Was ist das, Humanismus, und woher kommt er?

Danke an Lale Akgün für den mentalen kick-in-the-ass

Humanismus hat keine Gründermutter, keinen Gründervater. Und wahrscheinlich ist das eine seiner größten Stärken.

Es gibt keinen einzelnen Philosophen, kein heiliges Buch und keinen historischen Augenblick, auf den sich ein moderner Humanismus zurückführen ließe. Was wir heute Humanismus nennen, ist vielmehr das Ergebnis einer jahrhundertelangen Auseinandersetzung darüber, was der Mensch ist, was er sein kann, was ihm zusteht und was Menschen einander schulden.

Auf diesem Weg begegnen uns Epikur und Hypatia, Erasmus und Spinoza, Locke und Hume, Kant und Rousseau, Mary Wollstonecraft und John Stuart Mill, Nietzsche und Marx, Bertrand Russell und Karl Popper, Hannah Arendt, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus – daneben viele andere.

Sie bilden keine geschlossene Schule.

Manche widersprechen einander fundamental. Manche vertreten Positionen, die wir heute entschieden ablehnen würden. Manche formulierten universelle Freiheitsideen und waren zugleich Gefangene der Vorurteile ihrer Zeit.

Gerade deshalb verstehen wir sie nicht als Ahnengalerie großer Denker:innen.

Wir verstehen sie als Stationen eines Weges.

Humanismus entsteht dort, wo Menschen beginnen, überlieferte Gewissheiten zu prüfen. Wo Autorität begründungspflichtig wird. Wo Freiheit nicht als Privileg, sondern als Anspruch jedes Menschen gedacht wird. Wo Wissen wichtiger wird als Offenbarung, Kritik wichtiger als Gehorsam und Selbstbestimmung wichtiger als zugeschriebene Rollen. Und Humanismus entwickelt sich weiter, sobald Menschen entdecken, dass auch der bisherige Humanismus selbst blinde Flecken hatte.

So entsteht eine Linie, die von der antiken Frage nach dem guten Leben über Aufklärung und Menschenrechte zu Existentialismus, Feminismus, kritischem Rationalismus und modernen Emanzipationsbewegungen führt.

Die Geschichte dieses Humanismus ist deshalb keine Geschichte fertiger Antworten.

Es ist die Geschichte immer besserer Fragen.


Der Mensch tritt aus dem Schatten der Götter

Bereits in der Antike finden sich Gedanken, die wir heute als humanistisch lesen können, obwohl der moderne Begriff des Humanismus damals noch nicht existierte.

Protagoras: Der Mensch als Maßstab

Protagoras gehört zu den frühesten Denkern, bei denen sich eine radikale Verschiebung erkennen lässt.

Sein berühmter Satz, der Mensch sei das Maß aller Dinge, richtet den Blick weg von einer ausschließlich göttlich geordneten Welt und hin zur menschlichen Erfahrung.

Das bedeutet noch keinen modernen Individualismus und schon gar keine entwickelte Menschenrechtstheorie. Aber eine entscheidende Bewegung beginnt:

Die Welt wird vom Menschen her befragt.

Nicht jede Wahrheit muss aus einer übergeordneten religiösen Autorität stammen.

Damit beginnt eine Denkbewegung, die später für Aufklärung, Wissenschaft und Humanismus entscheidend werden sollte.

Sokrates: Das Recht zu fragen

Sokrates hinterließ keine Schriften. Trotzdem wurde seine Haltung zu einer der mächtigsten Ideen der europäischen Philosophie.

Er fragte.

Und er hörte nicht auf zu fragen, wenn Autoritäten erklärten, die Antwort stehe bereits fest.

Das sokratische Denken enthält deshalb einen elementaren humanistischen Impuls:

Keine Behauptung soll allein deshalb gelten, weil eine Autorität sie ausspricht.

Überzeugungen müssen sich der Kritik stellen.

Damit beginnt etwas, das Jahrtausende später Karl Popper systematisch formulieren wird: Erkenntnis wächst nicht durch Unfehlbarkeit, sondern durch Kritik und die Möglichkeit des Irrtums.

Zwischen Sokrates und Popper liegen mehr als zweitausend Jahre.

Die geistige Verbindung ist dennoch erstaunlich direkt.


Epikur: Dieses Leben zählt

Kaum ein antiker Philosoph wurde von religiösen Gegnern so häufig missverstanden wie Epikur.

Seine Philosophie war keine Aufforderung zu maßlosem Genuss. Im Gegenteil.

Epikur fragte, wie Menschen ein gutes, angstfreies und vernünftiges Leben führen können.

Dazu gehörte insbesondere die Befreiung von zwei Ängsten:

der Angst vor den Göttern und der Angst vor dem Tod.

Wenn Götter existieren, argumentierte Epikur, müssen Menschen ihr Leben nicht in permanenter Furcht vor göttlicher Bestrafung verbringen. Und der Tod selbst könne uns nicht begegnen: Solange wir leben, ist er nicht da; wenn er da ist, sind wir nicht mehr.

Für einen säkularen Humanismus ist daran etwas Entscheidendes:

Dieses Leben besitzt seinen Wert nicht erst durch ein anderes Leben.

Glück, Freundschaft, Freiheit von Angst und vernünftige Selbstbegrenzung werden zu Zielen menschlichen Lebens.

Nicht Erlösung nach dem Tod steht im Mittelpunkt.

Sondern ein gutes Leben vor dem Tod.


Die Stoa: Eine Menschheit

Bei den Stoikern entsteht ein anderer Gedanke, der für die spätere Entwicklung universeller Menschenrechte bedeutsam wird.

Menschen gehören nicht nur ihrer Stadt, ihrem Stamm oder ihrem Reich an.

Sie gehören einer umfassenderen menschlichen Gemeinschaft an.

Der Gedanke des Kosmopolitismus – des Weltbürgertums – beginnt hier philosophische Gestalt anzunehmen.

