Wie ein Theaterstück über kirchlichen Missbrauch zum Spielball der Macht wurde
Warum dieser Fall Humanist:innen betrifft
Wenn ein Theater ein Stück über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche absagt, dann geht es nicht nur um Kulturpolitik oder Fragen der künstlerischen Freiheit. Es geht um Macht, Einfluss und die bis heute fortwirkende Dominanz einer Institution, die ihre Verantwortung gegenüber den Opfern jahrzehntelang systematisch verdrängt, vertuscht oder kleinredet. Für Humanist:innen, die für Aufklärung, Kunstfreiheit und die konsequente Aufarbeitung von Gewaltverbrechen eintreten, ist der Osnabrücker Fall deshalb ein Lehrstück. Er zeigt in konzentrierter Form, wie eng verflochtene Strukturen aus kirchlicher Autorität, staatlicher Kulturförderung und persönlicher Rücksichtnahme weiterhin kritische Stimmen zum Verstummen bringen können.
Das geplante Stück: „Ödipus Exzellenz“
Das Theater Osnabrück hatte für den 31. August 2025 die Premiere eines ungewöhnlichen Projekts angekündigt: „Ödipus Exzellenz“, eine Bearbeitung von Senecas „König Ödipus“, die das antike Drama mit der Gegenwart verband. Das Stück wollte die Mechanismen von Schuld, Vertuschung und Machtmissbrauch am Beispiel der katholischen Kirche sichtbar machen. Die Produktion entstand unter der Leitung von Regisseur Lorenz Nolting und sollte aufzeigen, dass Missbrauch keine „bedauerlichen Einzelfälle“ sind, sondern das Ergebnis systemischer Strukturen, die Täter schützen und Opfer zum Schweigen bringen (1)(2).
Die Absage – und ihre fadenscheinige Begründung
Doch dazu kam es nicht. Bereits Anfang Juli 2025 zog Theaterintendant Ulrich Mokrusch die Notbremse. Seine Begründung: künstlerische Differenzen, konkret die geplante Darstellung eines katholischen Gottesdienstes im Stück. Mokrusch behauptete, er habe diese Szenen als „beschmutzend“ und „missbrauchend“ empfunden. Eine bemerkenswerte Verkehrung der Tatsachen: Nicht die realen Verbrechen der Kirche waren ihm zuwider, sondern deren künstlerische Aufarbeitung. Statt den mutigen Versuch zu unterstützen, die verdrängte Gewalt sichtbar zu machen, entschied er sich für eine Absage (3)(4)(5).
Das Bistum Osnabrück – Einfluss ohne Verantwortung?
Offiziell erklärte das Bistum Osnabrück, es habe mit der Entscheidung nichts zu tun. Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache. Vertreter:innen des Bistums, darunter Generalvikar Ulrich Beckwermert und Ombudsmann Simon Kampe, waren frühzeitig in Gespräche eingebunden. Sie nahmen Einfluss, gaben „Rückmeldungen“ und „beratende Hinweise“. Zwar bestreitet das Bistum, die Absage selbst betrieben zu haben, doch die Linie ist klar: Man wollte Kontrolle über die Deutungshoheit behalten. Der Effekt war derselbe wie so oft: Opferperspektiven und künstlerische Stimmen wurden marginalisiert, kirchliche Befindlichkeiten erhielten Priorität (6)(7)(8).
Proteste und Widerstand
Die Reaktionen auf die Absage ließen nicht lange auf sich warten. Vor dem Theater demonstrierten im Juli rund 100 Menschen unter dem Motto „Kunstfreiheit statt Kirchenlobbyismus“. Mitorganisiert wurde die Kundgebung von der Giordano-Bruno-Stiftung, Betroffenenvertretungen und Kulturschaffenden. Transparente machten klar, worum es ging: die Verteidigung der künstlerischen Freiheit gegen eine mächtige Institution, die auch 2025 noch ungebrochen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs nimmt. Die Proteste wurden begleitet von einer Podiumsdiskussion, in der Regisseur Nolting und ein Vertreter des Bistums aufeinandertrafen, sowie von einer Fotoausstellung, die die Perspektive der Betroffenen sichtbar machte (9)(10)(11).
Eine systematische Strategie des Schweigens
Wer diesen Fall als „lokale Theaterposse“ abtut, verkennt den Kern. Es handelt sich nicht um einen zufälligen Konflikt zwischen Regie und Intendanz, sondern um ein Muster: Immer dann, wenn künstlerische oder journalistische Aufarbeitungen dem religiösen Establishment zu nahe treten, wird mit Druck, Rücksichtnahme oder Skandalisierung reagiert. So wird die Auseinandersetzung verschoben – weg von den Taten, hin zu der Frage, ob Kunst „verletzend“ sei. Es ist eine subtile, aber wirkungsvolle Form der Zensur.
