Über das Frauenbild in religiösen Mythen

Seit Jahrtausenden von Jahren erzählen religiöse Schriften und Mythen Geschichten, die das kollektive Gedächtnis der Menschheit formen. Doch wenn wir genauer hinschauen, entfaltet sich vor uns ein verzerrtes Bild. Innerhalb der schriftlichen Überlieferungen, von Männerhand verfasst und von patriarchalen Strukturen durchzogen, erscheinen Frauen, Göttinnen oder sonstige weibliche Figuren als Avatare männlicher Wunschfantasien und Abbilder männlicher Vorstellung von Weiblichkeit. Moderne Bibelexegeten sind bemüht, das stereotypische Frauenbild und die Frauenfeindlichkeit in den verstaubten Texten zu umgehen, ein Akt, der im Widerspruch zu den ursprünglichen Schriften steht. Manche Philosoph*innen gehen in guter Absicht noch weiter und konstruieren aus Ur-Mythen eine weibliche Kosmologie und fantasieren von einer agapischen Liebe als universelles weibliches Prinzip.

Ich halte das eine wie das andere für einen Betrug. Religiöse Texte und Mythen sind frauenverachtend, nicht alle, aber viele. Zu viele, um die klare Tendenz einer globalen, religiös determinierten Misogynie zu leugnen. Zum Frauentag am 8. März werden wieder – im Übrigen völlig zu Recht und verdammt notwendig – viele Kommentare erscheinen, die Frauen in einem anderen Licht darstellen. Eine wichtige Aufgabe atheistischer Humanisten ist es, die Brutalität und diskriminierenden Strukturen religiösen Denkens aufzuzeigen, um es endlich zu überwinden. Das Zeitalter der Aufklärung ist längstens vorbei. Menschen, die sich der Aufklärung widersetzen, sind unanständig. Unanständig ist es auch, Originaltexten eine Frauenverherrlichung zu unterstellen, die nicht in der Absicht der Verfasser lag und den bitteren Umständen für Frauen in vergangenen Zeiten widerspricht.

Der nachstehende Beitrag ist eine persönliche und selektive Auflistung biblischer und (halb-)mythischer bekannter, wie unbekannter Personen, die moderne Bibelexegeten, Historiker*innen und Philosoph*innen gerne ausklammern. Ich will sie alle zum Frauentag in Erinnerung rufen – unverfälscht. Notwendig scheint mir der Hinweis, dass Mythen oft in mehreren Varianten regional divergierend überliefert werden. Unterschiedliche Übersetzungen tragen zusätzlich dazu bei, dass vielleicht die eine oder andere Erzählung dem/der Leser*in in einer anderen Version geläufig ist. Dass ich mit nachstehender Auflistung die Tür zum großen Reich der Mythen nur einen winzig kleinen Spalt geöffnet habe, dürfte auch klar sein.

Vorausschau und Übersicht

Von einer begründeten Ausnahme abgesehen, beschreibt dieser Beitrag keine Lebensgeschichten oder Taten historischer Persönlichkeiten. Diese gewichtige Aufgabe habe ich mir für den kommenden Frauentag vorgenommen. Ziel meines heutigen Kommentars liegt darin, die verwerflichen Denkmuster bezüglich Frauen in alten religiösen Schriften und Mythen zu beleuchten.

Zuerst richtet sich mein Fokus auf die Bücher der Bibel. Es werden beispielhaft Episoden angeführt, die moderne Bibelexegeten im Zuge des Rosinenpickens (euphemistisch: Hermeneutik) ignorieren, um die alten Schriften an den Zeitgeist anzupassen. Für das Ziel, den Gläubigen weiterhin die Bibel als das vermeintlich göttliche Wort zu verkaufen, kennen sie keinen Skrupel. Kühn werden Texte in Neuübersetzungen geändert. In Predigen und Sekundärliteratur werden wissenschaftliche Unwahrheiten oder inhumane Grässlichkeiten in der Bibel als Metaphern und Gleichnisse abgeschwächt. Sie sollen sich an ein archaisches Volk gerichtet haben und der moderne Gläubige darf sie nicht buchstäblich verstehen. Was den Autoritäten als Kernbotschaften gefällt, darf und muss hingegen weiterhin als Glaubensmysterium wörtlich geglaubt werden, wie etwa die Auferstehung Jesu von den Toten. Auf der Strecke bleibt die Wahrheit über die Absichten und Botschaften der menschlichen Bibelverfasser. Die gute Nachricht daran ist, dass auch der Glaube an die Inhalte der Bibel allmählich verschwindet und der Humanismus zunehmend interessanter wird.

Die andere Gruppe der reaktionären Bibelexegeten will nicht modern und aufgeklärt denken. Viele Gläubige, auch gelehrte Theologen, stützen ihre misogyne Überzeugung auf die genauen Worte der Bibel. Es bleibt mir verwehrt, ihnen zu widersprechen, denn die Bibel ist eine Quelle der Diskriminierung und des Hasses, allen voran gegen Frauen und Homosexuelle. Wenn die alten Schriften eine Kernbotschaft enthalten, dann ist es eine tief verankerte Frauenverachtung und Homophobie.

Mein Bestreben ist aber nicht das Bashing auf die Offenbarungsreligionen. Weltweit sind frauenverachtende oder stereotype Topoi in den religiösen Mythen feststellbar. Es ist ein Allgemeingut, von dem ich hier schreibe, aber es verdient dennoch, besonders am Frauentag angesprochen zu werden: Glaube und Religion führen im Wege von Sittlichkeitsvorschriften unausweichlich zur Misogynie. Als atheistischer Humanist kämpfe ich unablässig und mit Leidenschaft gegen dieses Unrecht an.

Inhaltsverzeichnis

  1. Über die letale Gruppenvergewaltigung der namenslosen „Nebenfrau“ des Leviten
  2. 400 Jungfrauen sind zu wenig, entjungferte Frauen sind unzumutbar
  3. Gott rettet vor der Opferung den Buben Isaak, aber nicht ein namenloses Mädchen
  4. C=I *R / P * E (Sittenwächterformel)
  5. Jungfrau Maria und Alice Schwarzer
  6. Entführungsopfer Sita begeht zum Treuebeweis die Feuerprobe
  7. Die entlarvende Parallele zwischen Eva und Surpanakha
  8. Savitri folgt ihren Mann in den Tod
  9. Weitere Tode wegen Keuschheit oder Schande (Verginia, Lucretia und Iokaste)
  10. Der Zusammenbruch wegen unerfüllter Liebe (Echo)
  11. Die verlassene Frau als mörderische Furie (Dido, Phaidra, Medea)
  12. Heroinnen als Ausnahmefälle (Antigone, Iphigenie, Medb, Amazonen, die hstorisch reale Hypatia)
  13. Ein kurzes Statement

1. Über die Gruppenvergewaltigung der namenslosen „Nebenfrau“ des Leviten

Das 19. Kapitel vom „Buch der Richter“ (AT) enthält folgende empörende Erzählung:

Ein Levit ist mit seiner namenslosen „Nebenfrau“ und mit seinem Knecht unterwegs. Für die Nebenfrau ist es die enttäuschende Heimholung nach einer gescheiterten Flucht nach Hause. Sie kehren in einer Stadt namens Gibea ein, wo sie von einem alten Mann gastfreundlich aufgenommen werden. In der Nacht umzingelt eine Gruppe von Halbstarken das Haus und sie fordern den Hausherrn auf, seinen Gast auszuliefern. Es sind Männer des Stammes Benjamin und sie wollen den Leviten misshandeln. Der alte Mann will seinen Gast beschützen, hält dies für seine Pflicht als Gastgeber. Allerdings gilt sein Schutz nur für den Mann und nicht auch für dessen Nebenfrau. Die Einhaltung seiner Gastgeberpflicht gegenüber dem Leviten hat für den Hausherrn einen höheren Stellenwert als die körperliche Unversehrtheit seiner Tochter, seines eigenen Fleisches und Blutes. Er tritt vor sein Haus und macht den Männern folgendes Angebot:

Da ist meine jungfräuliche Tochter und das die Nebenfrau [des Leviten]. Sie will ich zu euch hinausbringen; ihr könnt sie euch gefügig machen und mit ihnen tun, was euch gefällt. Aber an diesem Mann dürft ihr keine solche Schandtat begehen.