Bei Seneca, Epiktet und später Marc Aurel begegnet uns die Vorstellung einer gemeinsamen menschlichen Vernunft.

Natürlich bleibt auch die stoische Gesellschaft weit entfernt von moderner Gleichberechtigung. Sklaverei, patriarchale Strukturen und politische Hierarchien bestanden fort.

Aber ein Gedanke war ausgesprochen:

Menschsein verbindet über politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg.

Aus solchen Gedanken wird sehr viel später die Idee universeller Rechte entstehen.


Hypatia: Wissen gegen Fanatismus

Hypatia von Alexandria steht nicht deshalb am Weg des Humanismus, weil sie eine geschlossene humanistische Philosophie entwickelt hätte.

Sie steht dort als Symbol einer Kultur von Wissenschaft, Mathematik, Philosophie und öffentlicher Vernunft.

Als Philosophin und Lehrerin wirkte sie im Alexandria des späten vierten und frühen fünften Jahrhunderts – in einer Welt zunehmender religiöser und politischer Spannungen.

Ihre Ermordung durch einen christlichen Mob wurde später zu einem Symbol für den Konflikt zwischen wissenschaftlicher Vernunft und religiösem Fanatismus.

Historisch sollte man solche Symbole nicht romantisieren.

Aber eine Idee bleibt:

Wo Denken gefährlich wird, weil es nicht mit einer religiösen oder politischen Orthodoxie übereinstimmt, beginnt die Freiheit des Menschen zu verschwinden.

Humanismus braucht deshalb nicht nur Wissen.

Er braucht die Freiheit, Wissen zu suchen.


Renaissance: Der Mensch wird wieder sichtbar

Mit Renaissance und frühem Humanismus verändert sich das europäische Denken erneut.

Antike Texte werden wiederentdeckt, philologisch untersucht und kritisch gelesen.

Der Mensch erscheint zunehmend als gestaltendes Wesen.

Pico della Mirandola: Der Mensch als Möglichkeit

Giovanni Pico della Mirandola formulierte gegen Ende des 15. Jahrhunderts eine Vorstellung, die später geradezu existentialistisch wirken sollte.

Der Mensch habe keinen vollkommen festgelegten Platz in der Schöpfung.

Er könne sich entwickeln.

Er könne sich bilden.

Er könne werden.

Noch bleibt dieser Gedanke tief in einer religiösen Weltsicht verankert. Aber eine neue Vorstellung vom Menschen entsteht:

Der Mensch ist nicht vollständig festgelegt.

Er besitzt Möglichkeiten.

Diese Idee wird Jahrhunderte später bei Sartre und Beauvoir in radikal säkularer Form wiederkehren.


Erasmus: Humanität gegen Fanatismus

Erasmus von Rotterdam war kein Gegner des Christentums.

Gerade deshalb ist er für die Geschichte des Humanismus interessant.

Er verband christliche Überzeugungen mit Gelehrsamkeit, sprachlicher Genauigkeit, Bildung und Skepsis gegenüber Fanatismus.

Er misstraute religiöser Rechthaberei.

Und er glaubte an Bildung als zivilisierende Kraft.

Hier erscheint ein Motiv, das den Humanismus bis heute begleitet:

Menschen sollen überzeugt werden – nicht gezwungen.


Die wissenschaftliche Revolution: Wissen wird überprüfbar

Mit Kopernikus, Galileo Galilei, Francis Bacon und später Newton verändert sich nicht nur unser Bild des Universums.

Es verändert sich die Vorstellung davon, wie Menschen überhaupt etwas wissen können.

Beobachtung, Experiment, Mathematik und nachvollziehbare Argumentation gewinnen gegenüber Autorität und Tradition an Bedeutung.

Francis Bacon: Wissen durch Erfahrung

Bacon fordert eine systematische Untersuchung der Natur.

Dabei erkennt er etwas, das heute erstaunlich modern klingt:

Menschen neigen zu Denkfehlern.

Sie sehen, was sie sehen wollen.

Sie übernehmen Vorurteile.

Sie lassen sich durch Sprache, Tradition und Erwartung täuschen.

Er nennt solche Verzerrungen die Idole des Denkens.

Ein moderner Humanismus kann daraus eine einfache Konsequenz ziehen:

Vernunft bedeutet nicht, dass Menschen automatisch vernünftig sind.

Vernunft bedeutet, Verfahren zu entwickeln, mit denen wir unsere eigenen Irrtümer entdecken können.

Damit führt der Weg erneut zu Popper.


Spinoza: Freiheit des Denkens

Baruch de Spinoza gehört zu den radikalsten Denkern der frühen Moderne.

Er kritisierte traditionelle Gottesvorstellungen, religiöse Autorität und die politische Macht organisierter Religion.

Besonders wichtig wurde seine Verteidigung der Gedanken- und Redefreiheit.

Für Spinoza gefährdet freies Denken den Staat nicht.

Im Gegenteil:

Ein vernünftiges Gemeinwesen muss Freiheit des Denkens ermöglichen.

Damit erhält der Humanismus eine politische Dimension.

Es reicht nicht, dass Einzelne frei denken wollen.

Gesellschaften müssen Institutionen schaffen, in denen freies Denken möglich bleibt.


John Locke: Rechte vor der Herrschaft

Locke gehört zu den entscheidenden Denkern des Liberalismus.

Regierungen besitzen ihre Legitimität nicht einfach durch Tradition oder göttliches Recht.

Politische Herrschaft muss gegenüber den Regierten begründet werden.

Menschen besitzen Rechte.

Regierung dient dem Schutz dieser Rechte.

Das klingt für uns heute beinahe selbstverständlich.

Historisch war es revolutionär.

Doch auch Locke zeigt die Ambivalenz der Geschichte des Freiheitsdenkens. Universal klingende politische Ideen entstanden in einer Welt von Kolonialismus, Sklaverei und massiver sozialer Ungleichheit.

