen   Zungenschlag auffällt. Dirk Stermann  hat bereits vor Jahren erkannt, dass in Österreich ein solch makelloses Hochdeutsch auch als hohe Intellektualität gedeutet wird. Zufällig trifft es bei Blom zu.

Schon bisher hat sich Blom mit seinen Büchern „Böse Philosophen“ und „Die Unterwerfung“ hervorgetan und sich sehr mit Fragen der Aufklärung  beschäftigt, allerdings, wie sich dies für einen gediegenen Aufklärer gehört, in sehr kritischer Weise. Er geriert sich sogar als Anwalt einer „neuen Aufklärung“.  

Das tut Philip Blom auch diesmal in seinem neuesten Werk „Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung“. Er sieht die Lebenslügen der Aufklärung, weil die Lebensrealität oft weit von den ethischen Ansprüchen abweicht. Er sieht das unsympathische Bild, das Aufklärung oft abgibt, ähnlich wie Deschner, der meinte, dass „Aufklärung ein  Ärgernis ist, denn wer die Welt erhellt, macht ihren Dreck deutlicher“. Er schmiedet neue Begriffe wie „Autonomie“ aus dem schwammigen Wort  „Freiheit“, ein Zentralbegriff in der Welt der Aufklärung, wobei er dem christlichen Strang hin zur Entwicklung der Aufklärung eine größere Bedeutung kreditiert, als dies gewöhnlich geschieht. 

Blom setzt sich mit der zentralen Frage auseinander, wie man aus der notwendigen Autonomie, aus „diesem individuellen Zugang eine gesellschaftliche Ordnung konstruieren kann“. Und weiter, vielleicht etwas überkritisch: „Die Emanzipation von oben kann außerdem genauso bevormundend sein wie eine Diktatur — oft sind beide nicht voneinander zu unterscheiden. Dazu kommt noch, dass Autonomie in jedem politischen Kontext irgendwann  und irgendwie in der Freiheit der Starken mündet. So entstehen in fast allen Kollektiven und Gesellschaften Eliten, die sich die Macht untereinander aufteilen.“

Da „Menschen eben keine idealen und vernünftigen Wesen sind“, ist für den Einzelnen  die Unterwerfung durchaus eine  Option, wenn alle Grundbedürfnisse und die soziale  Wärme der Sippe nachhaltig gesichert sind. Das mag sich für den Analytiker der Aufklärung seltsam anfühlen, aber das scheint die Realität zu sein. In diesem Fall sind die Individuen durchaus bereit, komplexe Entscheidungen den Eliten zu überlassen. Dass die Entscheidungen komplexer werden, ist lapidar, aber dass die Eliten dadurch gesellschaftlich profitieren – und zwar in exponentiell progressiver Weise -, das ist es nicht.

„Die meisten Utopien der Geschichte sind daran gescheitert, dass Philosophen und andere Hitzköpfe ideale, statische Gesellschaften herbeigeschrieben haben und dann die Menschen so lange  zurechtstutzen, umerziehen und brainwashen wollten, bis sie auch geeignet sein würden, als Bürger oder Zahnrädchen dieser idealen Ordnung zu funktionieren. Dagegen haben Menschen sich als  bemerkenswert resistent erwiesen.“  Man erinnert sich an Franz Wuketits` Anspruch einer „artgerechten Menschenhaltung“.

Ein so fundamentales  moralisches Prinzip wie die Gleichheit in den Geschichten der Menschen zu verankern, glaubt Blom,  ist „schwierig, noch dazu eines, das nicht ohne garantierte, durchsetzbare Rechte bestehen kann. Die heroischen Versuche von Aufklärern wie Kant, eine Moral in der reinen Vernunft zu verankern, ist nicht nur analytisch gescheitert, sie wurden auch von der Geschichte widerlegt“. Böckenförde lässt grüßen.

Angesichts der Klimakrise erweitert Blom seine Forderungen um eine „grüne Revolution, die alle anderen Rechte und Freiheiten überhaupt erst ermöglicht, und ohne die auch jene Strukturen verschwinden, die sie garantieren.“   Diese Entwicklung hat dem Menschen erst sein Verhaftetsein in der Natur, oder wie Blom es nennt seine „Verstrickung“ in der Natur klargemacht.

