Warum der Humanismus heute gebraucht wird
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Für Ursi,
die mich trägt und erträgt 🙂
Seit ich 2022 das Amt des Präsidenten des Humanistischen Verbandes Österreich übernommen habe, beschäftigt mich eine Frage besonders: Wofür soll der HVÖ heute stehen, und welche Aufgabe kann er in einer Gesellschaft übernehmen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert hat?
Eine überzeugende Antwort darauf ist nur möglich, wenn man die Geschichte des Verbandes kennt. Der HVÖ steht in der Tradition der österreichischen Freidenkerbewegung, deren organisierte Anfänge bis ins Jahr 1887 zurückreichen. Damals war es keineswegs selbstverständlich, ohne religiöses Bekenntnis zu leben, kirchliche Autoritäten öffentlich infrage zu stellen oder für eine weltanschaulich neutrale Schule einzutreten. Konfessionsfreiheit bestand zwar bereits als rechtlicher Grundsatz, gesellschaftlich war Konfessionslosigkeit jedoch häufig mit Misstrauen, Ausgrenzung und persönlichen Nachteilen verbunden.
Das besondere Verdienst der österreichischen Freidenker:innen bestand deshalb nicht allein darin, Religion zu kritisieren. Sie machten sichtbar, dass ein Mensch auch ohne religiösen Glauben verantwortungsvoll, solidarisch und ethisch leben kann. Sie schufen eine gesellschaftliche und organisatorische Heimat für Menschen, die ihr Leben nicht nach kirchlichen Vorgaben ausrichten wollten. Sie setzten sich für wissenschaftliche Bildung, für die Trennung von Staat und Religion, für eine Schule ohne kirchliche Vorherrschaft und für die freie Gestaltung des eigenen Lebens ein.
Auch der Einsatz für die Feuerbestattung gehörte zu ihren wichtigen Leistungen. Heute erscheint es selbstverständlich, dass Menschen selbst entscheiden können, in welcher Form sie bestattet werden möchten. Damals musste diese Freiheit gegen erhebliche kirchliche und politische Widerstände durchgesetzt werden. Dahinter stand ein Gedanke, der bis heute aktuell ist: Auch am Ende des Lebens darf kein Mensch einer religiösen Deutung unterworfen werden, die er selbst nicht teilt.
Die Freidenker:innen entwickelten außerdem weltliche Formen für jene Lebensereignisse, die traditionell von Kirchen begleitet wurden. Dazu gehörten Jugendfeiern, Namensfeiern, Eheschließungen und Trauerfeiern. Damit schufen sie keine bloßen Ersatzrituale, sondern eine eigenständige humanistische Feierkultur. Menschen sollten wichtige Übergänge ihres Lebens würdig begehen können, ohne religiöse Aussagen übernehmen zu müssen, an die sie nicht glauben.
Diese Arbeit war immer auch Bildungsarbeit. Die Freidenker:innen organisierten Vorträge, veröffentlichten Zeitschriften und vermittelten naturwissenschaftliches, philosophisches und gesellschaftspolitisches Wissen. Sie wollten Menschen nicht vorschreiben, was sie denken sollten, sondern sie dazu befähigen, selbstständig zu urteilen. Darin liegt für mich bis heute ein zentraler Gedanke des Humanismus.
Die Geschichte zeigt allerdings auch, dass Freiheit des Denkens und politische Freiheit eng miteinander verbunden sind. Der Freidenkerbund wurde 1933 im autoritären Ständestaat verboten. Seine Zerschlagung war Teil eines umfassenderen Angriffs auf demokratische Organisationen, Arbeiter:innenbildung und unabhängige Zivilgesellschaft. Nach Diktatur und Krieg musste die Bewegung unter schwierigen Bedingungen neu aufgebaut werden. Viele Strukturen waren zerstört, Vermögen verloren und Menschen verfolgt, vertrieben oder ermordet worden.
Wenn der HVÖ heute auf diese Geschichte verweist, darf das nicht bei Traditionspflege stehen bleiben. Geschichte allein verleiht keiner Organisation Bedeutung. Entscheidend ist, ob es gelingt, aus ihr einen Auftrag für die Gegenwart abzuleiten.