Die Geschichte des Humanismus besteht deshalb immer auch darin, universelle Versprechen ernster zu nehmen als manche ihrer Urheber.


David Hume: Skepsis als Tugend

David Hume gehört zu den großen Skeptikern der Aufklärung.

Er untersucht, wie Menschen tatsächlich denken – nicht nur, wie sie nach philosophischen Idealen denken sollten.

Dabei zeigt er, wie begrenzt unsere Gewissheiten sind.

Viele vermeintlich sichere Erkenntnisse beruhen auf Gewohnheit, Erwartung und Erfahrung.

Hume lehrt uns deshalb eine Haltung, die für modernen Humanismus zentral ist:

Überzeugt sein dürfen – ohne sich für unfehlbar zu halten.

Das unterscheidet Skepsis von Zynismus.

Skepsis sagt nicht:

Wir können nichts wissen.

Sie sagt:

Wir sollten sehr genau prüfen, warum wir glauben, etwas zu wissen.


Voltaire: Gegen Fanatismus

Voltaire war widersprüchlich, polemisch und keineswegs frei von Vorurteilen seiner Epoche.

Aber wenige Aufklärer kämpften so wirkungsvoll gegen religiösen Fanatismus, Folter und Justizwillkür.

Seine Interventionen in konkreten Fällen zeigen außerdem einen wichtigen Übergang:

Philosophie verlässt den Schreibtisch.

Sie greift in gesellschaftliche Konflikte ein.

Humanismus wird dadurch mehr als Weltanschauung.

Er wird Einmischung.


Rousseau: Freiheit – aber für wen?

Jean-Jacques Rousseau gehört zu den einflussreichsten Philosophen politischer Freiheit.

Seine Vorstellung, dass politische Ordnung auf der Freiheit und Gleichheit der Bürger beruhen müsse, beeinflusste die moderne Demokratie tiefgreifend.

Doch gerade Rousseau zeigt, warum eine humanistische Denktradition keine Heldengalerie sein darf.

Sein Freiheitsdenken galt keineswegs gleichermaßen für Frauen.

Sein Frauenbild blieb patriarchal.

Frauen wurden wesentlich über ihre Beziehung zu Männern gedacht.

Damit entsteht ein Widerspruch, der für die Geschichte des Humanismus charakteristisch ist:

Ein universeller Begriff wird formuliert – aber nicht universell angewendet.

Der spätere Humanismus entwickelt sich häufig dadurch weiter, dass genau diese Widersprüche sichtbar gemacht werden.


Kant: Universalismus und sein eigener Widerspruch

Immanuel Kant gehört unvermeidlich auf diesen Weg.

Seine Vorstellung vom Menschen als autonomem vernünftigem Wesen prägt moderne Ethik und Menschenrechtsdenken bis heute.

Menschen dürfen niemals ausschließlich als Mittel behandelt werden.

Sie besitzen einen Eigenwert.

Moral verlangt Universalität.

Diese Gedanken gehören zu den stärksten philosophischen Grundlagen moderner Menschenwürde.

Und gleichzeitig finden sich bei Kant rassistische Hierarchisierungen und problematische Aussagen über Frauen.

Das ist keine belanglose historische Fußnote.

Es zeigt ein fundamentales Problem.

Der Philosoph der Universalität war selbst nicht konsequent universalistisch.

Eine kritische humanistische Tradition muss deshalb beides gleichzeitig sagen können:

Kants ethischer Universalismus war revolutionär.

Und Kant selbst blieb in wesentlichen Fragen hinter diesem Universalismus zurück.

Gerade darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen Humanismus und Dogma:

Wir müssen einen Denker nicht retten, um einen guten Gedanken bewahren zu können.


Mary Wollstonecraft: Wenn Menschenrechte wirklich Menschenrechte sind

Mary Wollstonecraft stellt eine Frage, die aus heutiger Sicht selbstverständlich erscheint und zu ihrer Zeit revolutionär war:

Wenn Vernunft und Freiheit menschliche Eigenschaften sind – warum sollten Frauen davon ausgeschlossen sein?

In ihrer Verteidigung der Rechte der Frau richtet sie die Logik der Aufklärung gegen deren eigene Begrenzungen.

Das ist ein Muster, das uns immer wieder begegnen wird.

Der Humanismus entwickelt sich nicht nur durch neue Ideen.

Er entwickelt sich dadurch, dass Menschen die alten universellen Versprechen ernst nehmen.

Wenn Freiheit universal ist, muss sie auch Frauen gelten.

Wenn Würde universal ist, kann sie nicht vom Geschlecht abhängen.

Wenn Bildung Menschen zur Selbstbestimmung befähigt, darf Bildung kein männliches Privileg bleiben.

Hier beginnt eine direkte Linie zum modernen feministischen Humanismus.


Feuerbach: Der Mensch hinter der Religion

Ludwig Feuerbach verändert die Religionskritik.

Er fragt nicht nur, ob religiöse Behauptungen wahr sind.

Er fragt, warum Menschen Religion hervorbringen.

Seine These lautet vereinfacht:

Menschen projizieren menschliche Eigenschaften und Wünsche auf göttliche Wesen.

Damit verändert sich die Perspektive.

Nicht Gott erklärt den Menschen.

Der Mensch erklärt Gott.

Diese Umkehrung beeinflusste Marx und zahlreiche spätere Religionskritiker.

Für einen modernen säkularen Humanismus bleibt Feuerbach interessant, weil Religion damit nicht ausschließlich als Irrtum betrachtet werden muss.

Sie kann auch als menschliches Phänomen verstanden werden.

Und menschliche Phänomene verlangen Erklärung, nicht bloß Verurteilung.


Marx: Freiheit braucht materielle Bedingungen

Karl Marx stellt eine unangenehme Frage an liberale Freiheitsvorstellungen:

Wie frei ist ein Mensch tatsächlich, wenn seine Lebensbedingungen ihm kaum Handlungsmöglichkeiten lassen?

