Notwendigkeit einer humanistischen Vision – der Versuch einer Antwort

Bild. von Ben Kerckx
Bild. von Ben Kerckx

Mein Verständnis einer Vision ist eine inspirierende und zukunftsgerichtete Vorstellung oder Idee, die mich motiviert und leitet, zu einem angestrebten Ziel oder zu dem erwünschten Zustand, den ich erreichen möchte.

Mein Verständnis einer Vision vermittelt mir eine klare Vorstellung davon, wie die Welt in der Zukunft aussehen soll und welche Veränderungen angestrebt werden. Sie dient mir als Orientierungspunkt, der mich dazu befähigt, gemeinsame Ziele zu verfolgen und Hindernisse zu überwinden, aber sie spielt auch eine wichtige Rolle bei der Gestaltung einer positiven und nachhaltigen Zukunft.

Wenn ich meine Vision verfolge, kann ich Hindernisse überwinden und Herausforderungen bewältigen, sie fördert auch mein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb unserer Organisation, indem sie gemeinsame Ziele und Werte schafft.

Alles in Allem ist es also positiv, die Vision eines Humanismus zu haben, der den Menschen ein Angebot macht, und sie nicht in der (entschuldige, lieber Kant, für die Anleihe) Kritik der reinen Unvernunft der Kirchen verharren lässt.

Vor dreißig Jahren hielt Mario Rodríguez Cobos, bekannt als Silo, an der Autonomen Universität von Madrid eine bahnbrechende Vorlesung mit dem Titel “Die Zeitgenössische Sicht des Humanismus”. Nun, mehr als 31 Jahre später, ist es an der Zeit, die Bedeutung und Aktualität seiner Worte erneut zu würdigen. In einer Welt, die mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen konfrontiert ist, können wir aus Silos humanistischer Perspektive wichtige Einsichten für die Gegenwart und die Zukunft gewinnen.

Silo beleuchtete in seiner Vorlesung die zwei üblichen Bedeutungen des Begriffs “Humanismus”: Einerseits als jede Denkrichtung, die den Wert und die Würde des Menschen betont, andererseits als historische Bewegung, die während der Renaissance das intellektuelle Leben Europas dominierte und die obskurantistische Sichtweise herausforderte. Dieser historische Humanismus, geprägt von den sich verändernden Kräften der Zeit, revolutionierte die bestehende Ordnung und legte den Grundstein für eine Gesellschaft, die den Menschen in den Mittelpunkt stellte.

Die Herausforderungen des 18. und 19. Jahrhunderts führten jedoch dazu, dass der Humanismus an Bedeutung verlor, während politische Umwälzungen und der Kolonialismus die Weltbühne beherrschten. Doch geprägt von sozialen Ungleichheiten, wirtschaftlichen Turbulenzen und Umweltkrisen, erlebt der Humanismus eine Renaissance. Die Debatte über Menschen und Natur, Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Technik sowie die Ausrichtung der historischen Ereignisse ist dringlicher denn je.

Im Zentrum dieser Debatte steht die Frage nach den Werten, die unsere Gesellschaft prägen sollen. Silo erinnerte uns daran, dass der Humanismus den Menschen als historisches Wesen betrachtet, das fähig ist, die Welt zu verändern und sein volles Potenzial zu entfalten. Es ist an der Zeit, die humanistischen Prinzipien wieder in den Vordergrund zu rücken und eine Gesellschaft zu schaffen, die auf Mitgefühl, Respekt und Solidarität basiert.

Eine erneute Auseinandersetzung mit Silos Vorlesung kann dabei helfen, Grundlagen für eine bessere Zukunft zu legen. Durch die Betonung der gemeinsamen Menschlichkeit und die Förderung des sozialen Wandels können wir eine Welt schaffen, die den Bedürfnissen aller gerecht wird. Der Humanismus ist nicht nur eine historische Bewegung, sondern eine lebendige Kraft, die uns dabei unterstützt, die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen und eine bessere Welt aufzubauen.

Silo machte deutlich, dass während die Menschheit durch Fortschritte in der Wissenschaft und Technologie die Tragödie natürlicher Bedingungen überwinden kann, indem sie neue Erkenntnisse nutzt, um Lebensbedingungen zu verbessern, die sozialen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten eine ganz andere Art von Tragödie darstellen. Diese Missstände treiben Menschen dazu, sich gegen bestehende Strukturen zu erheben und nach Veränderungen zu streben.

Humanisten, so Silo, legen großen Wert darauf, gemeinsam den Schmerz zu überwinden und sich für ein gerechteres und freieres Zusammenleben einzusetzen. Im Gegensatz dazu neigen Antihumanisten dazu, andere zu objektivieren und ihre Bedürfnisse und Rechte zu ignorieren, indem sie sie auf bloße Mittel zum Zweck reduzieren.

Silo betonte die Bedeutung eines bewussten Humanismus, der auf rationalen Idealen und Absichten basiert. Dieser Humanismus zielt darauf ab, Ungerechtigkeiten wie Diskriminierung und Unterdrückung zu überwinden und stattdessen Freiheit, Gerechtigkeit und Sinn für alle zu fördern. Kurzum: Die Einhaltung der Menschenrechte.

