Breite Ablehnung gegen Abschaffung von Religionsunterricht?

Ein lustiger Briefwechsel entspannt sich momentan zwischen dem Österreichischem Zentralrat der Konfessionsfreien und der Religions(und der unbedeutende Rest der Welt)-Abteilung des ORF.


Offener Brief an die ORF–Religionsabteilung

Ich nehme Bezug auf die Headline in religion.orf.at vom 12.6.2024, in der steht: „Breite Ablehnung gegen Abschaffung von Religionsunterricht“. Aber die Welt besteht nicht nur aus Religiösen. Man erfährt erst im Text darunter, dass das die Meinung von den Religiösen ist. Nur zur Information: Fast ein Drittel der Österreicher ist konfessionsfrei – und das mit stark steigender Tendenz. „Es gibt eine breite Ablehnung für die Vorschläge von Christoph Wiederkehr“ kann man demnach nur behaupten, wenn man fast nur Religiöse gefragt hat. Das sieht nach einem massiven journalistischen Bauchfleck aus! Es wäre wirklich an der Zeit, auch nicht Religiöse und Konfessionsfreie wahrzunehmen.

Wenn sie Wahlforschung am Urfahraner Kirtag betreiben, werden Sie vielleicht auch zum Ergebnis kommen, dass Österreich zu vielleicht 70% FPÖ wählt und die Leute nicht-konservative Parteien „auf breiter Front“ ablehnen. Umgekehrt werden sie auf der Universität, Fachrichtung Biologie, kaum Vertreter des „intelligent design“ finden, dem viel Religiöse den Vorzug geben.

Wir informieren hiermit in aller Form,  dass es einen Zentralrat der Konfessionsfreien (ZKR) gibt, der sich für alle Fragen dieser Art zuständig fühlt, die Interessen der Konfessionsfreien zu vertreten.  Ansprechpartner sind Niko Alm, Gerhard Engelmayer und Joesi Prokopetz. So paradox es auch klingt, aber laut Auskunft der Telefonistinnen des ORF ist die Religionsabteilung auch für die Atheisten und Humanisten dieses Landes zuständig (Bitte um Bestätigung!).

Wenn Sie diese Fragen konfessionsfreien Menschen vorgelegt hätten, dann hätten sie eine breite Befürwortung für die Abschaffung des Religionsunterrichtes in Erfahrung bringen können.

Aber unserer ZRK Meinung nach ergibt sich die Abschaffung des Religionsunterrichtes aus der säkularen Ausrichtung des Staates. Politiker wagen es nicht, dagegen zu sein, weil sie sonst das heiße Eisen „Konkordat“ anfassen müssten. Christoph Wiederkehr ist eine rühmliche Ausnahme.

Deshalb vertritt das ZKR, ähnlich wie in Deutschland, die Auffassung, dass in einem säkularen Staat wie Österreich (worüber hoffentlich keine Diskrepanz besteht) der konfessionelle Religionsunterricht, der die Schüler*innen zum Glauben hinführen soll, also sie im engeren Sinn missionieren soll, in der staatlichen Schule keinen Platz hat. Die staatliche Schule wird auch von konfessionsfreien Menschen mitbezahlt, die für die Missionierung von jungen Menschen, speziell hin zum Islam, kein Verständnis haben. Wenn wir als Demokratie überleben wollen, müssen wir stattdessen den Staatskundeunterricht nach Vorschlag von Wiederkehr einrichten, um allen Kindern eine gemeinsame Erzählung zu bieten. Einen breiten Konsens hat auch eine Studie des Salzburger Univ.-Profs. für Religionspädagogik Anton Bucher für einen Religionen- und Ethikunterricht (Der Ethikunterricht in Österreich, 2014 , Tyrolia Verlag) ergeben, der anders als der Religionsunterricht, über Religionen informiert und nicht missioniert (Lehramtsbefugnis: „Missio canonica“). Rund 70 % der Befragten traten für sein Modell ein. Auf dieser Basis, die offenbar auch von katholischer Seite zumindest teilweise akzeptiert wurde, könnte es eine Verständigung geben. „Gelingen kann Ethikunterricht nur, wenn man anerkennt, dass die Ethik seit der Antike Ausdruck des Willens der Menschen ist, die Fragen ihres Zusammenlebens weder einem Gott noch einer Kirche zu überlassen, sondern ihrer eigenen Souveränität und Vernünftigkeit zu überantworten. (K.P. Liessmann anlässlich der Ethikunterricht – Enquete im Parlament 2011).“

Wir würden uns freuen, in Ihrer Redaktion zu einem Gedankenaustausch vorzusprechen, um Sie zu informieren und um einen Dialog in Gang zu bringen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Gerhard Engelmayer
Zentralrat der Konfessionsfreien


Worauf eine Antwort folgte:

Sehr geehrter Herr Engelmayer,

danke für Ihre E-Mail. Dass ein Bericht mit der Headline „Breite Ablehnung gegen Abschaffung von Religionsunterricht‘“, der auf einer Website mit Religionsberichterstattung stattfindet, sich mit Religionsgemeinschaften auseinandersetzt, kann, so glauben wir, vorausgesetzt werden. Von einem „journalistischen Bauchfleck“ kann nicht die Rede sein.