Formale Freiheit allein reicht nicht.

Wer hungert, wer vollkommen wirtschaftlich abhängig ist, wer keinen Zugang zu Bildung oder gesellschaftlicher Teilhabe besitzt, verfügt zwar möglicherweise über Rechte – aber nur eingeschränkt über reale Möglichkeiten.

Marx zwingt den Humanismus damit, über gesellschaftliche Strukturen nachzudenken.

Freiheit ist nicht nur die Abwesenheit staatlicher Unterdrückung.

Freiheit braucht Voraussetzungen.

Diese Erkenntnis wird später auch für feministische Theorie zentral.


John Stuart Mill: Freiheit und Gleichberechtigung

John Stuart Mill verbindet Liberalismus, individuelle Freiheit und frühe feministische Argumentation.

Sein Freiheitsprinzip gehört zu den Grundlagen moderner liberaler Demokratien:

Menschen sollen ihr eigenes Leben gestalten können, solange sie anderen keinen Schaden zufügen.

Doch Mill geht weiter.

Gemeinsam mit Harriet Taylor Mill entwickelt er eine scharfe Kritik an der rechtlichen und gesellschaftlichen Unterordnung von Frauen.

Damit wird ein entscheidender Zusammenhang sichtbar:

Individuelle Freiheit und Gleichberechtigung gehören zusammen.

Eine Gesellschaft kann sich nicht liberal nennen, solange die Hälfte ihrer Bevölkerung strukturell abhängig gehalten wird.


Nietzsche: Die Zumutung der Selbstverantwortung

Friedrich Nietzsche lässt sich kaum problemlos in eine humanistische Tradition einordnen.

Und gerade deshalb gehört er an den Rand dieses Weges.

Er zerlegt moralische Gewissheiten.

Er fragt nach ihrer Herkunft.

Er misstraut der Vorstellung ewiger Werte.

Seine Kritik an Religion richtet sich nicht nur gegen Glaubenssätze, sondern gegen moralische Systeme, die Menschen daran hindern könnten, ihr eigenes Leben zu gestalten.

Nietzsche bietet keine humanistische Ethik im heutigen Sinn.

Aber er stellt eine Frage, die Humanismus ernst nehmen muss:

Woher kommen unsere Werte?

Sind sie begründet?

Oder haben wir sie lediglich geerbt?

Humanismus kann darauf nur eine Antwort geben:

Auch unsere eigenen Werte müssen begründbar und kritisierbar bleiben.


Bertrand Russell: Vernunft ohne Gewissheitswahn

Bertrand Russell verbindet Mathematik, Philosophie, politische Intervention, Religionskritik und Friedensengagement.

Für einen modernen Humanismus ist besonders seine intellektuelle Haltung bedeutsam.

Russell misstraut Gewissheiten.

Nicht weil Wahrheit unwichtig wäre.

Sondern weil Menschen dazu neigen, ihre eigenen Überzeugungen mit Wahrheit zu verwechseln.

Diese Haltung ist für demokratische Gesellschaften zentral.

Fanatismus entsteht häufig dort, wo Zweifel als Schwäche verstanden wird.

Humanismus dagegen braucht die Fähigkeit zu sagen:

Ich kann mich irren.


Karl Popper: Humanismus braucht Fehlbarkeit

Bei Karl Popper laufen mehrere dieser Denktraditionen zusammen.

Wissenschaft.

Kritik.

Demokratie.

Freiheit.

Und die Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen.

Popper gehört deshalb zu den wichtigsten Bezugspunkten eines modernen Humanismus.

Seine Wissenschaftstheorie beginnt mit einem scheinbar einfachen Gedanken:

Wir können Theorien nicht endgültig beweisen.

Aber wir können versuchen, sie zu widerlegen.

Wissenschaft wächst deshalb nicht durch die Ansammlung unerschütterlicher Wahrheiten.

Sie wächst durch Kritik.

Eine gute Theorie muss scheitern können.

Was nicht widerlegt werden kann, entzieht sich wissenschaftlicher Prüfung.

Doch Poppers Bedeutung reicht weit über Wissenschaftstheorie hinaus.

Sein politisches Denken überträgt dasselbe Prinzip auf Gesellschaften.

Auch politische Systeme müssen korrigierbar sein.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Wer soll herrschen?

Sondern:

Wie können wir schlechte Herrscher wieder loswerden, ohne Blutvergießen?

Das ist ein tief humanistischer Gedanke.

Demokratie beruht dann nicht auf der Vorstellung, dass die Mehrheit immer recht hat.

Sie beruht darauf, dass politische Entscheidungen friedlich korrigiert werden können.

Eine offene Gesellschaft ist deshalb keine Gesellschaft ohne Konflikte.

Sie ist eine Gesellschaft, die institutionell mit Konflikten leben kann.

Sie erlaubt Kritik.

Sie schützt Opposition.

Sie akzeptiert Irrtum.

Und sie schafft Verfahren zur Korrektur.

Für einen modernen Humanismus ist das entscheidend:

Humanismus darf niemals selbst zur unfehlbaren Weltanschauung werden.

Auch humanistische Positionen müssen kritisierbar bleiben.

Auch wir können irren.

Vielleicht könnte man daraus sogar eine kleine humanistische Erkenntnisregel formulieren:

Keine Person ist unfehlbar. Keine Theorie ist heilig. Keine Institution steht über Kritik.


Hannah Arendt: Menschen brauchen eine gemeinsame Welt

Hannah Arendt richtet den Blick auf Macht, Totalitarismus, Verantwortung und Öffentlichkeit.

Bei ihr wird deutlich:

Menschliche Freiheit existiert nicht nur im Inneren eines Individuums.

Sie braucht eine gemeinsame politische Welt.

Menschen müssen sprechen können.

Handeln können.

Widersprechen können.

Öffentlich sichtbar sein können.

Totalitäre Systeme zerstören gerade diese gemeinsame Welt.