Des Weiteren warnte Silo vor der Gefahr, dass rechtsextreme Kräfte den Humanismus für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren könnten, indem sie falsche Sündenböcke präsentieren und die öffentliche Meinung manipulieren. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, den Humanismus aktiv vor solchen Missbräuchen zu schützen und seine wahren Ziele zu verteidigen.

Silo unterstrich die Bedeutung der Wahl zwischen verschiedenen Wegen, die zu unterschiedlichen Welten führen. Er glaubte fest daran, dass der Humanismus eine zentrale Rolle dabei spielt, eine bessere Zukunft für die Menschheit zu gestalten, und dass es an der Zeit ist, bewusst die Wege zu wählen, die zu einer gerechteren und humaneren Welt führen.

Ich glaube auch daran. Und suche Mitstreiter. Der HVÖ sucht Mitstreiter, für diese Vision, die viele Mitglieder auch mit mir, mit uns teilen.

Grobe Mängel bei der Durchsetzung der Menschenrechte gibt es an tausenden Stellen, hier mal kurz ein paar, bei denen wir uns vermehrt einsetzen können.

Einkommensungleichheit, Ungleichheit des Zugangs zu Bildung, Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Rassismus, Ungleichheit im Gesundheitswesen, Arbeitsplatzdiskriminierung, Ungerechte Verteilung von Ressourcen, Wohnungsnot, Kinderarmut, Diskriminierung von LGBTQ+-Personen, Menschenhandel, Mangelnder Zugang zu sauberem Wasser, Ungerechte Gefängnissysteme, Altersdiskriminierung, Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, Ungerechte Arbeitsbedingungen, Korruption, Ungleichheit im Zugang zu Rechtssystemen, Ungleichheit in der politischen Repräsentation, Kinderarbeit, Ungleichheit im Zugang zu kulturellen Ressourcen, Umweltverschmutzung und ihre ungleichen Auswirkungen, Diskriminierung von religiösen Minderheiten, Ungleichheit bei der medizinischen Versorgung, Ungerechte Steuersysteme, Verletzung der Menschenrechte, Zwangsarbeit, Ungleichheit bei der Vererbung von Reichtum, Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, Krieg und bewaffnete Konflikte, Ungleichheit im Zugang zu Nahrungsmitteln, Kinderheirat, Ungerechte Arbeitslosigkeit, Diskriminierung von Flüchtlingen und Asylsuchenden, Ungleichheit im Zugang zu Wohnraum, Ungerechte Behandlung von Ureinwohnern, Verletzung von Arbeitsrechten, Ungleichheit im Zugang zu Technologie, Diskriminierung von Migranten, Ungerechte Arbeitslöhne, Ungleichheit im Zugang zu reproduktiver Gesundheitsversorgung, Diskriminierung von Obdachlosen, Ungerechte Polizeigewalt, Kinderarbeit in der Landwirtschaft, Ungleichheit im Zugang zu Bildung für Mädchen, Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, Ungleichheit im Zugang zu Finanzdienstleistungen, Ungerechte Handelspraktiken, Diskriminierung von älteren Menschen, Ungleichheit im Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Ungerechte Bezahlung von Hausarbeit, Diskriminierung von Menschen mit HIV/AIDS, Ungleichheit im Zugang zu Familienplanungsdiensten, Ungerechte Arbeitsplatzsicherheit, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, Ungleichheit im Zugang zu Sozialleistungen, Diskriminierung von Menschen mit geringem Einkommen, Ungerechte Behandlung von Wanderarbeitern, Ungleichheit im Zugang zu kultureller Bildung, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen körperlichen Fähigkeiten, Ungerechte Aufteilung von Hausarbeit, Ungleichheit im Zugang zu sauberer Luft, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, Ungerechte Behandlung von Arbeitsmigranten, Ungleichheit im Zugang zu kommunalen Dienstleistungen, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen Bildungsgraden, Ungerechte Verteilung von Krediten und Finanzmitteln, Ungleichheit im Zugang zu Freizeitmöglichkeiten, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen, Ungerechte Behandlung von Menschen in ländlichen Gebieten, Ungleichheit im Zugang zu kultureller Teilhabe, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichem sozialen Status, Ungerechte Verteilung von politischer Macht, Ungleichheit im Zugang zu Informationen, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen Wohnsituationen, Ungerechte Behandlung von Menschen in städtischen Gebieten, Ungleichheit im Zugang zu Sporteinrichtungen, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen Berufen, Ungerechte Behandlung von Menschen in abgelegenen Gebieten, Ungleichheit im Zugang zu digitalen Medien, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlicher Staatsangehörigkeit, Ungerechte Verteilung von kulturellen Ressourcen, Ungleichheit im Zugang zu Bildung für Menschen mit unterschiedlichen Lernstilen, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlicher Familienstruktur, Ungerechte Behandlung von Menschen in Krisengebieten, Ungleichheit im Zugang zu öffentlichen Plätzen, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit, Ungerechte Verteilung von staatlichen Leistungen, Ungleichheit im Zugang zu Sportförderung, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen sprachlichen Fähigkeiten, Ungerechte Behandlung von Menschen in Gefängnissen, Ungleichheit im Zugang zu kulturellen Veranstaltungen, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlicher sexueller Identität, Ungerechte Verteilung von medizinischer Versorgung, Ungleichheit im Zugang zu Kunst und Kultur, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlicher politischer Meinung, Ungerechte Behandlung von Menschen in Pflegeheimen, Ungleichheit im Zugang zu technologischen Innovationen, Diskriminierung von Menschen mit unterschiedlichen Bildungszielen, Ungerechte Verteilung von staatlicher Unterstützung, ,

