»Nichts wirkt stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist«

Giordano-Bruno-Stiftung feiert ihr 20-jähriges Bestehen

Dass man auch mit wenig finanziellen Mitteln viel bewegen kann, zeigt der Erfolg der Giordano-Bruno-Stiftung, die 2004 von dem ehemaligen Unternehmer Herbert Steffen und dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon gegründet wurde. Obgleich anfangs nur mit einem Stiftungskapital von 100.000 Euro ausgestattet, konnte die gbs in den vergangenen Jahren erstaunlich große Wirkungen auf deutsche wie internationale Debatten entfalten.

Öffentlichkeitswirksame Kampagnen und Aktionen

So war die gbs mit ihrer Kampagne für das »Recht auf Letzte Hilfe« maßgeblich an der Abschaffung des Paragrafen 217 StGB beteiligt, der professionelle Freitodbegleitungen verbot und 2020 vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig gekippt wurde. Die Stiftung begleitete auch die Gießener Ärztin Kristina Hänel in ihrem Verfahren nach Paragraf 219a, der es Ärztinnen und Ärzten verboten hatte, über die Methoden des Schwangerschaftsbruchs zu informieren, was 2022 vom Deutschen Bundestag aufgehoben wurde und zu einer neuen Debatte über die gesetzliche Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs geführt hat.

Darüber hinaus hat die Giordano-Bruno-Stiftung mit dem »Zentralrat der Ex-Muslime« eine weltweite Protestbewegung von Frauen und Männern mitinitiiert, die sich mit großem Mut gegen totalitäre Islaminterpretationen zu Wehr setzen, und dazu beigetragen, dass bundesweit 40.000 Menschen für die Freiheit von Wissenschaft und Forschung demonstrierten (»March for Science«). Sie stieß mit dem Relaunch des »Great Ape Project« eine neue Debatte über Tierrechte an, stellte bundesweit Strafanzeigen gegen kirchliche Missbrauchstäter, problematisierte die rituelle Körperverletzung der Knabenbeschneidung (»Mein Körper gehört mir!«), brachte den Evolutionsunterricht an deutsche und internationale Grundschulen (»Evokids«) und führte im Rahmen ihrer »Kampagne für digitale Menschenrechte« den Mitgliedern des Europäischen Parlaments vor Augen, was die zunächst geplante, später jedoch zurückgenommene »Aufhebung des digitalen Briefgeheimnisses« bedeuten würde.

Ohne die öffentlichkeitswirksamen Straßenaktionen der Stiftung, etwa dem »Hängemattenbischof« (»Die unermüdliche Aufarbeitung des Missbrauchsskandals«) vor dem Kölner Dom, sowie die juristische Betreuung der Betroffenen durch das stiftungseigene »Institut für Weltanschauungsrecht« wäre der klerikale Missbrauchsskandal wohl längst schon unter den Teppich gekehrt worden. Und ohne die ebenfalls von der gbs gegründete »Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland« wäre in der öffentlichen Debatte wohl komplett untergegangen, dass die konfessionsfreien Menschen schon sehr bald die Mehrheit in Deutschland stellen werden.

Neuer Humanismus

Erstmalig in die Schlagzeilen geriet die Giordano-Bruno-Stiftung 2005 mit ihrer Alternativveranstaltung zum katholischen »Weltjugendtag« unter dem Titel »Religionsfreie Zone: Heidenspaß statt Höllenqual«. Wohl auch deshalb wurde die gbs ab 2007 zum deutschen Ansprechpartner für den vermeintlichen »Kreuzzug der neuen Atheisten«. In der entsprechenden Titelgeschichte des »Spiegel« hieß es dazu: “Die Giordano-Bruno-Stiftung ist das geistige Oberhaupt all derjenigen, die geistigen Oberhäuptern nicht trauen.”

Tatsächlich ging es der gbs jedoch niemals um einen »neuen Atheismus«, sondern vielmehr um einen »neuen Humanismus«, der im Einklang mit wissenschaftlichen Fakten und humanistischen Werten im Sinne der »Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte« steht. Grundlage dieser Position ist die Philosophie des »evolutionären Humanismus«, die von dem Evolutionsbiologen und ersten Generaldirektor der UNESCO, Sir Julian Huxley, in der Nachkriegszeit entwickelt wurde. »Evolutionär« ist dieser Humanismus gleich in zweifacher Hinsicht – nicht bloß, weil er den Menschen konsequent »im Lichte der Evolution« betrachtet, sondern auch, weil er darauf ausgerichtet ist, sich selbst evolutionär weiterzuentwickeln, gemäß der Stiftungsmaxime: »Wir müssen falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen.«