Sie isolieren Menschen und ersetzen pluralistische Wirklichkeit durch Ideologie.

Arendt erinnert den Humanismus deshalb daran, dass Freiheit nicht allein Privatangelegenheit ist.

Freiheit braucht Öffentlichkeit.


Sartre: Der Mensch ist nicht fertig

Mit Jean-Paul Sartre erreicht eine lange Entwicklung einen radikalen Punkt.

Der Mensch besitzt keine vorgegebene Essenz.

Er wird durch seine Entscheidungen zu dem, was er ist.

Sartres berühmte Formel lautet:

Die Existenz geht der Essenz voraus.

Damit fällt eine traditionelle Vorstellung weg:

Es gibt keinen festgelegten menschlichen Bauplan, aus dem sich automatisch ergibt, wie wir leben sollen.

Das ist befreiend.

Und beunruhigend.

Denn wenn es keinen fertigen Plan gibt, können wir Verantwortung nicht delegieren.

Wir müssen entscheiden.

Nicht zu entscheiden ist ebenfalls eine Entscheidung.

Humanismus wird damit existentiell.

Er betrifft nicht mehr nur politische Rechte oder philosophische Anthropologie.

Er betrifft die konkrete Verantwortung jedes Menschen für sein eigenes Leben.


Albert Camus: Menschlichkeit ohne metaphysische Garantie

Albert Camus geht einen anderen Weg.

Die Welt liefert uns keine offensichtliche Antwort auf die Frage nach ihrem Sinn.

Der Mensch sucht Bedeutung.

Das Universum schweigt.

Aus dieser Spannung entsteht für Camus das Absurde.

Doch daraus folgt kein Nihilismus.

Im Gegenteil.

Gerade weil es keine metaphysische Garantie für Gerechtigkeit gibt, wird menschliche Solidarität wichtiger.

Menschen müssen füreinander eintreten.

Nicht weil irgendeine höhere Macht ihnen garantiert, dass das Gute siegen wird.

Sondern weil Leid real ist.

Vielleicht gehört gerade das zu den stärksten säkular-humanistischen Gedanken:

Wir helfen Menschen nicht, weil das Universum es verlangt. Wir helfen ihnen, weil Menschen uns brauchen.


Simone de Beauvoir: Der entscheidende Übergang

Und dann kommt Simone de Beauvoir.

Bei ihr verbinden sich mehrere Stränge, die bisher nebeneinander verlaufen sind.

Aufklärung.

Freiheit.

Existentialismus.

Gesellschaftskritik.

Feminismus.

Emanzipation.

Beauvoir übernimmt vom Existentialismus die Vorstellung, dass Menschen nicht vollständig durch eine vorgegebene Natur bestimmt sind.

Aber sie stellt eine Frage, die Sartres abstraktes Freiheitsverständnis entscheidend erweitert:

Unter welchen Bedingungen können Menschen tatsächlich frei werden?

Denn Menschen existieren nicht im luftleeren Raum.

Sie werden in Gesellschaften geboren.

Sie erhalten Namen.

Geschlechterrollen.

Erwartungen.

Normen.

Möglichkeiten.

Verbote.

Privilegien.

Benachteiligungen.

Berühmt wurde deshalb ihre Feststellung, man werde nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht.

Die philosophische Sprengkraft dieses Gedankens reicht weit über Geschlechterfragen hinaus.

Menschen werden gesellschaftlich kategorisiert.

Ihnen werden Rollen zugeschrieben.

Und diese Zuschreibungen können Freiheit ermöglichen oder beschränken.

Damit verbindet Beauvoir Existentialismus und Feminismus.

Der Mensch ist frei.

Aber Freiheit besitzt gesellschaftliche Voraussetzungen.

Hier treffen sich Sartre, Marx, Mill und Wollstonecraft auf überraschende Weise.


Die Frankfurter Schule: Vernunft kann selbst zum Herrschaftsinstrument werden

Mit Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und später Jürgen Habermas erhält die kritische Tradition eine weitere Wendung.

Die Aufklärung hatte Vernunft gegen Mythos gestellt.

Doch die Erfahrung des 20. Jahrhunderts zeigte:

Technische Rationalität allein verhindert Barbarei nicht.

Eine hoch entwickelte Gesellschaft kann wissenschaftlich fortgeschritten und gleichzeitig unmenschlich sein.

Deshalb muss Vernunft selbst kritisch betrachtet werden.

Nicht jede effiziente Lösung ist eine humane Lösung.

Nicht alles, was technisch möglich ist, ist gesellschaftlich wünschenswert.

Diese Frage ist heute angesichts künstlicher Intelligenz, algorithmischer Entscheidungsverfahren und Biotechnologie aktueller denn je.


Emmanuel Levinas: Der andere Mensch kommt zuerst

Levinas verschiebt die Ethik noch einmal.

Moral beginnt für ihn nicht mit abstrakten Regeln.

Sie beginnt mit der Begegnung mit einem anderen Menschen.

Der andere stellt einen Anspruch an mich.

Damit erscheint Verantwortung nicht nur als Ergebnis rationaler Überlegung.

Sie beginnt bereits dort, wo ich einem verletzlichen Menschen gegenüberstehe.

Für einen Humanismus, der nicht nur abstrakte Prinzipien formulieren will, ist das ein wichtiger Gedanke.

Menschenrechte existieren nicht nur auf Papier.

Sie begegnen uns im konkreten Menschen.


Michel Foucault: Wer definiert eigentlich Normalität?

Foucault gehört ebenfalls nicht einfach in eine klassische humanistische Tradition.

Er kritisierte sogar bestimmte Formen des Humanismus.

Gerade deshalb ist er wichtig.

Foucault untersucht, wie Gesellschaften Kategorien erzeugen:

normal und abnormal,

gesund und krank,

vernünftig und unvernünftig,

angepasst und abweichend.

Dabei zeigt er, dass Wissen und Macht häufig miteinander verbunden sind.