Dieser Auftrag hat sich verändert, ohne seinen Kern zu verlieren. Die Freidenker:innen kämpften vor allem darum, Freiräume gegenüber kirchlicher Macht zu schaffen. Heute geht es zusätzlich darum, diese Freiräume mit einer positiven humanistischen Haltung zu füllen. Der HVÖ darf sich deshalb nicht ausschließlich darüber definieren, wogegen er ist. Er wird weiterhin dort widersprechen müssen, wo Religionsgemeinschaften politische Sonderrechte beanspruchen oder weltanschauliche Gleichbehandlung behindert wird. Das allein reicht jedoch nicht aus.
Der HVÖ ist eine humanistische Organisation, die für Wissenschaft, Menschenrechte, Bildung, Demokratie, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Verantwortung steht. Er vertritt Menschen, die keiner Religion angehören, richtet sich aber nicht nur an Konfessionsfreie. Humanistische Fragen betreffen die gesamte Gesellschaft. Es geht darum, wie Menschen frei und verantwortlich miteinander leben können, wie politische Entscheidungen begründet werden sollen und wie sich Würde, Gleichheit und Solidarität ohne Rückgriff auf religiöse Autorität verwirklichen lassen.
In den vergangenen vier Jahren hat der HVÖ begonnen, seine Arbeit in diesem Sinn breiter aufzustellen und neue Verbindungen aufzubauen. Dabei sind Kontakte zu humanistischen, wissenschaftlichen, menschenrechtlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen im In- und Ausland entstanden. Diese Vernetzungen sind für den Verband wichtig, weil viele Fragen, mit denen sich Humanist:innen heute beschäftigen, nicht mehr innerhalb nationaler Grenzen beantwortet werden können.
Der Austausch mit Humanists International und die Beteiligung an internationalen menschenrechtlichen Debatten gehören ebenso dazu wie die Arbeit im Umfeld der Vereinten Nationen. Im Juni habe ich in Genf vor den Vereinten Nationen über Menschenrechtsverletzungen und die mangelnde Gleichbehandlung konfessionsfreier Menschen in Österreich gesprochen, im August werde ich erneut dort sprechen. Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Selbstbestimmung am Lebensende und die Verteidigung universeller Menschenrechte sind keine rein österreichischen Themen. Der HVÖ bringt dabei Erfahrungen aus Österreich in die internationale Diskussion ein und arbeitet zugleich mit Organisationen zusammen, die unter sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen für dieselben Grundrechte eintreten.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Humanistische Akademie Österreich. Bildung und Aufklärung gehörten von Beginn an zum Kern der Freidenkerbewegung. Die Akademie führt diesen Auftrag in die Gegenwart. Sie soll wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich machen, humanistische Positionen entwickeln und Räume für offene gesellschaftliche Debatten schaffen. Dabei geht es nicht um die Verkündung fertiger Wahrheiten, sondern um eine fundierte Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit. Und wer weiß: Vielleicht entwickelt sich daraus eines Tages auch in Österreich ein eigener Studiengang für Humanismus. Wien, Berlin und Utrecht haben gezeigt, dass humanistische Bildung und Forschung ihren festen Platz an Hochschulen haben können.
Dazu gehören klassische humanistische Themen wie Religionsfreiheit, Ethik und Selbstbestimmung, aber auch neue Herausforderungen. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Desinformation, Ökologie, Klimaverantwortung und Bioethik sind keine rein technischen oder wissenschaftlichen Fragen. Sie betreffen unmittelbar die Freiheit, Würde und Verantwortung des Menschen. Der Humanismus muss deshalb auch in diesen Bereichen sprachfähig sein.
Mit dem für den HVÖ neuen Projekt GöthE – Götterfreie humanistische Ethik richtet sich der HVÖ gezielt an Schüler:innen. Das Projekt soll junge Menschen dazu ermutigen, über ethische Fragen nachzudenken, eigene Positionen zu entwickeln und diese verständlich zu formulieren. Nach dem Vorbild des deutschen Schülerpreises der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters wird der Preis in Österreich unter goethe.at weitergeführt. Ich halte dieses Projekt für besonders wichtig, weil ethische Bildung nicht darin bestehen darf, fertige Antworten auswendig zu lernen. Junge Menschen sollen erfahren, dass ihre Fragen, Argumente und Überzeugungen ernst genommen werden.