Die mit einem Übermaß von Testosteron geplagten, gewaltbereiten Männer sind noch nicht überzeugt. Da ergreift der Levit die Initiative. Um sich zu retten, schnappt er seine Nebenfrau, zerrt sie vor die Türe und wirft sie den Männern vor die Füße. Die feige Strategie des Leviten geht auf. Statt sich weiter um ihn zu kümmern, vergewaltigen die Männer die hilflose Frau. Alle Männer zusammen, wieder und wieder, die ganze lange Nacht hindurch. „Sie ließen sie erst gehen, als die Morgenröte heraufzog“.

Die Frau verstirbt an den Folgen der brutalen Gruppenvergewaltigung.

An keiner Stelle der Bibel rügt der Verfasser das Verhalten des Leviten. Kein Wort an Empathie hat die Bibel für die Nebenfrau übrig.

2. 400 Jungfrauen sind zu wenig, entjungferte Frauen sind unzumutbar

Das nachfolgende Kapitel 20 ist ein weiteres signifikantes Beispiel für das sexuell geprägte Frauenbild der Bibelverfasser:

Der Levit findet am nächsten Morgen seine Nebenfrau tot vor der Tür. Er setzt seine Heimreise fort. Den Leichnam seiner Nebenfrau nimmt er mit. Zu Hause zerteilt er diesen in zwölf Stücke und schickt sie an die zwölf Stämme Israels, um ihnen zu zeigen, was in Gibea geschehen ist.

Die Israeliten sind empört, jedoch nicht über die Feigheit des Leviten und der furchtsamen Opferung der Frau. Sie beschließen, Krieg gegen den Stamm Benjamin zu führen.

Für die militärische Auseinandersetzung holen die Stämme den Rat eines Experten ein. Sie beraten sich mit Gott und fragen ihn, welcher Stamm der Israeliten die Benjaminiter zuerst angreifen soll. Generalissimus Gott antwortet, dass der Stamm Juda die erste Attacke führen soll. Das war ein schlechter Befehl des Herrn, denn die Angreifer erleiden eine empfindliche Niederlage. Am nächsten Tag in der zweiten Schlacht läuft es genauso übel. Bei der dritten Schlacht greift Gott selbst ein: „Der Herr schlug die Benjaminiter vor den Augen Israels“.

Es folgt eine Beschreibung des Schlachtverlaufs. Offenbar wünscht sich Gott, auf den sich die Bibel stützt, dass die Menschen wissen, wie Schlachten geführt wurden.

Der Stamm Benjamin wird niedergemetzelt. Alle Frauen und Kinder werden getötet, kein Unschuldiger überlebt. General Gott, der zuerst das Schlachtgetümmel eigenhändig beeinflusste, ist kein ehrenvoller Offizier und lässt die Ausschreitungen geschehen.

Am nächsten Tag bedauern die Stämme den eigenen Gewaltexzess. Katzenjammer! Doch immerhin gelang 600 männlichen Benjaminitern, die ihre Familien nicht beschützten, die Flucht in die Wüste. Damit der Stamm Benjamin überlebt, brauchen diese Männer Frauen zur Fortpflanzung, entscheidet die Siegerpartei großzügig (und eigennützig, denn man will ein Volk mit starken Stämmen sein).

Nur, woher die vielen Frauen nehmen, wenn nicht stehlen? Stehlen ist eigentlich keine schlechte Idee, wird befunden. Um das Problem zu lösen, starten die Israeliten eine Strafexpedition gegen jenen Stamm, der sich am Krieg gegen die Benjaminiter nicht mit Kriegern beteiligen wollte. Die übrigen Stämme schicken zwölftausend Mann, um die Einwohner von Jabesch-Gilead zu vernichten, und zwar wiederum „mit scharfem Schwert, auch gegen Frauen und Kinder“. Die Logik, einen Stamm auszurotten, um den anderen Stamm vor dem Aussterben zu bewahren, verstehe ich nicht und vermag ich daher nicht zu kommentieren.

Die Frauen von Jabesch-Gilead, die als Ehegattinnen schon Verkehr mit einem Mann hatten, waren bei dieser Unternehmung uninteressant. Sie wurden umgebracht. Hingegen sollten die Jungfrauen des Stammes für die Benjaminiter geraubt werden. Wie geplant, wurde das Vorhaben umgesetzt. Irgendwie gelingt es, im Gemetzel vierhundert Jungfrauen zu identifizieren. Vermutlich waren es sehr junge Mädchen, von denen man aufgrund des Alters annahm, dass sie noch keinen Geschlechtsverkehr hatten.

Doch 400 Jungfrauen sind zu wenig, denn die Benjaminiter brauchen 600 Frauen und es mussten unbedingt Jungfrauen sein. Warum nicht auch (junge) Frauen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, den Benjaminitern als Beuteopfer angeboten wurden, erläutert der Bibelverfasser nicht. Der sexuelle Grund offenbart sich aber auch ohne Erklärung. Nur „reine“ Jungfrauen haben einen Wert. Frauen „mit Erfahrung“, auch die Verheirateten, sind für einen Mann unzumutbar. Geschlechtsverkehr ist ein derart schwerer Mangel an der Ware Frau, dass sie als wertlos und unbrauchbar gilt, vergleichbar mit der Maul- und Klauenseuche beim Vieh.

Die Israeliten entwickeln einen düsteren Plan, wie die Benjaminiter die restlichen 200 Jungfrauen erlangen sollen. Die Männer sollen sich zum Fest des Herrn nach Silo begeben, sich in den Weinbergen verborgen halten und geduldig darauf warten, dass die Töchter von Silo beginnen, im Tanz Gott zu ehren. Wie bereits vorherbestimmt, nimmt das Geschehen seinen Lauf. Die Benjaminiter entführen die jungfräulichen Mädchen, die für Gott tanzen wollten. Und was tut der Herr? Wir sehen sein schweigendes Einverständnis über all dem.

Die Entführer und Vergewaltiger kehren zu ihrem Erbbesitz zurück und bauen die Städte wieder auf. Auch die übrigen Israeliten sind zufrieden und segnen einander. Amen.

3. Gott rettet vor der Opferung den Buben Isaak, aber nicht ein namenloses Mädchen

Eine weitere biblische Erzählung über eine Frauenopferung (siehe Kap. 11 Buch der Richter):

Der Gileaditer Jiftach ist ein tapferer Mann, doch wird er von seinen Stammesgenossen verstoßen, weil seine Mutter sich als Prostituierte verdingt haben soll. Er verzagt nicht und führt ein erfolgreiches Freibeuterleben. Als die Ammoniter das Land bedrohen, wird er von der Sippe aufgrund seiner Kampferfahrung zum Anführer gewählt. Der Ruf zur Verteidigung der Heimat erklingt, und er ergreift die Herausforderung. Doch bevor die Schlacht beginnt, schwört er vor Gott ein Gelübde: Das Erste, was ihm bei einer siegreichen und gesunden Heimkehr aus seinem Haus entgegentritt, soll Gott als Brandopfer dargebracht werden.