Institutionen beschreiben Menschen nicht nur.

Sie formen Möglichkeiten.

Gefängnisse.

Psychiatrien.

Schulen.

Medizin.

Verwaltungen.

Sie alle definieren Normalität.

Ein moderner Humanismus muss deshalb fragen:

Wer entscheidet eigentlich, was normal ist?

Und:

Welche Folgen haben diese Definitionen für konkrete Menschen?


Judith Butler: Identität ist nicht einfach Schicksal

Judith Butler entwickelt bestimmte Gedanken Beauvoirs weiter.

Geschlecht ist nicht ausschließlich eine biologische oder individuelle Eigenschaft.

Geschlechterrollen entstehen auch durch gesellschaftliche Erwartungen, Sprache und wiederholte soziale Praktiken.

Unabhängig davon, wie weit man einzelnen theoretischen Positionen Butlers folgt, bleibt eine humanistisch zentrale Frage:

Wie viel Freiheit besitzen Menschen gegenüber gesellschaftlichen Zuschreibungen?

Und welche gesellschaftlichen Bedingungen brauchen Menschen, damit sie ihr Leben selbst bestimmen können?

Damit reicht der Emanzipationsgedanke des Humanismus unmittelbar in aktuelle Debatten hinein.


Martha Nussbaum: Was brauchen Menschen, um wirklich frei zu sein?

Martha Nussbaum verbindet Philosophie, Menschenrechte und konkrete Lebensbedingungen.

Gemeinsam mit Amartya Sen entwickelte sie den sogenannten Capability Approach weiter.

Die entscheidende Frage lautet dabei nicht nur:

Welche Rechte besitzt ein Mensch formal?

Sondern:

Was kann dieser Mensch tatsächlich tun und sein?

Kann er sich bilden?

Kann er politisch teilnehmen?

Kann er Beziehungen eingehen?

Kann er über seinen Körper entscheiden?

Kann er ohne Angst leben?

Damit erhält der humanistische Freiheitsbegriff eine konkrete Dimension.

Ein Recht, das niemals wahrgenommen werden kann, bleibt unvollständig.


Peter Singer und die Erweiterung des moralischen Kreises

Auch Peter Singer gehört an den Rand unseres Weges – und zwar gerade deshalb, weil viele seiner Positionen kontrovers diskutiert werden.

Singer stellt die Frage, welche Wesen moralische Berücksichtigung verdienen.

Warum sollte Leid weniger zählen, nur weil das leidende Wesen einer anderen Spezies angehört?

Damit erweitert sich eine Entwicklung, die im Humanismus immer wieder stattgefunden hat:

Der Kreis derjenigen, deren Interessen moralisch zählen, wird größer.

Dabei müssen Singers eigene Positionen – insbesondere dort, wo es um Behinderung, Lebenswert und bioethische Grenzfragen geht – selbst kritisch diskutiert werden.

Auch hier gilt:

Keine Autorität.

Keine Heiligen.

Argumente müssen geprüft werden.


Richard Rorty: Solidarität statt letzter Wahrheiten

Richard Rorty stellt eine weitere Herausforderung an den Humanismus.

Vielleicht brauchen wir keine endgültige philosophische Begründung dafür, dass Grausamkeit falsch ist.

Vielleicht reicht es, unsere Fähigkeit zur Solidarität zu erweitern.

Menschenrechte würden dann nicht ausschließlich dadurch stärker, dass wir immer bessere abstrakte Beweise für sie finden.

Sie werden stärker, wenn Menschen lernen, andere Menschen als Teil eines gemeinsamen „Wir“ zu sehen.

Das ist keine Absage an Vernunft.

Aber eine Erinnerung daran, dass moralischer Fortschritt auch mit Empathie, Geschichten und Erfahrung zu tun hat.


Was verbindet all diese Menschen?

Nicht eine gemeinsame Lehre.

Nicht eine gemeinsame Religion.

Nicht einmal eine gemeinsame Vorstellung vom Menschen.

Die Verbindung liegt tiefer.

Protagoras verschiebt den Maßstab zum Menschen.

Sokrates fordert das Recht zu fragen.

Epikur befreit das Leben von metaphysischer Angst.

Die Stoiker denken eine gemeinsame Menschheit.

Hypatia steht für die Freiheit des Wissens.

Pico denkt den Menschen als Möglichkeit.

Erasmus stellt Humanität gegen Fanatismus.

Bacon sucht Methoden gegen unsere eigenen Irrtümer.

Spinoza verteidigt Gedankenfreiheit.

Locke begrenzt politische Herrschaft durch Rechte.

Hume macht Skepsis zur intellektuellen Tugend.

Voltaire kämpft gegen Fanatismus und Justizwillkür.

Rousseau radikalisiert politische Freiheit – und zeigt zugleich deren historische Begrenzung.

Kant formuliert Universalität – und widerspricht ihr selbst.

Wollstonecraft fordert, Universalität endlich universal anzuwenden.

Feuerbach richtet den Blick vom Himmel zurück auf den Menschen.

Marx fragt nach den materiellen Bedingungen von Freiheit.

Mill verbindet Freiheit mit Gleichberechtigung.

Nietzsche zwingt uns, die Herkunft unserer Werte zu untersuchen.

Russell verteidigt Vernunft ohne Gewissheitswahn.

Popper macht Fehlbarkeit zum Prinzip einer offenen Gesellschaft.

Arendt zeigt, dass Freiheit Öffentlichkeit braucht.

Sartre erklärt Freiheit zur existentiellen Verantwortung.

Camus begründet Solidarität ohne metaphysische Garantie.

Beauvoir verbindet Freiheit mit gesellschaftlicher Emanzipation.

Adorno und Horkheimer zeigen die Ambivalenz moderner Rationalität.

Levinas erinnert an die Verantwortung gegenüber dem konkreten anderen Menschen.

Foucault fragt nach den gesellschaftlichen Mechanismen der Normalisierung.

