Koo van der Wal | Was treibt die Umweltkrise an?

Bild: Ko van der Wal

Die Zahl der Bücher, die sich mit der Umweltproblematik beschäftigen, ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Die Ausbeutung und Zerstörung unseres Planeten haben sich trotz aller Mahnungen der Experten jedoch nicht abgeflacht. Die Politik reagiert halbherzig, beschränkt sich auf „niedrig hängende Früchte“ (O-Ton des Autors) wie lokale Wasser- und Luftverschmutzungen, versagt aber bei den globalen Problemen wie Erderwärmung, Verlust der biologischen Vielfalt und Ressourcenerschöpfung. In der Gesellschaft ist Umweltschutz als Handlungsmaxime noch nicht angekommen. Noch immer agieren viel zu viele Menschen selbstsüchtig, vermeiden den Blick auf die Konsequenzen ihres Lebensstils für die Umwelt oder sind ohne Empathie für die Nachwelt. Koo van der Wal wählt in seinem Werk die philosophische Perspektive, um die Ursachen für diese Phänomene zu erforschen und um aufzuzeigen, dass sich realistischerweise dieser umweltschädliche Trend nicht ändern wird. Es sei denn, es gelingt die kopernikanische Wende in der Umweltethik. Denn wie Einstein einmal feststellte, kann man ein Problem nicht mit denselben Mitteln lösen, die es geschaffen haben. Wie diese Umkehr im Umweltdenken erreicht werden könnte, skizziert der Autor hervorragend in seinem jüngsten philosophischen Werk „Was treibt die Umweltkrise an? Eine philosophische Erkundung“.

Der Autor ist Professor i.R. der Philosophie an der Erasmus Universität Rotterdam. Tatsächlich erinnert sein Buch im positiven Sinne an eine Masterthesis. Zu Beginn stellt Koo van der Wal eine These auf, an die er sich konsequent abarbeitet. Auch wenn es dabei zu Wiederholungen kommt, ist der berühmte rote Faden in der Arbeit klar erkennbar und man kann dem Autor gut folgen. Hat man sich in das Buch einmal eingelassen, liest es sich wie ein spannender Krimi, denn man möchte mehr erfahren und ist gespannt auf die Lösungsansätze des Autors.

Der Leitgedanke, der das Buch durchdringt und im Aufbau strukturiert, ist die These, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine umweltgerechte Politik fehlen. Hat Koo van der Wal mit seiner Auffassung recht, ist damit unsere eigene Rolle für die Umweltkrise offengelegt. Die Ausrede, die Politiker sind an der Umweltkrise schuld, gilt nicht mehr. „Die Politik kann, selbst wenn sie wollte, nicht weiter springen, als ihr gesellschaftlicher Sprungstab lang ist“, konstatiert Koo van der Wal und auch, dass nicht (allein) die Politik das Problem sei, sondern die Gesellschaft mit ihrer Funktions- und Denkweise und der moderne Lebensstil.

Und Koo van der Wal ist sehr überzeugend in seiner Argumentation, die er logisch und nachvollziehbar entwickelt. In den ersten Kapiteln stellt er die vormoderne-mythische und moderne-kartesianische Sicht der Dinge gegenüber. Ein radikaler Anthropozentrismus, Aktivismus und ein mechanisiertes Weltbild prägen die moderne Denkweise, die sich nach Isaac Newton (1642-1726) und Immanuel Kant (1724-1804) entwickelt hat. Was der Autor unter diesen Ausformungen einer technologischen Kultur konkret versteht, ist eine lohnende Lektüre.

Die Folge dieser Entwicklung ist, dass die Natur als ein Ort der Passivität empfunden wird, als eine Ansammlung von Elementarteilchen, farblos und tot. Die Umwelt ist eine Ressourcenquelle, die vom Menschen, als einzig aktives und intelligentes Wesen für die Befriedigung seiner Bedürfnisse gestaltet und beherrscht werden darf. Dabei ist Maßlosigkeit ein Grundzug des modernen Denkens, den wir überall in Haltungen und Handlungen wiederfinden.

Mensch und Natur sind nach dieser Anschauung aneinander fremd. Als anschauliches Beispiel für die Gegenposition referenziert der Autor mehrmals auf eine Rede des Häuptlings Seattle. Alles, was existiert, ist nach Ansicht des Häuptlings miteinander verbunden, wie das Blut einer einzigen Familie. Die Zitation des Häuptlings lockert die philosophischen Betrachtungen auf, die Zeilen sind inspirierend und stellen eine Bereicherung für das Buch dar. Doch gibt es einen aktuellen Diskurs im deutschsprachigen Raum, den der niederländische Autor nicht berücksichtigt. Gemeint ist die Diskussion, den Begriff „Umwelt“ mit dem Begriff „Mitwelt“ zu ersetzen, da das Wort „Umwelt“ zu sehr die Äußerlichkeit der menschlichen Beziehung zur Welt betone, während das Wort „Mitwelt“ die Tatsache widerspiegelt, dass der Mensch ein Teil der Welt ist.

Generell gilt, nicht allen Meinungen des Autors muss man zwingend zustimmen, wie etwa seiner persönliche Abneigung gegenüber den Positionen und Errungenschaften der Existenzialisten. Hier unterliegt der Autor dem Fehler, „Sein“ mit „Sollen“ zu verwechseln. Dass viele (aber nicht alle) Menschen nach einem Sinn suchen, ist eine Tatsachenbeschreibung, aber keine Aussage darüber, ob die Sinnsuche auch sinnvoll ist. Die Statements von Koo van der Wal zu Sartre, Camus & Co sind emotional wie für die Sache unnötig, offenbar seinem persönlichen Glauben entsprungen. Schade, dass der Autor hier den Weg der wissenschaftlichen Objektivität kurzfristig verlassen hat. Mit Douglas Adams möchte man ihm antworten: „Genügt es nicht, zu sehen, dass ein Garten schön ist, ohne dass man auch noch glauben müsste, dass Feen darin wohnen?