Wie zu erwarten, überlebt Jiftach die Auseinandersetzungen und kehrt wohlbehalten zurück. Seine Tochter, deren Name im Schatten der Erzählung verbleibt, tanzt fröhlich als Erste aus dem Haus, um ihren Vater zu begrüßen. Jiftach, von Verzweiflung ergriffen, teilt seiner Tochter von seinem Gelübde mit. Das Mädchen bietet sie sich freiwillig als Opfer an, um ihrem Vater zu ermöglichen, sein Versprechen an Gott zu erfüllen. Sie bittet lediglich um zwei Monate, um ihre Jugend in den Bergen zu beklagen. Der Vater stimmt zu und lässt sie ziehen. Obwohl sie in dieser Zeit hätte fliehen können, kehrt sie zurück, bereit, verbrannt zu werden.

Das Kapitel beginnt mit der Behauptung, Jiftach sei ein Held. Doch der wahre Held dieser Geschichte ist seine mutige, selbstlose Tochter, die vom Verfasser nicht einmal mit einem Namen bedacht wird. Auch in dieser Geschichte steht die Namenlosigkeit der Tochter für die allgemeine Unsichtbarkeit der Frauen in der Bibel. Und auch in dieser Erzählung ist die Frau das Opfer männlicher Entscheidungen und Taten.

Und warum griff Gott nicht in das Geschehen ein, wie in einem anderen vergleichbaren Fall mit einem Buben? In dem von Klerikalen und Gläubigen wieder und wieder wiedergekäuten Bericht von Isaak rettet Gott Isaak vor seinem Schicksal als Opfer, indem er einen Widder zur Opferung bereitstellt. Diese Geschichte soll Gottes große Barmherzigkeit beweisen. Warum ist aber Gott nicht auch bei Jiftachs Tochter gnädig? Warum unterlässt er bei dem tapferen, selbstlosen Mädchen die Intervention?

Die Antwort auf diese rhetorische Frage liegt auf der Hand: Die angeblich von Gott inspirierten Bibelverfasser interessierten sich nicht für das Schicksal der Frauen. Die Männer schrieben auch nicht über Möbelstücke, also warum Texte über Frauen erwarten, die für sie Hausrat waren? Das Vieh war zum Teil bessergestellt als Frauen. So waren die Zeiten und so dachten auch die Bibelschreiberlinge. Da gibt es nichts umzudeuten, Punkt.

Sich über diese archaische Zeit zu entrüsten, führt zu nichts. Was uns hingegen empören sollte, ist die Tatsache, dass im Gottesdienst, im Religionsunterricht und in den Propagandaschriften der Amateurgläubigen und Theologen nur die erbauliche Geschichte von Isaak erzählt wird, aber wir nie etwas von der Heldin aus Gilead zu hören oder zu lesen bekommen, die Gott nicht retten wollte.

4. C=I *R / P * E (Sittenwächterformel)

In dieser exemplarischen Aufzählung biblischer Episoden muss auch die Ermordung einer Midianiterin Erwähnung finden, ein Mord, den Gott ausdrücklich billigte und in den höchsten Tönen lobte (vgl. für das Folgende: Numeri, Kapitel 25, 1-19).

Diesmal kennen wir immerhin den Namen der Frau: Kosbi. Sie und ihr Gefährte wurden getötet, um Gottes Zorn zu besänftigen und die Israeliten von einer Plage zu befreien. Vielleicht haben Sie noch nie von Kosbi gehört, was daran liegt, dass ihre Vita weder in der Kirche noch im Schrifttum eine Rolle spielt. Doch zum Frauentag möchten wir ihre Geschichte erzählen:

Während der Reise der Israeliten durch die Wüste begannen einige von ihnen, sich mit den Moabitern anzufreunden und an die moabitische Gottheit Baal Pegor zu glauben. Das missfiel Gott außerordentlich, sein sattsam bekannter Zorn entbrannte erneut, und er schickte eine Plage über sein Volk.

Simri, ein führender Mann aus einer simeonitischen Großfamilie, trieb es besonders dreist oder war er einfach besonders naiv. Unbedarft führte er die Midianiterin Kosbi ins Lager der Israeliten.

Pinhas, ein Enkel des Hohenpriesters Aaron, erfuhr davon. Ohne zu zögern, eilte er mit einem Speer zu ihrem Zelt und tötete beide im nächtlichen Lager. Dieser entschlossene Meuchelakt beendete die Plage, die Gott über das israelitische Volk geschickt hatte.

Gegenüber Moses lobte Gott Pinhas für seinen mörderischen Einsatz:

Der Herr sprach zu Mose: Der Priester Pinhas, der Sohn Eleasars, des Sohnes Aarons, hat meinen Zorn von den Israeliten abgewendet dadurch, dass er sich bei ihnen für mich ereiferte. So musste ich die Israeliten nicht in meinem leidenschaftlichen Eifer umbringen.

Als Dank versprach Gott Pinhas den ewigen Bund des Friedens und das Priestertum für seine Nachkommen.

Halleluja.

Simri hat gegen göttliche Anordnungen verstoßen, was aus Sicht der Gläubigen ein hinreichender Grund für seine Exekution darstellen kann. Geschenkt! Aber was hat eigentlich die Midianiterin Kosbi, die einem anderen Stamm angehört, falsch gemacht? Für ihre Perspektive interessiert sich der Verfasser der Heiligen Schrift schlichtweg nicht. Bei der Einhaltung der göttlichen Ordnung wird die Schuldfrage nicht gestellt.

Dass Gott Pinhas Mordtat derartig enthusiastisch lobt, ist jedoch ein klarer Hinweis auf die patriarchale Struktur, in der Männer als Hüter der Moral betrachtet werden. Damals wie heute sind vornehmlich Männer die selbsterkorenen Sittenwächter für Gebräuche, die sie den Frauen aufzwingen.

Nach eingehendem Nachdenken stelle ich folgende Hypothese auf, die noch bewiesen werden muss: Je kleiner der Penis eines Mannes (P) und je stärker die Ausprägung seiner Impotenz (I) einerseits und je intensiver seine religiöse Hörigkeit (R) und je länger seine Erfolglosigkeit bei Frauen (E) andererseits, umso größer ist die Chance (C), dass dieser Mann ein religiöser Sittenwächter wird. Dies nachfolgende Gleichung drückt aus, dass C umso höher ist, je größer I und R sind und je kleiner P und je länger E sind:

C=I *R / P * E

5. Jungfrau Maria und Alice Schwarzer

An dieser Stelle sei auch eine Frau erwähnt, über die das Neue Testament ausführlich berichtet: Jungfrau Maria, die Mutter Jesu. Während jeder von ihr gehört hat, bleibt doch unbeachtet, dass ihre körperliche Unversehrtheit, Autonomie, Interessen und Wünsche von den Bibelvätern ignoriert wurden.