Butler untersucht die Macht gesellschaftlicher Zuschreibungen.

Nussbaum fragt nach den tatsächlichen Möglichkeiten menschlicher Selbstbestimmung.

Und viele andere führen diese Auseinandersetzung weiter.


Ein roter Faden

Vielleicht lässt sich diese Geschichte auf einen erstaunlich einfachen Gedanken reduzieren.

Am Anfang steht die Frage:

Dürfen Menschen selbst denken?

Dann folgt:

Dürfen Menschen selbst entscheiden?

Dann:

Gelten Freiheit und Würde wirklich für alle?

Und schließlich:

Welche gesellschaftlichen Voraussetzungen müssen wir schaffen, damit Menschen tatsächlich frei und selbstbestimmt leben können?

Genau an dieser Stelle verbinden sich Aufklärung, Humanismus, Existentialismus und Feminismus.


Humanismus als Emanzipationsgeschichte

Die Aufklärung sagt:

Denke selbst.

Der Liberalismus sagt:

Entscheide selbst.

Der kritische Rationalismus sagt:

Rechne damit, dass du dich irrst.

Der Existentialismus sagt:

Du bist für dein Leben verantwortlich.

Der Feminismus sagt:

Prüfe, welche gesellschaftlichen Strukturen verhindern, dass Menschen tatsächlich selbst entscheiden können.

Der moderne Humanismus muss all diese Fragen zusammendenken.

Daraus entsteht ein Humanismus, der weit über Religionskritik hinausgeht.

Religionsfreiheit gehört dazu.

Konfessionsfreiheit ebenso.

Aber Humanismus erschöpft sich nicht darin.


Freiheit ist mehr als die Abwesenheit von Religion

Ein Mensch kann vollkommen religionsfrei und trotzdem unfrei sein.

Er kann wirtschaftlich abhängig sein.

Er kann diskriminiert werden.

Er kann wegen seines Geschlechts eingeschränkt werden.

Wegen seiner Herkunft.

Wegen seiner sexuellen Orientierung.

Wegen einer Behinderung.

Wegen seiner sozialen Stellung.

Wegen seines Alters.

Oder weil gesellschaftliche Institutionen Entscheidungen über ihn treffen, ohne seine Stimme ernst zu nehmen.

Deshalb genügt es einem modernen Humanismus nicht, Religion aus staatlichen Institutionen zurückzudrängen.

Das ist wichtig.

Aber es ist nur ein Teil eines größeren Projekts.

Dieses Projekt heißt:

Selbstbestimmung.


Humanismus muss deshalb politisch sein

Nicht parteipolitisch.

Aber gesellschaftspolitisch.

Wer Menschenwürde sagt, muss über Armut sprechen.

Wer Selbstbestimmung sagt, muss über Sterbehilfe sprechen.

Wer Gleichheit sagt, muss über Geschlechtergerechtigkeit sprechen.

Wer Freiheit sagt, muss über Meinungsfreiheit sprechen.

Wer Wissenschaft sagt, muss über Wissenschaftsfreiheit sprechen.

Wer Menschenrechte sagt, muss über Geflüchtete, Minderheiten und Menschen in Kriegen sprechen.

Wer körperliche Selbstbestimmung sagt, muss über Schwangerschaftsabbruch, Genitalverstümmelung und medizinische Entscheidungsfreiheit sprechen.

Wer offene Gesellschaft sagt, muss über Demokratie und autoritäre Entwicklungen sprechen.

Und wer Verantwortung sagt, muss über Klima, Technologie und die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen sprechen.

Humanismus kann sich nicht hinter abstrakten Begriffen verstecken.

Seine Prinzipien müssen Folgen haben.


Kein Humanismus ohne Feminismus

Hier wird die Verbindung zum Feminismus besonders deutlich.

Ein Humanismus, der behauptet, alle Menschen seien frei und gleich, aber geschlechtsspezifische Machtverhältnisse ignoriert, bleibt unvollständig.

Feministische Kritik hat den Humanismus gezwungen, seine eigenen Begriffe ernst zu nehmen.

Wer ist mit „Mensch“ gemeint?

Wer spricht?

Wer entscheidet?

Wer wird gehört?

Wer verrichtet unbezahlte Arbeit?

Wer verfügt über den eigenen Körper?

Wer wird geschützt?

Wer wird geglaubt?

Wer besitzt politische, wirtschaftliche und kulturelle Macht?

Das sind keine Randfragen.

Sie betreffen den Kern des humanistischen Freiheitsversprechens.


Kein Humanismus ohne Zweifel

Ebenso wichtig ist Poppers Vermächtnis.

Humanismus darf niemals selbst dogmatisch werden.

Es wäre ein grotesker Widerspruch, religiöse Unfehlbarkeitsansprüche zurückzuweisen und anschließend die eigene Weltanschauung für unfehlbar zu erklären.

Darum gehört Zweifel zu unserem Humanismus.

Nicht der Zweifel daran, ob Menschen Würde besitzen.

Sondern Zweifel an unseren eigenen Erklärungen.

An unseren politischen Konzepten.

An unseren Strategien.

An unseren Institutionen.

An unseren Gewissheiten.

Wir vertreten Positionen.

Aber wir stellen sie zur Diskussion.

Wir entscheiden.

Aber wir korrigieren Entscheidungen, wenn bessere Argumente oder neue Erkenntnisse vorliegen.

Wir vertrauen Wissenschaft.

Gerade deshalb wissen wir, dass wissenschaftliche Erkenntnis vorläufig ist.

Kritik ist kein Angriff auf den Humanismus. Kritik ist eine seiner Voraussetzungen.


Keine Heiligen

Vielleicht ist das der wichtigste Unterschied zwischen einer humanistischen Denktradition und einer religiösen Überlieferung.

Wir brauchen keine Heiligen.

Kant darf großartig und rassistisch zugleich gewesen sein.