Charakteristisches Merkmal des »evolutionären Humanismus« ist, dass er von einer Einheit von Wissenschaft, Philosophie und Kunst ausgeht. Dies erklärt auch, warum sich in der gbs von Anfang an nicht nur bekannte Geistes- und Sozialwissenschaftler, sondern auch Naturwissenschaftler, Cartoonisten oder Kinderbuchautoren engagieren. Schon 2008 urteilte »SZ Wissen«: “Vorbei ist die Zeit, in der sich nur etwas spießige Freidenkerverbände nach Feierabend damit beschäftigten, der Bibel und dem Bischof ihre Fehler aufzuzeigen. Die 2004 als Thinktank des Naturalismus gegründete gbs verdient allein schon deshalb mehr Beachtung, weil sich in ihrem Beirat Wissenschaftler zusammengeschlossen haben, die zu den Besten ihres Fachs in Deutschland gehören. Die Giordano-Bruno-Stiftung kann zu Recht behaupten, dass sie eine relevante Strömung unter den deutschen Wissenschaftlern vertritt und darüber hinaus.”

Gestiegener Stiftungsetat für mehr Einfluss auf gesellschaftliche Debatten

Es ist nicht zuletzt diesem besonderen »Humankapital« zu verdanken, dass die Giordano-Bruno-Stiftung so großen Einfluss auf gesellschaftliche Debatten nehmen konnte. “Nichts wirkt stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist”, meint dazu Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon, der nach dem Tod von Herbert Steffen den Vorsitz der Giordano-Bruno-Stiftung übernommen hat. “Wir denken, dass die Zeit reif ist für eine humanistische, rationale, evidenzbasierte Alternative zu den bestehenden religiösen oder politischen Ideologien. Dies zeigt sich auch in der Entwicklung der Stiftung: Inzwischen wird die gbs nicht nur von vielen renommierten Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Philosophie und Kunst unterstützt, sondern auch von über 12.000 Fördermitgliedern sowie zahlreichen Regional- und Hochschulgruppen.”

Dank Spenden und Zustiftungen von Dritten konnte die Stiftung ihr Vermögen in den letzten 20 Jahren mehr als verhundertfachen. “Der gestiegene Stiftungsetat ist allerdings auch dringend erforderlich”, sagt Schmidt-Salomon, “um die Prinzipien der offenen Gesellschaft gegen die Internationale der Nationalisten zu verteidigen, die mit ihrem brandgefährlichen Mix aus nationalem Chauvinismus und reaktionären religiösen Werten darauf abzielt, die humanistische Leitidee der Freiheit und Gleichheit aller Menschen zu zerstören.” Gerade vor dem Hintergrund der großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen des »Anthropozäns« sei der weltweite Boom von Identitätspolitiken höchst problematisch, meint der Stiftungssprecher: “Wenn Spitzentechnologie und Spitzenidiotie aufeinandertreffen, sind die Folgen in der Regel katastrophal.”

Die Giordano-Bruno-Stiftung konstatiert in diesem Zusammenhang nicht nur ein Macht-, sondern auch ein gravierendes Bildungsproblem. In seinem aktuellen Buch »Die Evolution des Denkens« (Piper 2024) spricht Schmidt-Salomon diesbezüglich von »dem großen Paradoxon unserer Zeit«: “Noch nie haben Menschen so viel über die Evolution der Materie, des Lebens und des Bewusstseins gewusst – zugleich hat es jedoch noch nie so viele Menschen gegeben, die nicht einmal ansatzweise wissen, was wir bereits wissen. Mit dem James-Webb-Weltraumteleskop können wir heute Galaxien erkunden, die Milliarden Lichtjahre von uns entfernt sind – zugleich sind Abermillionen von Menschen noch immer in ideologischen Bonsai-Welten eingesperrt, deren intellektueller Denkhorizont auf ein solches Miniaturniveau zusammengeschrumpft ist, dass die eigene Religion, das eigene Volk oder die eigene Nation ungeheuer groß erscheinen müssen. Solange wir dieses Bildungsproblem nicht gelöst haben, werden wir mit dem Projekt eines guten Anthropozäns schwerlich vorankommen.”

Die Giordano-Bruno-Stiftung hat sich der Aufgabe gestellt, diesem Bildungsproblem entgegenzuwirken. Auch wenn das Problem angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse in vielen Teilen der Welt kaum lösbar erscheint, haben die Stiftungsverantwortlichen nicht vor, vorauseilend zu resignieren, wie Schmidt-Salomon betont: “Die Evolution hat Jahrmilliarden gebraucht, um ein Wesen hervorzubringen, das in der Lage ist, den evolutionären Prozess zu durchschauen. Schon allein deshalb wäre es schade um uns, würden wir vorzeitig von der Bühne des Lebens abtreten. Damit es nicht dazu kommt, müssen wir das Anthropozän mit dem Besten anreichern, was die Menschheit hervorgebracht hat – nicht mit Plastikmüll, Umweltgiften und lebensfeindlichen Ideologien, sondern mit den großen Errungenschaften der Wissenschaft, Philosophie und Kunst. Wir sind davon überzeugt, dass es für einen solchen Wandel noch nicht zu spät ist. Die Hoffnung, so heißt es, stirbt stets zuletzt.”

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