Trotz ihrer Verehrung ist Maria bloß eine Schachfigur eines Gottes, wie ihn sich Männer vor etwa zweitausend Jahren ausgedacht haben. Die Darstellung der Rolle von Maria variiert in den verschiedenen Bibelfassungen im Detail. Generell wird aber in den Evangelien berichtet, dass der Erzengel Gabriel zu Maria kam, um ihr die Botschaft zu überbringen, dass sie den Sohn Gottes gebären würde. Ausdrücklich (!) gefragt, ob sie das auch will, wurde sie nicht. Die Verkündigung des Engels war ein Bericht über ein zukünftiges Faktum.

Religiöse Bibelexegeten betonen, dass Maria der Empfängnis zustimmte, da sie sich selbst als Magd des Herrn bezeichnete und dem Erzengel Gabriel antwortete, es möge so geschehen, wie es von ihm avisiert wurde. Aber welche Wahl hatte das Mädchen realistischerweise? Möchte man ernsthaft von ihr verlangen, sich dem Willen eines Gottes zu widersetzen? Hätte sie dem Engel sagen sollen, dass sie es sehr bedaure, aber sie habe leider andere Pläne? Gott über seinen Engel ausrichten lassen, er müsse sich eine andere Gebärfrau suchen – ist das überhaupt denkbar? Sich das verdutzte Antlitz des Engels vorzustellen, ist amüsant, aber für Maria war die Situation furchteinflößend. Sie musste in ihrer Situation eine rachsüchtige Reaktion des Engels oder sogar von Gott befürchten. Ergo: Die enigmatische Inkorporation Jesu im Leib Marias, die sich die Evangelisten ausgedacht haben, stellt ein schwerer Fall von göttlichem Autoritätsmissbrauch dar.

Ein allmächtiger, allwissender Gott wusste, dass Maria sich nicht widersetzen würde. Ein mutiger Gott hätte einige Jahrhunderte auf jemanden wie Alice Schwarzer gewartet, die anders als die arme Maria tatsächlich die Möglichkeit eines freien Willens besitzt. Die Diskussion, die dem Erzengel Gabriel bei Alice Schwarzer bevorstünde, wäre vermutlich anders verlaufen. Die Emma-Lady hätte dem Engel für diese freche Anmaßung Gottes wohl die Flügel gestutzt.

Wie zahlreiche Geschichten aus der Bibel und der Mythologie belegen, war es Frauen nicht gestattet, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden und sich in ihrer individuellen Persönlichkeit frei zu entfalten. Frauen waren Gegenstand männlicher Gebarung und Interessen, im Wesentlichen Sexobjekte, Gebärmaschinen und Haushaltskraft. Glücklicherweise können Frauen in unserer Zeit über ihr Leben selbst bestimmen. Zumindest in jenen zivilisierten Staaten ist das der Fall, wo Staat und Religion streng voneinander getrennt sind. Sollte es Gott einfallen, sich ein weiteres Mal an sein ausgewähltes Volk zu wenden, wird er auf Hindernisse stoßen. Die selbstbewussten Frauen in Israel, die den Militärdienst absolvieren und sich gegenüber Männer behaupten können, würden sich nicht mehr so leicht eine Empfängnis von einem Heiligen Geist aufdrängen lassen. Gut möglich, dass der nächste Jesus als Retortenbaby ins irdische Dasein starten muss.

6. Entführungsopfer Sita begeht zum Treuebeweis die Feuerprobe

Das indische Nationalepos Ramayana, zu übersetzen als „Ramas Reise“, wurde vermutlich um 300 v.u.Z. vom Dichter Valmiki niedergeschrieben. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde das Gedicht stark erweitert und existiert heute in seiner gegenwärtigen Form mit etwa 24.000 Versen. Durch die mündliche Überlieferung bestehen mehrere regionale Versionen des Epos, die sich erheblich voneinander unterscheiden.

Das Epos beschreibt das Leben des Prinzen Rama, eine Inkarnation des Gottes Vishnu, und seinen Kampf gegen den Dämonenkönig Ravana, den er mit Hilfe des treuen Affengottes Hanuman führt. Der Antagonist wird in Indien oft mit zehn Köpfen und 20 Händen dargestellt, aber er konnte jede Gestalt annehmen, die er wollte. Im Verlauf der Handlung gelingt es ihm Sita, die Inkarnation der Göttin Lakshmi und Ehefrau Ramas, zu entführen und nach Lanka, dem heutigen Sri Lanka, zu verbringen. Rama und Hanuman ziehen los, um Sita zu befreien und nach einem epischen Kampf können sie Ravana besiegen und töten. Sita wird befreit.

Bis zu diesem Punkt muss und die Heldenerzählung nicht im Detail interessieren, aber dann wird es spannend: Rama quält der Gedanke, dass Sita während ihrer Gefangenschaft untreu geworden sein könnte. „Welcher Ehrenmann würde eine Frau zurücknehmen, die im Hause eines anderen gelebt hat?“, jammert er. Er fragt nicht danach, ob sich seine Frau in der Gefangenschaft gegen eine Vergewaltigung hätte wehren können. Ihren Unschuldsbeteuerungen glaubt er nicht, er zweifelt an ihrer „Reinheit“. Schließlich weiß Sita sich keinen anderen Rat, als sich zum Beweis für ihre Treue freiwillig zu verbrennen. Als Feuerprobe lässt sich auf einem Scheiterhaufen in Brand stecken. Der Feuergott Agni holt sie im letzten Moment aus den Flammen und legt sie Rama in die Arme.

Happy End, aber ich finde der indische Nationalheld Rama entpuppt sich als ein erbärmliches Subjekt. Im Gegensatz zum Gatte und zum Vater der Römerin Lucretia, von der ich später noch berichten werde, zeigt Rama kein Verständnis für die Situation seiner entführten Frau. Die Liebe des Rama zu seiner Gattin, die das Nationalepos verherrlicht, ist durch den Gedanken an einer möglichen Untreue schnell vergiftet. Der Schwur der ewigen, unerschütterlichen Liebe ist bei Rama leeres Geschwätz. Sita ist hingegen bereit, zum Treuebeweis sich zu verbrennen. Die Message des Mythos: Die Liebe der Frau muss perfekt sein, aber an den Mann werden keine Erwartungen gesetzt.

Aber dieses Ungleichgewicht im Nationalepos kümmert die Inder*innen nicht. Das Gedicht zählt zur Pflichtlektüre in Indien. Sita prägt bis heute die Vorstellung von der perfekten indischen Ehefrau: unterwürfig, hingebungsvoll bis zum Tode.

Ceterum: 2001 gab es einen Eklat im Indien. In künstlerischer Freiheit wurde das Epos dahingehend abgeändert, dass Sita von ihrem Mann verlangt, ebenfalls die Feuerprobe zu begehen. Da beide voneinander getrennt gewesen sind, sollten sich beide beweisen. Eine blasphemische Beleidigung der Religion, skandierten die orthodoxen Hinduisten.

7. Die entlarvende Parallele zwischen Eva und Surpanakha

Eine weitere Protagonistin, beziehungsweise ein bemerkenswerter Aspekt des Ramayana, verdient Beachtung: Das indische Epos weist eine Parallele zum biblischen Sündenfall-Märchen auf. Wie in der Genesis wird auch im Ramayana einer weiblichen Figur die Schuld für alle weiteren Katastrophen gegeben.