Koo van der Wal will nicht nur als Gelehrter den Ist-Zustand befunden, er möchte auch Lösungen aufzeigen. Das Kapitel über die Wirtschaftsphilosophie ist ein sehr erhellender Abschnitt. Es gelingt dem Autor, die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels auch in der Wirtschaftstheorie aufzuzeigen, ohne die Erfolgsbilanz des WTÖ (Wissenschaft/Technologie/Ökonomie)-Komplexes zu leugnen. Interessant an diesem Kapitel ist insbesondere, wie Koo van der Wal begründet, dass wirtschaftliches Denken weder amoralisch noch inhuman sein muss, um zu funktionieren.

Dass zum Beispiel Konflikt und Wettbewerb, nur ein Nullsummenspiel darstellt, weil der Gewinn des einen auf den Verlust des anderen geht und stattdessen Kooperation zu Win-Win-Situationen führen kann, ist schon länger bekannt, hat sich aber in den Köpfen der Wirtschaftstreibenden noch nicht festgesetzt.

Wie realistisch der Ruf des Autors nach humanen Formen der Wirtschaft ist, muss sich erweisen. Für das Ziel der Förderung des menschlichen Wohlergehens beispielsweise „die Idee des Wachstums um des Wachstums willen aufzugeben“, ohne auch nur die Notwendigkeit der Schaffung von Arbeitsplätzen zu erwähnen, wirkt aber dann doch zu wirklichkeitsfremd.

Philosophie ist wie die Wirtschaft ein Spiegel der Zeit und der Gesellschaft. Konsequent beschäftigt sich der Autor daher auch mit dem Humanismus als die vermutlich bedeutendste Explikation der modernen Philosophie. Auch Humanisten müssen sich Kritik gefallen lassen, obgleich einige Proponenten glauben, sie nehmen die Vorrangstellung in moralischer Integrität ein. Wenn Philosophen von Gewicht und Belang, zu denen Koo van der Wal aufgrund seines umfänglichen Œuvre mit Bestimmtheit zählt, die philosophische Strömung des Humanismus kritisieren, tragen sie zu dessen Weiterentwicklung maßgeblich bei. Für Koo van der Wal ist der Schutz der Umwelt ein Stiefkind des Humanismus. Es ist ihm zuzustimmen, wenn er für den Humanismus „in seiner üblichen Form“ konstatiert, dass auch dieser nur auf der Idee einer privilegierten Stellung des Menschen beruht, quasi aufgrund einer angeborenen („intrinsischen“) Menschenwürde. Für diese Privilegierung fehlt es aber an logischer, metaphysikfreier Berechtigung und sie führt zu einem gestörten Verhältnis zur Natur.

Koo van der Wal beleuchtet bei der Untersuchung der Gründe der Umweltkrise neben der philosophischen auch die wirtschaftliche Denkweise, eigenartigerweise spielen aber Religionen, obwohl für die Gesellschaft noch von gewisser Relevanz, in seinem Werk keine Rolle. Die gänzliche Nichterwähnung der religiösen Ursachen für das Umweltdilemma – man beachte aber das Leugnen eines für Menschen schädlichen Klimawandels aus religiösen Gründen (z.B., weil die Erde in einer gottgegebenen Ordnung existiere) – begründet der Autor nicht.

Das Buch von Koo van der Wal bietet auch eine positive Botschaft. Es zeigt, dass es möglich ist, ein naturfreundliches wirtschaftliches Denken und Humanismus zu entwickeln. Der Philosoph skizziert die Konturen einer „anderen“ Wirtschaft und eines „umkalibrierten“ Humanismus. Gemäß dem Untertitel „Eine philosophische Erkundung“ ist das Buch ein erster Anriss, ein Impuls fürs Weiterdenken und Weiterphilosophieren und kein Standardwerk eines Systemphilosophen. Doch wichtige Schlüsselbegriffe für eine kopernikanische Wende im Umweltdenken werden angedeutet. Darüber hinaus bietet das Buch zahlreiche Verweise auf Werke anderer Autoren, um bestimmte Ideen und Thesen in der Eigenlektüre zu vertiefen.

Das Buch lädt somit zum vertieften Grübeln über das kartesianische Denken unserer Zeit und zur eigenen Positionsbestimmung ein. Sprachlich ist das Buch nicht immer flüssig. Das liegt nicht an der deutschen Übersetzung, sondern Van der Wal neigt dazu, seine überlangen Sätze gerne 2- bis 3-mal umzuformulieren, um sie endlich „kurzum“ zusammenzufassen. Ein kleines Manko eines ansonsten für Philosophen wie philosophische Laien gleichermaßen sehr lesenswerten Werk, eine unbedingte Pflichtlektüre für Menschen, die wirklich verstehen wollen, warum in der Bewältigung der Umweltkrise nichts weiter geht und was man dagegen tun muss.

Was treibt die Umweltkrise an? Eine philosophische Erkundung“ von Koo van der Wal ist in 1. Auflage im Verlag Karl Alber erschienen (ISBN 978-3-495-99424-5 (Print), ISBN 978-3-495-99425-2 (ePDF)). Der Ladenpreis für das kleinformatige Buch mit 208 Seiten beträgt EUR 29,81.

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Dr. Clemens Lintschinger

Autor in humanistischen und atheistischen Themenwelten, glühender Verfechter der unmittelbaren Demokratie, Gegner von linken, rechten und christlichen Ideologien

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