Rousseau darf ein revolutionärer Freiheitsdenker und ein Vertreter patriarchaler Vorstellungen gewesen sein.

Nietzsche darf faszinieren und verstören.

Marx darf wichtige gesellschaftliche Mechanismen erkannt haben, ohne dass deshalb jede marxistische Theorie richtig sein muss.

Sartre darf Freiheit radikal gedacht und politisch schwer geirrt haben.

Popper darf uns prägen, ohne dass Popper unfehlbar wird.

Beauvoir darf eine zentrale Bezugsperson moderner Emanzipation sein, ohne zur Ikone erhoben zu werden.

Menschen sind widersprüchlich.

Philosoph:innen ebenfalls.

Darum interessiert uns nicht:

Wer hatte recht?

Sondern:

Welcher Gedanke hilft uns, Menschen heute freier leben zu lassen?


Und daraus entsteht unser Humanismus

Unser Humanismus beginnt nicht mit einer Definition.

Er beginnt mit einer Haltung.

Wir glauben, dass Menschen ihr Leben möglichst selbst bestimmen sollen.

Wir glauben, dass diese Freiheit jedem Menschen gleichermaßen zusteht.

Wir wissen zugleich, dass gesellschaftliche Bedingungen Freiheit ermöglichen oder verhindern können.

Wir vertrauen Vernunft und Wissenschaft – ohne sie mit Unfehlbarkeit zu verwechseln.

Wir verteidigen Demokratie, weil politische Entscheidungen korrigierbar sein müssen.

Wir verteidigen Menschenrechte gerade dort, wo Mehrheiten sie unbequem finden.

Wir betrachten Unterschiede zwischen Menschen nicht als Rechtfertigung für unterschiedliche Menschenwürde.

Wir verstehen Freiheit nicht als Privileg der Starken.

Und wir betrachten Humanismus nicht als fertige Lehre.

Humanismus bleibt ein Projekt.


Von Sokrates zu Popper, von Wollstonecraft zu Beauvoir

Man könnte die gesamte Geschichte vielleicht auch als zwei große Bewegungen erzählen.

Die erste lautet:

Befreiung des Denkens.

Sokrates.

Epikur.

Spinoza.

Hume.

Voltaire.

Russell.

Popper.

Die zweite lautet:

Befreiung des Menschen.

Wollstonecraft.

Mill.

Marx.

Sartre.

Beauvoir.

Arendt.

Nussbaum.

Natürlich überschneiden sich beide Linien ständig.

Denn freies Denken ohne freie Menschen bleibt abstrakt.

Und menschliche Freiheit ohne kritisches Denken wird leicht manipulierbar.

Genau dort treffen sich beide Linien.


Humanismus ist Emanzipation

Emanzipation bedeutet ursprünglich das Heraustreten aus Abhängigkeit.

Vielleicht ist das deshalb das passende Wort für einen Humanismus des 21. Jahrhunderts.

Emanzipation von religiöser Bevormundung.

Von politischer Willkür.

Von Geschlechterrollen.

Von Rassismus.

Von gesellschaftlichen Zuschreibungen.

Von unbegründeten Autoritäten.

Von vermeintlichen Gewissheiten.

Von Strukturen, die Menschen daran hindern, ihr eigenes Leben zu führen.

Aber Emanzipation bedeutet nicht Vereinzelung.

Menschen leben miteinander.

Unsere Freiheit hängt von den Freiheiten anderer ab.

Darum gehört zur Selbstbestimmung immer Verantwortung.


Humanismus muss Folgen haben

Damit schließt sich der Kreis.

Humanismus ist nicht nur eine Aussage darüber, was der Mensch ist.

Er ist eine Verpflichtung dazu, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen tatsächlich frei leben können.

Deshalb genügt es nicht zu sagen:

Wir glauben an Menschenwürde.

Wir müssen fragen:

Wo wird sie verletzt?

Es genügt nicht zu sagen:

Wir glauben an Selbstbestimmung.

Wir müssen fragen:

Wer kann tatsächlich selbst bestimmen – und wer nicht?

Es genügt nicht zu sagen:

Wir glauben an Wissenschaft.

Wir müssen fragen:

Sind wir bereit, unsere eigenen Überzeugungen aufgrund besserer Erkenntnisse zu ändern?

Es genügt nicht zu sagen:

Wir glauben an Gleichheit.

Wir müssen fragen:

Welche gesellschaftlichen Strukturen produzieren weiterhin Ungleichheit?

Und es genügt nicht, Humanismus als schöne Weltanschauung zu besitzen.

Eine Weltanschauung, die keine Konsequenzen hat, bleibt Dekoration.

Unser Humanismus soll deshalb nicht nur erklären.

Er soll prüfen.

Widersprechen.

Schützen.

Ermöglichen.

Und verändern.

Von Epikur lernen wir, dieses Leben ernst zu nehmen.

Von Spinoza die Freiheit des Denkens.

Von Kant die Idee universeller Würde – und aus seinen Widersprüchen die Notwendigkeit, Universalismus wirklich universal zu machen.

Von Wollstonecraft, dass Menschenrechte keine Männerrechte sein dürfen.

Von Mill, dass Freiheit und Gleichberechtigung zusammengehören.

Von Marx, dass Freiheit materielle Voraussetzungen besitzt.

Von Russell die intellektuelle Bescheidenheit.

Von Popper die institutionalisierte Kritik.

Von Arendt die Bedeutung einer gemeinsamen politischen Welt.

Von Sartre die Verantwortung für das eigene Handeln.

Von Camus Solidarität ohne metaphysische Garantie.

Und von Simone de Beauvoir den entscheidenden Schritt:

Menschen werden nicht nur frei geboren. Sie müssen die Möglichkeit erhalten, frei zu werden.

Darin liegt für uns die moderne Aufgabe des Humanismus.

Humanismus ist nicht nur ein Menschenbild.

Humanismus ist ein Emanzipationsauftrag.

Und deshalb:

Humanismus muss Folgen haben.