Im abendländischen Märchenbuch verführt die von der Schlange bzw. dem Satan verführte Eva den Mann Adam dazu, von der verbotenen Frucht zu kosten. Dies führt zur Verbannung der ersten Menschen aus dem Paradies und zur Erbsünde. Im Ramayana soll Surpanakha, die Schwester von Ravana, die eigentliche Ursache für die kriegerischen Ereignisse gewesen sein, die mit dem Tod von Ravana endeten. Die verschiedenen Versionen des Epos erzählen die Geschichte im Detail divergierend, aber im Kern wird Surpanakha vorgeworfen, den Bruder manipuliert zu haben, um sich an Rama zu rächen.

Was war geschehen? Bereits im Status einer Witwe war Surpanakha auf Rama getroffen und sie interessierte sich sehr für ihn. Rama, der glücklich mit Sita verheiratet war, wies ihre eindeutigen Avancen zurück. Daraufhin versuchte sie ihr Glück bei Lakshmana, dem Bruder von Rama. Dieser machte sich ebenfalls über die Witwe lustig. Vermutlich ist die Vorstellung, dass sich ein Königssohn mit einer sexuell erfahrenen Frau einlässt, ein absolutes Tabu in einer patriarchalischen Gesellschaft.

Gekränkt und wütend über die Zurückweisungen, spricht Surpanakha abfällig über Sita. Mit dieser launischen Lästerung hat sie die Toleranzgrenze von Rama überschritten. Auf dessen Geheiß schneidet ihr Lakshmana die Nase (nach einer anderen Version auch die Ohren) ab und sie ist für immer äußerlich entstellt. Einen neuen Ehemann kann sie mit diesem entstellten Antlitz nicht mehr gewinnen. Die Tat von Rama und Lakshmana war daher unangemessen und grausam.

Surpanakha flüchtet nach Lanka zu ihrem Bruder und erzählte ihm von Sitas Schönheit und Tugenden und rät ihm, Sita zu entführen und zu heiraten. Wie man es von Adam kennt, erweist sich auch der Dämonengott als willensschwach. Das Drama nimmt den oben beschriebenen Verlauf.

In beiden Mythen, Genesis und Ramayana, werden die Frauen als Verführerinnen dargestellt, die die Männer in Versuchung führen und sie zu verbotenen oder idiotischen Taten anstiften. Ihnen wird die Verantwortung aller Katastrophen zugeschoben. Sie sind die Sündenböcke. Hier manifestiert sich tiefer Frauenhass.

8. Savitri folgt ihren Mann in den Tod

Verweilen wir noch in der indischen Kulturgeschichte und richten wir die Aufmerksamkeit auf Savitri. Sie ist eine Protagonistin des Mahabharata, Indiens längstes episches Gedicht. Als Königstochter ist Savitri das Privileg zuteil, sich ihren Gemahl selbst auswählen. Ihre Wahl trifft auf einen integren und tugendhaften Prinzen. Eine Weissagung eines Götterboten kündigt jedoch an, dass er bereits in einem Jahr jung sterben wird. Trotz dieser Prophezeiung ändert Savitri nicht ihre Wahl, und die Hochzeit findet statt. Nach der Hochzeit übt sie sich in Askese und Yoga. Einige Tage vor dem geweissagten Todestermin nimmt ihre Askese mit Fasten im Stehen extreme Züge an. Dann begibt sie sich mit ihrem Gatten in den Wald, um Opferfeuer zu errichten. Erschöpft sinkt der Gemahl ohnmächtig auf ihren Schoß nieder. Der Todesgott erscheint, und will ihn ins Reich des Todes mitnehmen. Doch Savitri folgt ihm und redet auf den Todesgott unaufhörlich ein. Durch ihre argumentative Überlegenheit überzeugt sie ihn, den Gemahl wieder zum Leben zu erwecken.

In der traditionellen hinduistischen Überlieferung wird Savitri als Vorbild für Ehefrauen propagiert. Auf sie geht das heute noch praktizierte Ritual Savitri Vrata zurück. Bei diesem Brauch fasten verheiratete Frauen, manche stehend, und beten für das Wohlbefinden und die Langlebigkeit ihrer Ehemänner. Indische Männer hingegen praktizieren dies nicht. Das mag eine unschuldige Konsequenz dieser Geschichte sein, doch Savitris Bereitschaft, dem Todesgott bis in die Unterwelt zu folgen, untermauert dieses Narrativ, ebenso wie die Erzählung von Sita, und verstärkt das Konzept der Witwenverbrennungen in Indien.

9. Weitere Tode wegen Keuschheit oder Schande (Verginia, Lucretia und Iokaste)

Ein wiederkehrender Topos in den Mythen ist die Verteidigung der weiblichen Jungfräulichkeit bis in den Tod. Im Gegensatz dazu fällt mir kein Fall ein, dass ein Mann sich selbst umbrachte oder von Familienmitgliedern ermordet wurde, weil ihm drohte, aufgezwungenen Sex mit einer Frau zu haben. Im Folgenden werden drei Beispiele aus verschiedenen Kulturen für Frauen genannt, die sterben mussten, weil ihre „Reinheit“ in Gefahr war oder verloren ging.

A. Verginia

Verginia (auch Virginia) soll zur Zeit der frühen römischen Republik gelebt haben. Bei Verginia handelt es sich aber vermutlich um keine historische Person. Der Name leitet sich vom lateinischen Wort „virgo” für „Jungfrau” ab. Ihre (erfundene) Geschichte wurde vom Historiker Titus Livius in seinem Hauptwerk „Ab urbe condita“ über die sagenhafte Gründung und den Aufstieg Roms niedergeschrieben.

Sie soll eine junge, hübsche Plebejerin gewesen sein. Getrieben von sexueller Lust will sie ein mächtiger Decemvir zu seiner Sexsklavin degradieren. Er erfindet eine Geschichte, um einen amtlichen Anspruch auf sie als Sklavin zu erheben. Verginias Vater, ein verdienter Armeeoffizier, und ihr Verlobter setzen sich für sie ein, aber sie kommen gegen das korrupte System der Decemvirs nicht an. Um die Tochter vor ihrem Schicksal der Schändung zu bewahren, sticht der Vater ein Metzgermesser in die Brust seiner Tochter. Das Mädchen verstirbt. In der Folge kommt es zu Unruhen und die Macht der Decimvirs wird gebrochen.

Der Historiker, der zur Zeit des Kaisers Augustus lebte, verfolgt mit dieser Geschichte ein politisches Statement, die weibliche Person Verginia interessiert ihn mitnichten. Gerade deshalb illustriert ihr Schicksal die prekäre Situation von Frauen in der antiken römischen Gesellschaft. Sie waren rechtlich und gesellschaftlich den Männern völlig untergeordnet, schutzlos gegenüber den Willkürakten der Mächtigen. Verginia hat ihren Vater nicht darum gebeten, sie zu töten. Sie war Spielball in einem Machtkampf unter Männern, in dem sie selbst keine Stimme hatte.

B. Lucretia

Von Titus Livius kennen wir auch die Geschichte von Lucretia, aber auch andere Autoren haben über diesen Mythos geschrieben. Der Bericht über Lucretia ist der Erzählung von Verginia/Virginia sehr ähnlich. Wieder nutzt der Historiker den Tod eine unschuldigen Frau, um die verhasste Monarchie schlecht dastehen zu lassen und wiederum geht es um die Weiblichkeitsideale Keuschheit und Treue. Und doch fällt beim Mythos Lucretia ein bemerkenswerter Unterschied auf: Lucretia tötet sich selbst.