Quelle: Hunderte von Mails an den HVÖ

Und kümmern wir uns als Humanistischer Verband Österreich gerade um das eine, dann mahnen andere das an, das in unserer Agenda zu kurz käme, und das dringend einmal bearbeitet gehört.

Ja, es gibt hunderte Gebiete, in denen mehr Engagement von uns nützlich ist. In denen eine humanistische Vision notwendig ist. Alle oben angeführten Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen wären nicht mehr da, hielten wir uns an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die wirklich sehr universell und umfassend ist. Aber das einzufordern, das ist wie eine Laudatio beim Eurovision Song Contest: „Ich danke meiner Mutti, meinem Vati und meinem Produzenten und wünsche mir Frieden auf Erden!“ Blubb, mal eben mental flatuliert, und sofort KI-generiert von Almi Kadic von mimikama.

Pics by Almi von Mimikama
Pic by Almi von Mimikama

Die Notwendigkeit einer humanistischen Vision liegt darin, eine Orientierung und einen Leitfaden für die Gesellschaft zu bieten, die auf den Prinzipien des Humanismus basieren. Eine solche Vision geht über bloße Ideen oder Absichten hinaus und stellt eine konkrete Vorstellung von einer gerechteren, mitfühlenderen und menschenwürdigeren Welt dar. Meine Eckpunkte für diese Vision sind:

  1. Menschliche Würde und Gleichheit: Eine humanistische Vision betont die Würde jedes Einzelnen und strebt nach Gleichheit und Fairness für alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Rasse, ob oder nicht religiös orientiert, sexueller Orientierung oder sozialem Status.
  2. Soziale Gerechtigkeit: Humanistische Visionen setzen sich für gerechte und inklusive Gesellschaften ein, in denen jeder Mensch gleiche Chancen und Rechte hat und niemand aufgrund von Vorurteilen oder Diskriminierung benachteiligt wird.
  3. Ethik und Moral: Sie fördern ethische Prinzipien wie Mitgefühl, Empathie, Verantwortung und gegenseitigen Respekt als Grundlage für das Zusammenleben in der Gesellschaft.
  4. Wissenschaft und Vernunft: Eine humanistische Vision basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und rationalen Denkweisen, die dazu beitragen, Irrationalität, Aberglaube und Vorurteile zu überwinden.
  5. Nachhaltigkeit und Umweltschutz: Humanistische Visionen streben nach einer nachhaltigen Zukunft, die die Umwelt schützt und die Bedürfnisse kommender Generationen berücksichtigt.

Bildung und Wissensvermittlung: Sie legen Wert auf Bildung als Mittel zur Befähigung von Menschen und zur Förderung von Wissen, Kreativität und kritischem Denken.

Frieden und Zusammenarbeit: Humanistische Visionen setzen sich für den Frieden ein und fördern den Dialog, die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen verschiedenen Kulturen, Nationen und Gemeinschaften.

Eine humanistische Vision bietet eine klare Richtung und eine gemeinsame Basis und beruht auf den Werten der Menschlichkeit, Vernunft und Empathie. Sie stellt keine Gesetze auf, sie bremst und knechtet nicht mit zehn Geboten, sie ist für mich eine Sicherungsleine am Klettersteig Leben, an der ich mich festhalten kann, sie aber auch loslassen kann.

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Dr. Andreas Gradert

Andreas Gradert studierte Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Psychologie an der University of Liverpool, Wirtschaftswissenschaften am MIT und Mediation am Wifi Salzburg und bei Lis Ripke.

Seit 2022 Präsident des Humanistischen Verbandes Österreich, früher im Präsidium Lebenshilfe Salzburg, nun im Präsidium Die Konfessionsfreien | Atheisten Österreich | giordano bruno stiftung Österreich, aktiv in der EU Fundamental Rights Agency | GWUP | Effektive Altruisten und verschiedenen Menschenrechtsorganisationen.

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2 Responses

  1. Klaus Bernd sagt:

    Habe vor kurzem mal wieder gelesen:
    Grayling, A C. Against All Gods: Six Polemics on Religion and an Essay on Kindness (Oberon Books) (English Edition) . Bloomsbury Publishing. Kindle-Version.

    Darin gibt es ein Kapitel „8 The Alternative: Humanism“, das mich überzeugt.

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