Auch die Arbeit an Artificial Commons gehört in diesen erweiterten humanistischen Zusammenhang. Die Initiative beschäftigt sich mit Transparenz bei digital erzeugten Inhalten und mit der Frage, wie Vertrauen in einer zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägten Öffentlichkeit erhalten werden kann. Die dabei entstandenen Kontakte zu Medien, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Technologieorganisationen zeigen, dass der HVÖ heute weit über klassische religionspolitische Themen hinaus vernetzt ist.
Diese Entwicklung halte ich für notwendig. Humanismus kann im 21. Jahrhundert nicht darin bestehen, ausschließlich alte Auseinandersetzungen mit den Kirchen fortzuführen. Er muss auf neue gesellschaftliche Fragen reagieren und dabei seine eigenen Grundsätze ernst nehmen. Wissenschaftliche Redlichkeit, Transparenz, Menschenrechte und Verantwortung sind auch in einer digitalen Gesellschaft unverzichtbar.
Humanismus zeigt sich aber nicht nur in gesellschaftspolitischen Stellungnahmen, internationalen Kontakten oder wissenschaftlichen Projekten. Er zeigt sich vor allem dort, wo Menschen konkrete Unterstützung brauchen.
Ein kraftraubender Teil der Arbeit des HVÖ war und ist die Begleitung von Missbrauchsbetroffenen zur Unabhängigen Opferschutzkommission (UOK). Wer diesen Schritt geht, braucht oft viel Kraft, und niemand sollte ihn allein gehen müssen. Der HVÖ hilft bei der Vorbereitung, gibt Sicherheit und achtet darauf, dass die Betroffenen gehört und nicht erneut überfordert werden. Dabei bestimmen sie selbst, was sie erzählen, was sie nicht erzählen möchten und welche weiteren Schritte für sie richtig sind.
Psychologen und Psychiater des HVÖ leisteten dabei einen Teil der Unterstützung, ehrenamtlich und pro bono. Sie beraten Betroffene, helfen bei der Einordnung des Erlebten und begleiten sie in einer oft sehr belastenden Lebensphase. Nach Jahren des Schweigens, der Scham oder des Zweifels kann es entscheidend sein, jemanden an der Seite zu haben, der zuhört, fachlich unterstützt und mit Respekt begegnet.
Die Aufgabe des HVÖ besteht dabei nicht darin, Entscheidungen abzunehmen oder einen bestimmten Weg vorzugeben. Es geht darum, beizustehen, Würde zu schützen und Selbstbestimmung zu stärken. Die Betroffenen entscheiden selbst, was sie mitteilen, welche Hilfe sie annehmen und welche Schritte sie gehen möchten. Gerade in dieser Arbeit wird deutlich, was Humanismus praktisch bedeutet: Menschen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören und ihnen die Kontrolle über das eigene Leben nicht erneut zu entziehen.
Trotz dieser Erweiterung bleibt die Interessenvertretung konfessionsfreier Menschen eine zentrale Aufgabe des HVÖ. Formale Gleichberechtigung bedeutet noch lange keine tatsächliche Gleichbehandlung. Religiöse Organisationen verfügen in Österreich weiterhin über institutionelle Privilegien, eine starke öffentliche Präsenz und einen privilegierten Zugang zu Politik, Bildung und Medien. Konfessionsfreie Menschen stellen einen erheblichen Teil der Bevölkerung dar, kommen aber in vielen gesellschaftlichen Debatten kaum als eigenständige Gruppe vor.
Der HVÖ muss deshalb sichtbarer werden. Er muss seine Positionen klarer formulieren, seine Angebote ausbauen und seine Arbeit professioneller organisieren. Dazu gehören eine neue, zeitgemäße Website, transparente Entscheidungsstrukturen, verlässliche Kommunikation und eine sorgfältige Dokumentation der eigenen Geschichte. Der Verband soll nicht nur reagieren, wenn weltanschauliche Gleichbehandlung verletzt wird, sondern selbst Themen setzen und konkrete Angebote entwickeln.