Der Sohn des Königs will sie mit einem Schwert zum Geschlechtsverkehr zwingen, doch sie erklärt mutig, lieber sterben zu wollen, als ihrem Mann untreu zu werden. Dieser hatte zuvor seine Frau dem Königssohn vorgestellt, um mit ihrer Tugend und häuslichen Fähigkeiten zu prahlen. Da die Androhung von roher Gewalt bei Lucretia nicht fruchtete, denkt sich der Königssohn eine schreckliche Erpressung aus. Er droht Lucretia an, sie nicht nur zu töten, sondern ihren Leichnam neben den eines toten Sklaven zu legen und sie der Unzucht zu beschuldigen, weshalb er sie beide auf frischer Tat habe töten müssen. Daraufhin lässt Lucretia die Vergewaltigung über sich ergehen, sie wehrt sich nicht mehr.

Der Anschein der Sittsamkeit nach außen war ihr wichtiger, als wahrhaftig bis zum Tod sittsam zu sein, werfen ihr christliche Tugendwächter vor. Und eines der ganz großen Ekelpakete in einer überlangen Reihe katholischer Widerlinge, der Kirchenvater Augustinus, meint sogar, Lucretia habe insgeheim an der Vergewaltigung Gefallen gefunden und sich aus Scham umgebracht.

Nach der Vergewaltigung berichtet Lucretia dem Gatten und ihren Vater alles. Beide Männer sprechen Lucretia von jeglicher Schuld frei, aber sie stößt sich dennoch selbst ein Messer ins Herz. Die Motive der Selbsttötung werden in der umfassenden Rezeption durch Dichter, Künstler, Historiker und Ideologen so divergierend behandelt, dass ich mich auf diese Diskussion nicht einlasse. Die „Fakten“ der (erfundenen) Geschichte sind: Es wurde eine Frau vergewaltigt, die mit diesem schrecklichen Erlebnis nicht weiterleben konnte. Lucretia wurde zum Opfer schändlicher Gewalt. Jede Vergewaltigung durch einen Mann verdeutlicht die brutale Ausübung von männlicher Macht über Frauen. Neben der Verletzung der körperlichen und seelischen Integrität, muss sich die entrechtete, erniedrigte, entmenschlichte Frau auch noch den gesellschaftlichen Erwartungen stellen.

In unserer Gesellschaft verspüren wir ein tiefes Mitleid mit einem Vergewaltigungsopfer, aber in anderen Proto-Zivilisationen herrschen andere Moralvorstellungen vor. In diesen Regionen gilt selbst bei einem unfreiwilligen Geschlechtsverkehr die „Reinheit“ der Frau für unwiderruflich verloren und die „Ehre“ der gesamten Familie als verletzt. Deshalb gibt es in patriarchischen Gesellschaften viele (aber selbstverständlich nicht alle, keine Verallgemeinerung, keine Pauschalverurteilung!) Männer, die ihre Tochter/Schwester/Mutter/Ehefrau lieber tot sehen würden, als dass sie eine Vergewaltigung überlebt. Kommt die Frau zu Tode, gilt es für den Mann als bestätigt, dass die Frau den Sex nicht wollte. Aber überlebt sie die Schandtat, schlussfolgert der Mann, dass sich die Frau nicht angemessen wehrte, mit dem Sex vielleicht sogar insgeheim einverstanden war. Dieser Gedanke ist für sie unerträglich.

C. Iokaste

Wenige kennen den Namen Iokaste, aber alle haben irgendwie von ihrem Sohn gehört. Ödipus lautet sein Name. Der Mythos von Ödipus ist bekannt. Als der ungewollte Inzest mit seiner Mutter sich aufklärt, sticht sich Ödipus beide Augen aus. Aber das ist auch schon alles, was Ödipus als Folgen des Inzest erleiden muss. Blind regiert er als König von Theben weiter, heiratet ein zweites Mal und bekommt mit der zweiten Ehefrau mehrere Kinder (Eins davon, Antigone, wird uns noch beschäftigen). Das Schicksal von Iokaste ist tragischer. Sie muss die schlimmsten Konsequenezen für den nicht gewollten Inzest tragen. Iokaste tötete sich selbst. Der Mythos belegt: Die sittlichen Anforderungen an Frauen sind im Vergleich zu Männern krass strenger. Dies ist auch heute noch in religiösen Gesellschaften erfahrbar.

10. Der Zusammenbruch der Frau wegen unerfüllter Liebe (Echo)

Mythen wurden auch von Müttern an Kindern mündlich weitergegeben, aber niedergeschrieben sind sie in der Antike bis in die Neuzeit ausnahmslos von Männern. Allein der „male glaze“ auf Frauen bestimmte, was es wert war, der Nachwelt mitzuteilen. Das führt mich zu einer weiteren beliebten männlichen Vorstellung: der Zusammenbruch der Frau wegen unerfüllter Liebe, hier gezeigt am Beispiel der bedauernswerten Bergnymphe Echo.

Göttervater Jupiter beauftragt die Nymphe Echo, seine Gattin Juno mit Geschichten abzulenken, damit er sich ungehindert seinen sexuellen Ausschweifungen widmen kann. Juno bemerkt die List, aber bestraft nicht ihren übermächtigen Gatten und Bruder, sondern ihr Zorn richtet sich gegen die Nymphe. Juno beraubt Echo der Sprache und lässt ihr lediglich die Fähigkeit, die letzten an sie gerichteten Worte zu wiederholen. In ihrem sprachlosen Schicksal verfällt Echo der Liebe zum schönen Narzissus. Vergeblich versucht sie, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen, bis endlich die Gelegenheit kommt. Auf der Jagd verliert Narzissus seinen Gefährten und ruft nach ihm. Echo nutzt die Gelegenheit, in einem echoartigen Gespräch ihre Liebe zu bekennen. Doch Narzissus zeigt keinerlei Interesse und weist sie mit gemeinen Worten ab: „Hände weg! Möge ich sterben, bevor du meinen Körper genießt“. Gedemütigt und beschämt wendet sich Echo ab. In ihrer totalen Verzweiflung verkümmert sie, und obwohl unsterblich, verwandeln sich ihre Knochen in Stein, bis nur noch der Klang ihrer Stimme bleibt.

Die Geschichte von Echo illustriert eindringlich die totale Vernichtung des weiblichen Selbstbewusstseins aufgrund unerwiderten Liebesverlangens. Die Männer ergötzen sich an der Verzweiflung der Frau wegen eines Mannes. Frauen, die von Zurückweisung oder Verrat gezeichnet sind, wird kein Neuanfang zugestanden, ein wiederkehrendes Muster in der Mythologie.

11. Die verratene Frau wird aus Rache zur Furie und bringt Unglück übers Land (Dido, Phaidra, Medea)

Während in der Wirklichkeit vornehmlich Männer morden, weil es ihr Ego nicht verkraftet, verlassen zu werden, sind es in den Mythen zumeist die verlassenen Frauen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste bitterlich rächen und den Menschen Unglück bringen.

A. Dido

Bevor Aeneas sich in das heutige Italien niederlässt, um Vater von Romulus und Remus zu werden, hatte er ein Techtelmechtel mit Dido. Sie ist die kluge Königin von Karthago. Aeneas und seine trojanischen Gefährten nimmt sie nach deren Flucht aus dem zerstörten Troja gastfreundlich auf. Unter den Einfluss der Göttin Venus, die Mutter von Aeneas, verliebt sich die Frau in den trojanischen Prinzen und sie verbringen eine schöne Zeit. Göttervater Jupiter ist nicht erfreut. Er schickt Merkur, seinen Boten, aus, um Aeneas an seine höchstpersönliche Bestimmung zu erinnern. Aeneas gehorcht pflichtbewusst und verlässt Karthago. Seine Abreise erfolgt heimlich und feige, denn nicht einmal eine Schnelle-Memo-Sendung (SMS) mit Brieftaube schickt er Dido zum Abschied. Von Liebeskummer gepeinigt und verraten, nimmt sich Dido das Leben. Doch zuvor verflucht sie Aeneas und seine Nachfahren.