Humanistische Kritik: Kunstfreiheit ist nicht verhandelbar
Aus humanistischer Sicht ist der Fall Osnabrück ein Paradebeispiel für das, was in einer säkularen Gesellschaft nicht mehr hingenommen werden darf. Wer Missbrauch aufklären und verhindern will, muss gerade die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema schützen. Dass eine kirchliche Institution – ob offiziell oder informell – noch immer die Macht hat, solche Produktionen zu beeinflussen oder zu verhindern, zeigt die gefährliche Schieflage in unserem Land.
Es reicht nicht, auf Papiere zur Aufarbeitung zu verweisen. Es reicht auch nicht, wenn Kirchenvertreter:innen beteuern, man habe „keinen Druck ausgeübt“. Entscheidend ist die Wirkung. Und die ist verheerend: Ein Stück, das Missbrauch sichtbar machen wollte, wurde gestrichen. Die Opfer, die mitgewirkt hatten, wurden erneut an den Rand gedrängt. Und die Kirche steht wieder einmal als sensible Institution da, die geschützt werden muss.
Fazit
Die Absage von „Ödipus Exzellenz“ ist mehr als eine künstlerische Entscheidung. Sie ist ein Menetekel. Sie zeigt, dass Kunstfreiheit, Opferperspektiven und kritische Aufarbeitung in Deutschland auch 2025 noch hinter den Interessen einer Institution zurückstehen, deren moralische Autorität längst verspielt ist. Humanist:innen müssen das klar benennen: Solange die Kirche Einfluss auf Kultur und Öffentlichkeit nehmen kann, solange wird die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals unvollständig bleiben. Der Fall Osnabrück ist ein Signal – und es sollte uns wachrütteln.
Quellen
- Wikipedia: Theater Osnabrück
https://de.wikipedia.org/wiki/Theater_Osnabr%C3%BCck - 3sat: Streit um Theaterstück über Missbrauch in Osnabrück (26.08.2025).
https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/streit-um-theaterstueck-ueber-missbrauch-in-osnabrueck-sendung-vom-26-08-2025-100.html - katholisch.de: Bistum: Theater Osnabrück hat Missbrauchs-Stück eigenständig abgesagt (09.07.2025).
https://katholisch.de/artikel/63267-bistum-theater-osnabrueck-hat-missbrauchs-stueck-eigenstaendig-abgesagt - Wikipedia: Theater Osnabrück.
https://de.wikipedia.org/wiki/Theater_Osnabr%C3%BCck - Deutschlandfunk: Protest in Osnabrück gegen Absage von Theaterstück über Missbrauch in der katholischen Kirche (09.07.2025).
https://www.deutschlandfunk.de/protest-in-osnabrueck-gegen-absage-von-theaterstueck-ueber-missbrauch-in-der-katholischen-kirche-102.html - Evangelische Zeitung: Kollektiv protestiert gegen Absage von Theaterstück über Missbrauch (10.07.2025).
https://evangelische-zeitung.de/kollektiv-protestiert-gegen-absage-von-theaterstueck-ueber-missbrauch - Wikipedia: Theater Osnabrück.
https://de.wikipedia.org/wiki/Theater_Osnabr%C3%BCck - katholisch.de: Bistum: Theater Osnabrück hat Missbrauchs-Stück eigenständig abgesagt (09.07.2025).
https://katholisch.de/artikel/63267-bistum-theater-osnabrueck-hat-missbrauchs-stueck-eigenstaendig-abgesagt - Evangelische Zeitung: Bistum: Theater Osnabrück hat Missbrauchs-Stück eigenständig abgesagt (09.07.2025).
https://evangelische-zeitung.de/bistum-theater-osnabrueck-hat-missbrauchs-stueck-eigenstaendig-abgesagt - Domradio: Bistum Osnabrück leistet Spekulationen um Theaterstück Vorschub (10.07.2025).
https://www.domradio.de/artikel/bistum-osnabrueck-leistet-spekulationen-um-theaterstueck-vorschub - Kirche+Leben: Demonstration gegen Absage von Missbrauchs-Stück in Osnabrück (10.07.2025).
https://www.kirche-und-leben.de/artikel/kultur-kunst-theater-stueck-absage-bistum-osnabrueck-verantwortung-missbrauch-sexualisierte-gewalt-demonstration-giordano-bruno-stiftung - Evangelische Zeitung: Kollektiv protestiert gegen Absage von Theaterstück über Missbrauch (10.07.2025).
https://evangelische-zeitung.de/kollektiv-protestiert-gegen-absage-von-theaterstueck-ueber-missbrauch - Deutschlandfunk: Protest in Osnabrück gegen Absage von Theaterstück über Missbrauch in der katholischen Kirche (09.07.2025).
https://www.deutschlandfunk.de/protest-in-osnabrueck-gegen-absage-von-theaterstueck-ueber-missbrauch-in-der-katholischen-kirche-102.html - Kirche+Leben: Demonstration gegen Absage von Missbrauchs-Stück in Osnabrück (10.07.2025).
https://www.kirche-und-leben.de/artikel/kultur-kunst-theater-stueck-absage-bistum-osnabrueck-verantwortung-missbrauch-sexualisierte-gewalt-demonstration-giordano-bruno-stiftung