Was Ihre Inhalte angeht, so sind wir gern bereit, uns etwaige an die Redaktion gerichtete Stellungnahmen anzuschauen und zu prüfen, ob sie im jeweiligen Kontext vorkommen können. Hätte Ihre Organisation am Dienstag oder Mittwoch eine solche Stellungnahme abgegeben, hätte sie gute Chancen gehabt, auf religion.ORF.at wiedergegeben zu werden.

Mit freundliche Grüße
Redaktion religion.ORF.at


Mit folgender Reaktion:

Dass ein Bericht mit der Headline „Breite Ablehnung gegen Abschaffung von Religionsunterricht‘“, der auf einer Website mit Religionsberichterstattung stattfindet, sich mit Religionsgemeinschaften auseinandersetzt, kann, so glauben wir, vorausgesetzt werden.

möchte ich folgendes sagen:

Wenn dem so ist, verstehe ich ihre Argumentation. Ich nehme den Ausdruck “Bauchfleck” zurück, verzeihen Sie, ich war wirklich ungehalten. 

Das Problem entsteht, weil ich jedesmal, wenn ich im ORF anrufe, und ersuche, mit jemandem verbunden zu werden, der ein atheistisches oder säkular – humanistisches Thema behandelt, mit der Religionsabteilung verbunden werde. Die Frage ist, wer setzt sich dann mit den Konfessionslosen auseinander? 

Ich kenne  mich nicht aus und bitte um Klarstellung: Ist die Religionsabteilung für uns säkulare Humanisten und Konfessionsfreie zuständig oder nicht? Wenn nicht, dann wer? Und an wen wende ich mich, wenn es darum geht, die rund 30% der österreichischen Konfessionsfreien mit ihren Anliegen zu unterstützen? Wenn es nicht die Religionsabteilung ist, dann an wen sonst? Wer außer vielleicht der Publikumsrat oder der Stiftungsrat, kann uns Konfessionsfreien helfen, unsere Anliegen zu vertreten? 

Es kann unserer Auffassung nach nicht sein, dass selbst ganz kleine Religionen  im ORF unter dem Titel “Pluralität” erfreulicherweise behandelt werden, das Drittel der Bevölkerung Konfessionsfreie mit ihren vielen Anliegen aber völlig ignoriert wird. Wir sind gerade dabei, alle konfessionsfreien Vereine und Verbände unter dem Zentralrat der Konfessionsfreien zusammenzufassen. Wäre das nicht ein Thema? Wäre es dem ORF (Logo: “Für alle”) nicht ein geradezu strategisches Anliegen, diese Entwicklungen, die im Zeitalter undemokratischer politischer Entwicklungen in Kollaboration mit Religion (Putin, Trump, Erdogan, u.v.a.) besonder relevant sind,  auch im ORF breit zu diskutieren und kritisch zu hinterfragen? Wäre es nicht an der Zeit, dieses Problem angesichts einer stürmischen Entwicklung weg von der herkömmlichen Religion journalistisch zu begleiten? Bevor wir uns an andere Gremien und Medien wenden,  wären wir dankbar, wenn wir diese Fragen mit Ihnen oder den dafür Verantwortlichen in aller Ruhe im ORF diskutieren könnten. Vielleicht könnte man sogar eine Enquete zu diesem Thema initiieren. In der groß angelegten Reihe “Was glaubt Österreich?” sind Atheisten und säkulare Humanisten schon aufgrund der Fragestellung auch wieder durch den Rost gefallen. 

Vielen Dank für Ihre Antwort,

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Gerhard Engelmayer
Zentralrat der Konfessionsfreien

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4 Responses

  1. Wilfried Apfalter sagt:

    Die staatliche Einordnung in eine Kategorie “ohne Bekenntnis” (“o.B.”) bedeutet nicht, dass alle Menschen, die staatlicherseits dieser Kategorie zugerechnet werden, auch tatsächlich ohne ein (religiöses) Bekenntnis (und in diesem Sinne “konfessionsfrei”) sind. So einfach liegen die Dinge, und so kompliziert. 😉

    • Ja, so einfach ist das!

      Es reflektiert die Nuancen und Vielfalt menschlicher Überzeugungen und die Herausforderung, diese in einfachen statistischen Kategorien abzubilden. Es ist wirklich erstaunlich, dass es sogar Atheisten gibt, die sich selbst Götter basteln.

      Humanisten brauchen keine Götter, oder siehst Du das anders?

  2. Dr. Gerhard Engelmayer sagt:

    Net amoi ignorieren, Andreas!

    • Daran halte ich mich immer: Nicht (einmal) ignorieren. 🙂

      Leider kommt es hier weder zum British Parliamentary (BP) Debattenformat noch zur Offenen parlamentarischen Debatte (OPD), die ich aus meinen Münchener Zeiten so sehr vermisse, aber ansatzweise gibt es manchmal sogar Argumente und nicht nur das wiederholte Geblubber aus der eigenen Blase.

      Also ein friedfertiges: Oh doch, Gerhard. 🙂

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