Mit dem Fluch liefert Vergil die mythische Erklärung für die Feindschaft zwischen Rom und Karthago. Die hemmungslose Rache einer verratenen Frau soll schuld für den Krieg und das Verderben sein, mit den Hegemonialansprüchen Roms sollen die Kriege mit Karthago nichts zu tun haben. Und während die Frau das Ende der Liebe nicht verkraftet und sich tötet, erfüllt der Mann edel seine (Zeugungs-)Pflicht.

B. Phaidra

Die Geschichte von Adriane, die Theseus unterstützt, das Ungeheuer Minotauros im Labyrinth auf Kreta zu besiegen und dann von Theseus schmählich auf der Insel Naxos zurückgelassen wird, ist Teil des Allgemeinwissens. Über Adriane will ich nicht schreiben, denn sie findet Trost beim Weingott und genießt ein schönes, weinseliges Dasein. Theseus aber heiratete Jahre später Phaidra, die jüngere Schwester der Ariadne. Trotz ihrer Ehe mit Theseus verfängt sich Phaidra in den Netzen verpönten Begehrens und verliebt sich in ihren Stiefsohn. (In einer Version des Mythos ist diese verbotene Liebe einer göttlichen Intervention geschuldet.) Der Stiefsohn weist die Liebe seiner Stiefmutter zurück.

Phaidra begeht wegen der unerfüllten Liebe Selbstmord. Doch das ist nicht das Ende der Tragödie. In ihrer Abschiedsnachricht hinterlässt Phaidra eine verhängnisvolle Anklage, indem sie behauptet, der Stiefsohn habe sie vergewaltigt. Theseus, selbst kein Vorbild an Anstand, entbrennt in Wut, als er von den Anschuldigungen erfährt. Der Sohn flieht ängstlich vor seinem aufgebrachten Vater. Doch seine Flucht ist von kurzer Dauer, denn Theseus kann auf mächtige Verbündete zählen. Der Meeresgott Poseidon schickt auf Bitte des wütenden Vaters ein Ungeheuer, das den Sohn gnadenlos verfolgt und ihn letztendlich in den Tod treibt.

Phaidra ist eine weibliche Figur voller lüsterner Begierden, schwach, verleumderisch und rachsüchtig. Schlimmer kann das Bild von der Frau kaum sein. Oder geht es noch schlimmer? Ja, man kann es noch toppen, zum Beispiel mit der Zauberin Medea.

C. Medea

Medea verfällt dem Helden Jason, als dieser mit seinen Argonauten nach Kolchis kommt, um das Goldene Vlies zu rauben. Mittels Magie und List unterstützt sie Jason erfolgreich bei seinem Vorhaben. Anschließend flieht sie mit ihm nach Griechenland. In Jasons Heimatstadt steht sie unbeirrt an Jasons Seite. Sie nimmt Rache gegen den König, der Jasons Vater einst vertrieben hatte. Die Einzelheiten dieser Gräueltat ist eine andere Geschichte. Medea und Jason müssen wieder fliehen. In Korinth verliebt sich Jason in die hiesige Prinzessin und verstößt die treue Medea. Diese verkraftet den Treuebruch nicht. Ihr Gewaltexzess ist von monströser Natur. Getrieben von Schmerz und Wut, geht Medea über das Maß des Begreiflichen hinaus. Sie tötet nicht nur die Prinzessin, sondern auch ihre eigenen Kinder, nur um Jason den Schmerz zuzufügen, den er ihr zugefügt hat.

Die Mutter, die ihre eigenen Kinder aus verschmähter Liebe tötet, soll der Schlusspunkt der Aufzählung sein, wie die Heiligen Schriften und Mythen das Bild der Frau durchdrungen haben. Es sind ausreichend Beispiele für ein vernichtendes Frauenbild dargeboten worden.

Zur Gegenprobe: Existieren in den Mythen Heldinnen, die aus Motiven, die nicht mit den stereotypen Idealvorstellungen von Weiblichkeit, wie Treue, Keuschheit und unerfüllter Liebe, in den Tod gehen? Ja, solche Beispiele existieren, jedoch sind sie in der kulturellen Historie, soweit mir bekannt, rar gesät. Es handelt sich um Ausnahmen von der Regel. Wiederum ist es mir aus Platzgründen nur möglich, Beispiele zu nennen:

12. Heroinnen als Ausnahmefälle (Antigone, Iphigenie, Medb, Amazonen, die historisch reale Hypatia)

A. Antigone

Antigone, die Tochter von Ödipus, übernimmt die Hauptrolle einer Tragödie von Sophokles, der um das 5. Jahrhundert v. u. Z in Griechenland lebte. Für sein Stück schöpfte Sophokles aus thebanische Mythen, doch Antigone ist eine literarische Gestalt. Antigone steht im Widerstreit mit Kreon, dem despotischen Herrscher von Theben. Die unerschütterliche Entschlossenheit, den Bruder gegen den Willen Kreons die rituelle Bestattung zu gewähren, führt letztlich zum Tod von Antigone. In dieser Geschichte geht es nicht um Keuschheit, Treue oder unerfüllte Liebe, sondern um Pietät, Mitgefühl, geschwisterliche Liebe und um die Bevorzugung der Einhaltung einer göttlichen Ordnung vor der Befolgung irdischen Gesetzen. Oder anders gesagt: Auch bei Antigone steht das vermeintlich weibliche Prinzip der Liebe in Vordergrund, diesmal nicht in der Variante „Ehemann“, sondern in Form der Liebe zur Familie.

B. Iphigenie

Iphigenie ist die älteste Tochter des Königs Agamemnon. Dieser hatte in seiner Hybris die Göttin Artemis als zweitrangige Jägerin verspottet. Artemis ist keine Göttin, die man herabstufen darf. Sie ist ziemlich verärgert und als Strafe verhindert sie, dass die griechische Flotte unter Agamemnons Oberbefehl in den Krieg gegen Troja ziehen konnte. Agamemnon ist entschlossen, in den Krieg zu ziehen, und muss als Sühne die Göttin mit einem Opfer besänftigen. Nach einer Konsultation eines Sehers steht fest, dass er Iphigenie opfern muss. Es existieren Versionen des Mythos, die betonen, dass sich Iphigenie freiwillig opferte, um die griechische Flotte nach Troja segeln zu lassen. Sie sieht ihren Tod als patriotische Pflicht an.

C. Medb

Die keltischen Mythen kennen starke Göttinnen und Frauen, etwa Medb, die Königin von Connacht. Mit dem Frauenbild des semitischen oder griechisch-römischen Kulturkreises hat diese halb-mythische Gestalt nichts gemein. Medb war eine mächtige Königin und Kriegerin, die sowohl körperlich als auch geistig stärker war als viele ihrer Ehemänner und Freier. Sie kann auch böse sein. U.a. tötet sie ihre Schwester. Wer mehr über die interessante Persönlichkeit erfahren möchte, wird in der Ulster-Saga fündig. In diesem Epos kommen auch Männer vor, die an Menstruationsschmerzen leiden – ist mal ein etwas anderer Lesestoff. PS: Man(n) konnte Medb nur töten, weil sie ungeschützt in einem Teich badet. Der Neffe, der sich für die Ermordung seiner Mutter rächen will, schleudert ein Stückchen Käse auf sie und verletzt sie damit tödlich. Irgendwie kein würdiger Tod für eine willensstarke Kriegerin.