Mit Bruno Latour schlägt Blom vor, „dem entfremdeten, den entwurzelten Menschen der Moderne die Erdung zu ermöglichen, also nicht nur die konkrete Verortung, sondern das Ankommen im System Erde, einem Planeten, der wie ein gigantischer Organismus zu leben scheint.“ Dass dies eine unendlich mühsame Herausforderung ist, weil sie die Aufgabe bequemer Wahrheiten und liebgewonnener  Märchenwelten (heißt im Klartext: Religion?) bedeutet und die Konstruktion von neuen Erzählungen erfordert, die weniger Mythen als gesichertes Wissen beinhalten.

„Anstatt einer endlosen animistischen Seifenoper göttlicher Eifersuchtsdramen und Ursprungsmythen oder anderer, esoterisch besetzter und weihrauchgeschwängerter Bilder und Metaphern (heißt im Klartext: Religion?) hat sich die Einsicht der menschlichen Verstricktheit jetzt in den Wortschatz der Naturwissenschaft gekleidet. Anstatt von Göttern und Göttinnen sprechen wir über CO2 in der Atmosphäre, über Ökosysteme, die zusammenbrechende Biodiversität und den Urknall, aber auch über das endlose Wunder des Gehirns und des Bewusstseins, die emergenten Eigenschaften in der Evolution, über den Reichtum des Lebens, das Mysterium der Kosmologie.“ Dass das angesichts der galoppierenden Bildungskrise kein leichtes Unterfangen sein wird, ist Blom sicher klar, konkret angesprochen hat er es nicht. Möglicherweise ist das in der derzeitigen politischen Verfasstheit kaum durchsetzbar.

Blom kritisiert die in der Historie schlagseitige Befassung mit Geist und Vernachlässigung der für die sinnliche Erfahrung notwendigen Einbindung der Körperlichkeit. „Zu lange hat die westliche Philosophie, zu der auch die Aufklärung gehört, den Körper als Bedingung der  Erfahrung begriffen, aber als Basis alles Verstehens und Denkens vernachlässigt.“

Auch in diesem Satz klingt Religionskritik durch. An verschiedenen Stellen wird Religion in zum Teil extrem verklausulierter Form angegriffen und verurteilt, nie jedoch explizit.  Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Denn der Vater aller Religionskritik der Moderne, Bertrand Russell, hat dezidiert neben Bildung, die bei Blom in überreichem Maße vorhanden ist, und Freundlichkeit (detto) auch Zivilcourage eingefordert.

Blom befleißigt sich in seiner Arbeit überall einer sehr blumigen (das Wortspiel „blomigen“ liegt auf der Hand)  und intellektuell soufflierten Ausdrucksweise, deren Wortschatz wirklich  als „Schatz“ besticht und in der Rhythmik fast einem lyrischen Sprachfluss gleichkommt, was ein wenig an der Verständlichkeit kratzt, aber das Lesevergnügen zum Altar der Euterpe  erhebt. Offenbar war Blom klar, dass der Text ein Versuch (ein Essay)  ist, einen komplexen Sachverhalt doch lesbar über die Rampe zu bringen, weswegen er eine originelle, aber nicht unproblematische Form des Buches gewählt hat, nämlich jeweils nur einige Seiten Text  mit journalistisch aufbereitetem, markigem Inhalt zu gestalten und fast alle Nebensätze und Erläuterungen in den Anhang als Fußnoten zu verbannen. Das ergibt 52 kleine Seiten Haupttext (rund 50.000 Zeichen) und rund dreimal so viel Fußnoten. Von Kopf bis Fuß ein lesenswertes Buch!

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1 Response

  1. Gerfried Pongratz sagt:

    Super! Werde ich als Ergänzung/Erweiterung meiner Rezension (https://hpd.de/artikel/aufklaerung-zeiten-verdunkelung-21772) weitum unters Volk bringen (Stoa-Runde, Uni Graz, Freundeskreis).

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