Zur Weiterentwicklung des Verbandes gehört auch eine Reform seiner Statuten. Der HVÖ ist heute stärker regional verankert, als es seine derzeitigen Strukturen abbilden. Einige Landesverbände arbeiten äußerst aktiv und tragen einen wesentlichen Teil der praktischen Arbeit. Diese Regionen sollten künftig auch angemessen im Präsidium vertreten sein. Salzburg ist bereits durch Moritz Mühlbacher, Vorarlberg durch Peter Jaglo und Niederösterreich durch Thomas Mayr vertreten. Diese Beteiligung sollte jedoch nicht allein von der jeweiligen personellen Zusammensetzung des Präsidiums abhängen, sondern dauerhaft und nachvollziehbar in den Statuten verankert werden. Ein österreichweiter Verband muss die Arbeit, Erfahrung und Perspektiven seiner aktiven Landesorganisationen auch in seinen zentralen Entscheidungen abbilden.
Für mich bedeutet die Präsidentschaft deshalb vor allem Verantwortung für einen Übergang. Der HVÖ besitzt eine lange Geschichte, aber seine Zukunft ergibt sich nicht automatisch aus dieser Vergangenheit. Sie muss organisatorisch, inhaltlich und personell neu erarbeitet werden.
Der HVÖ soll ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkommen, die Humanismus nicht nur als persönliche Weltanschauung verstehen, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Er soll Wissen vermitteln, Debatten ermöglichen, Menschen miteinander verbinden und dort Stellung beziehen, wo Freiheit, Selbstbestimmung oder Menschenrechte gefährdet sind.
Dabei ist mir wichtig, dass sich der Verband nicht gegen gläubige Menschen richtet. Humanistische Kritik gilt nicht dem persönlichen Glauben, sondern politischen Machtansprüchen, institutionellen Privilegien und jeder Form von Bevormundung. Eine offene Gesellschaft muss religiöse und nichtreligiöse Überzeugungen schützen. Sie darf aber keiner Weltanschauung eine Vorrangstellung einräumen.
Die österreichischen Freidenker:innen haben dafür gekämpft, dass ein Mensch ohne Religion vollständig zur Gesellschaft gehören kann. Der österreichischen Humanist:innen stehen in dieser Tradition. Unsere heutige Aufgabe besteht darin, diesen Gedanken weiterzuentwickeln und Humanismus als konstruktive gesellschaftliche Kraft sichtbar zu machen.
Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verklären. Es geht darum, ihren Kern zu bewahren: die Freiheit des Denkens, die Würde des Menschen und die Verantwortung für eine gemeinsame, demokratische Gesellschaft.
Zum Schluss noch eine persönliche Bitte:
Der HVÖ lebt vom Engagement seiner Mitglieder und Freund:innen. Viele unserer Projekte entstehen ausschließlich deshalb, weil Menschen bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit einzubringen. Nicht jede:r muss Vorträge halten, Reden schreiben oder ein Amt übernehmen. Oft sind es gerade die stillen Arbeiten im Hintergrund, die den Unterschied machen.
Für viele unserer Projekte suchen wir Menschen, die Freude daran haben, zu recherchieren, Informationen zusammenzutragen, Quellen zu prüfen oder sich in neue Themen einzuarbeiten. Ob Menschenrechte, Bioethik, Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Künstliche Intelligenz, Wissenschaft, Geschichte oder Bildung – gute Positionen entstehen nur auf der Grundlage sorgfältiger Recherche.
Wer sich vorstellen kann, den HVÖ auf diese Weise zu unterstützen, ist herzlich eingeladen, mitzumachen. Jede Stunde, die jemand investiert, hilft uns dabei, fundierte Positionen zu entwickeln und Humanismus in Österreich sichtbarer zu machen.
Der Humanistische Verband Österreich wird nicht durch einzelne Personen getragen. Er lebt von Menschen, die ihr Wissen, ihre Erfahrung und ein wenig ihrer Zeit für eine gemeinsame Idee einsetzen. Wer sich jemand darin wiederfindet, dann freuen wir uns darauf, ihn:sie kennenzulernen.