  • Amazonen

Amazonen waren Frauen, die wie Männer kämpften. Dafür büßten sie in den Vorstellungen der Männer ihre Weiblichkeit ein: Amazone – a-mazos – brustlos. Ohne weibliche Brust waren die Frauen „manngleich“.

  • Hypatia

Hypatia in diesem Beitrag über Mythen zu erwähnen, ist nicht korrekt. Hypatia ist keine mythische Figur oder Protagonistin eines erfundenen Gedichts, sondern eine historische Person. Ihr schlimmer Tod hat sich aber besonders in das Gedächtnis der Menschheit eingeprägt, weshalb ich sie in meiner Darstellung aufgenommen habe. Die Mathematikerin, Astronomin und Philosophin lebte um das 4. Jahrhundert in Alexandria. Sie war die Tochter des Astronomen Theon von Alexandria. Dieser unterrichtete seine Tochter, so dass wir es mit einer hochgebildeten Frau zu tun haben – eine Ausnahmeerscheinung in der Antike. Über ihr eigenes wissenschaftliches Werk weiß man leider wenig, da ihre Schriften verloren gegangen sind. Als gesichert gilt die Information, dass sie über einen unbändigen Wissensdurst verfügte, ihr Leben ausschließlich der Wissenschaft widmete und unverheiratet blieb.

Auch als Dozentin war sie talentiert. Doch sie lebte in der falschen Epoche. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts hatte sich das Christentum in der antiken Welt weitestgehend durchgesetzt. Heiden wurden erbarmungslos missioniert oder getötet. Hypatias neuplatonische Philosophie galt als heidnisch und in einer Männerwelt wurde es als Affront angesehen, dass eine Frau Naturwissenschaften und Philosophie lehren darf. Christliche Eiferer ermordeten sie besonders bestialisch. Als bereits betagte Frau wurde sie in eine Kirche verschleppt, man riss ihr die Kleider vom Leib und enthäutete sie lebendig mit Scherben. Dese inhumane Tat der frühen Christen ist ein Beispiel für die hasserfüllte Gewalt, die gegen Frauen eingesetzt wird, die sich nicht den religiösen Rollenbildern fügen wollen.

13. Ein kurzes Statement

Ein paar Schwalben machen noch keinen Sommer, und meine willkürliche Auflistung einiger Beispiele aus der Kulturgeschichte beweist allein wenig. Selbst wenn ich sämtliche Mythen und Heiligen Schriften der Welt zusammenführen könnte, ergäbe sich aber am Ende kein anderes Frauenbild. In den von Männern verfassten Schriften und Mythen wird Frauen nur in seltenen Fällen erlaubt, stark und patriotisch zu sein.

Die Realität präsentiert ein anderes Bild. Frauen engagieren sich im Widerstand gegen Terrorregime und beteiligen sich am politischen Kampf ebenso wie Männer. Wenn Männer auf Frauen zurückgreifen, sei es im Krieg oder für eine Sache, stehen Frauen bereit. Es passt kein Blatt zwischen dem Heldenmut einer Frau und der Schneid der Männer.

Frauen sind Wissenschaftlerinnen, Forscherinnen, Philosophinnen, Künstlerinnen und Abenteurerinnen. Sie können all das sein, was Männer auch sind, wenn man ihnen die Freiheit dazu gewährt.

Aufgrund theologischer Scheinbegründungen, Traditionen und männlicher Eifersucht dürfen Frauen keine Priesterinnen und Päpstinnen in der katholischen Kirche werden. Die systematische Ungleichbehandlung der Frau ist einer der Hauptgründe, warum der Vatikan die Charta der Menschenrechtserklärung bis heute nicht unterzeichnet hat. Pfui!

Die Frage, ob die Heiligen Schriften und überlieferten Mythen das Resultat einer frauenfeindlichen Zeit sind oder die Propheten, Dichter und Historiker das negative Frauenbild selbst prägten, stellt ein Henne-und-Ei-Problem dar. Es steht jedoch zweifelsfrei fest, dass schreckliche Männer wie der Kirchenvater Aurelius und viele andere die Frauenverachtung massiv förderten und Fortschritte in diesem Bereich verhinderten.

In meinen Kommentaren bemühe ich mich, breit zu gendern, denn es ist mir ein Anliegen, Frauen sowie die sozialen Geschlechter sichtbar zu machen. Die Veralberung des Genderns in Cabarets mag als sichere Lachnummer gelten, doch ist sie zu kritisieren. Ja, gegenderte Sprache mag mitunter seltsam klingen, und das Gendern ist mühsam und erfordert Gewöhnung. Doch es ist möglich, sich daran zu gewöhnen, wenn der Wille dazu vorhanden ist. Mein Wille ist da. In schriftlichen Werken sollte das Gendern praktiziert werden, da es einen bedeutsamen Unterschied macht, wenn die Neutralität der Geschlechter im Text betont wird. Hierbei sind Augenmaß und ein ausgewogener Weg wichtig. Keiner muss päpstlicher als der Papst sein (der hier nicht als Päpstin gegendert wird, weil dies als Kontrafaktum Unfug wäre).

Abschließend möchte ich eine Anmerkung nicht unerwähnt lassen. Konstruktive Kritik nehme ich gerne an. Es stört mich nicht nur der Frauenhass, sondern auch die männlichen Philosophen, die sich als Frauenflüsterer sehen und von der agapischen Liebe der Frauen schwärmen. Die oft hochgebildeten „Kosmologen“, die die vermeintliche Geschlechterdifferenz betonen und zwischen einem männlichen und einem weiblichen Prinzip unterscheiden, während sie letzteres verklären, nerven mich gewaltig.

Diese Autoren predigen ein männliches und weibliches Prinzip zur Erklärung der Welt und erklären den Kosmos für weiblich. Doch weder ist der Kosmos geschlechtsspezifisch noch existiert in der Welt apriori ein männliches oder weibliches Prinzip. Alte Mythen und weibliche Ur-Götterbilder ändern daran nichts; es sind kulturelle Zuschreibungen, von denen man distanziert berichten sollte, anstatt sie wieder aufleben zu lassen. Die Gleichstellung der Geschlechter hat noch nicht im erforderlichen Ausmaß Einzug in die Köpfe der Menschen gefunden. Von einem weiblichen Kosmos zu sprechen und zwischen männlichen und weiblichen Prinzipien zu unterscheiden, ist in diesem Kontext nicht hilfreich. Seltsamerweise werden diese Autoren von Verlagen als Philosophen betrachtet. Doch es sind keine Philosophen, sondern religiöse Science-Fiction-Autoren, die trotz guter Absichten den Frauen mehr schaden als nützen.

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Dr. Clemens Lintschinger

Autor in humanistischen und atheistischen Themenwelten, glühender Verfechter der unmittelbaren Demokratie, Gegner von linken, rechten und christlichen Ideologien

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1 Response

  1. Servus, ich kann gar nicht genug von deinen Artikeln bekommen. Bitte mach weiter so! VG

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