Monika Kloth-Manstetten | Die Wand aus Glas

Monika Kloth-Manstetten präsentiert in ihrem Werk „Die Wand aus Glas“ eine gleichermaßen informative wie aufrüttelnde Analyse des menschlichen Blicks auf Tiere. Im Gegensatz zu konventionellen tierforschungsbasierten Sachbüchern ergründet die Autorin scharfsinnig die epistemologischen Grundlagen der wissenschaftlichen Tierforschung. Statt selbst empirische Tierforschung zu betreiben, befasst sich die Autorin mit wissenschaftlichen, philosophischen, mythischen und literarischen Texten, Diskursen, divergierenden Perspektiven und Argumenten. Dieser distanzierte, metatheoretische Zugang hebt ihr Werk deutlich von anderen ab.

Die Autorin gliedert ihr Werk in drei Hauptteile: Der erste Teil handelt vom Weg von der Tierforschung zur Tierphilosophie, der zweite wirft einen Blick auf die Projektionen, Spiegelungen und Inszenierungen in den Mensch-Tier-Beziehungen und im dritten Teil setzt sich Kloth-Manstetten mit aktuellen tierethischen Debatten auseinander. 

Ausgewählte Aspekte und Diskussion

Ist der Mensch „mehr“ als ein Tier, und wenn ja, warum? Wieso fühlen sich Menschen heftig in Frage gestellt, wenn die Unterschiede zwischen Tier und Mensch durch neue Forschungsergebnisse zunehmend kleiner werden? Kann man sich als Mensch gegenüber Tieren „rassistisch“ verhalten? Diese und viele weitere spannende Fragen regen zum Nachdenken über unser Verhältnis zu Tieren und unseren eigenen Platz in der Welt an.

Im ersten Teil reflektiert die Autorin ausführlich den Stand der aktuellen Tierforschung. Zum Beispiel widmet sich ein Kapitel der Frage, ob Tiere tatsächlich denken können. Die Beschäftigung mit der Denkfähigkeit der Tieren lehrt uns viel über uns selbst. Beispielsweise ist für einen Teil der Wissenschaftler die Sprache eine notwendige Bedingung für Gedankenbildung. Lebewesen ohne Sprachkompetenz würden lediglich auf Reize reagieren. Andere Wissenschaftler meinen hingegen, ein höher entwickeltes Lebewesen könne auch ohne sprachliche Fähigkeiten denken. Die Autorin ist kritisch und bezweifelt, dass es den Evolutionsbiologen oder anderen Wissenschaftlern gelungen ist, das Paradigma der Einzigartigkeit des Menschen widerlegt zu haben.

Im zweiten Teil behandelt ein Kapitel die Frage, ob Menschen mit Tieren befreundet sein können. Zweifler behaupten, dass eine Freundschaft mit nicht vernunftbegabten Wesen möglich wäre. Sie meinen, dass die gemeinsame und freiwillige Verfolgung von guten Zielen eine Erkenntnisfähigkeit voraussetze, die dem Tier fehle. Ein berühmter Philosoph, der die Möglichkeit einer Freundschaft zwischen Menschen und Tieren verneinte, war Thomas von Aquin.

Die Autorin stellt mehrere Exzentriker vor, die auf unterschiedlicher Weise versuchten, sich in die Welt der Tiere wirklichkeitsnah einzufühlen. Sie berichtet vom Tierarzt Charles Foster, der versuchsweise wie ein Tier im Wald lebte. Sein Ziel war es, die Perspektive der Wildtiere einzunehmen, um sie ohne anthropomorphisierende Projektionen zu verstehen. Zu diesem Zweck imitierte er das Verhalten verschiedener Spezies: Er hauste unterirdisch wie ein Dachs oder durchstreifte Flüsse wie ein Otter. Helen McDonald suchte nach dem Tod ihres Vaters eine Zuflucht außerhalb der menschlichen Welt. Fasziniert vom Habicht, einem „einzelgängerischen, selbstbestimmten Geschöpf, frei von Trauer und immun gegenüber den Verletzungen des Lebens“, strebte sie danach, wie dieser Raubvogel zu empfinden. McDonalds Ziel war es, die Beobachterrolle abzulegen und durch Selbstverlust und imaginative Neuerschaffung die Perspektive des Greifvogels einzunehmen. Nebenbei lernen wir, dass die Abrichtung eines Habichts sich fundamental vom Training anderer Tiere unterscheidet, da sie auf gegenseitigem Respekt und Kooperation statt auf Dominanz und Unterwerfung basiert. Die Autorin führt die Berichte dieser und anderer Individuen zusammen, die die Grenzen zwischen Mensch und Tier ausloteten, um daraus kritische Schlussfolgerungen abzuleiten.

Kloth-Manstetten untersucht darüber hinaus die Verwendung von Tiergestalten in Mythologie und Literatur. Sie erkennt in diesen Figuren Projektionen menschlicher Sehnsüchte (z. B. im Bild des Gartens Eden, wo alle Tiere vegan leben) oder Spiegelungen menschlicher Seelenzustände.

Im dritten Teil ihrer Arbeit greift Kloth-Manstetten zentrale Themen der tierethischen Debatte auf. Sie hinterfragt beispielsweise die ethische Bewertung von Handlungen, die Tiere zu Verhaltensweisen zwingen, die ihrem natürlichen Verhalten widersprechen. Ist dies lediglich eine Frage des Geschmacks oder verstößt es gegen die Würde des Tieres? Kann ein Tier überhaupt Würde besitzen, wenn es, wie angenommen, keine Selbstachtung entwickeln kann?

Einige Stimmen in der tierethischen Diskussion werfen dem Menschen analog zum Rassismus einen „Speziesismus“ vor, also eine unzulässige Bevorzugung der eigenen Spezies. Diese Analogie ist allerdings problematisch. Wie schon der Begriff „rassistisch“ in sich rassistisch ist, weil er beim Menschen vom diskriminierenden und unwissenschaftlichen Begriff der Rasse ausgeht, ist auch der Speziesismusvorwurf in sich „speziesistisch“, da der Adressat des Speziesismusvorwurf faktisch nur der Mensch sein kann. Oder meint jemand ernsthaft, dass ein Wolf sich speziesistisch gegenüber dem Schaf verhält?

Tatsächlich gibt es in der Tierrechtsbewegung radikale Vertreter, die die Abschaffung von Raubtieren fordern. Diese eigentümliche Position basiert auf der Annahme, dass alle Tiere gleich sind und das Recht auf Leben und Freiheit haben. Da Raubtiere andere Tiere töten und fressen, werden sie als Bedrohung für dieses Recht angesehen.

Kloth-Manstetten argumentiert überzeugend, dass in der Tierethik keine endgültige Begründung gefunden werden kann, die ohne ein gewisses Maß an Unzulänglichkeit bleibt. Sie hinterfragt kritisch die Versuche, den ethischen Umgang mit einzelnen Tierarten an Kriterien wie Schmerzempfinden, Intelligenz oder Bewusstsein zu knüpfen.

Das dritte Kapitel deckt nicht nur schonungslos die vielfältigen Probleme und skurrilen Auswüchse der Tierethik auf, sondern bietet auch reichhaltige Erkenntnisse, die für die zwischenmenschliche Ethik relevant sind. 

Kritikpunkte

Kloth-Manstettens Werk „Die Wand aus Glas“ zeichnet sich zwar durch sachliche Ausführungen aus, kann jedoch keinesfalls als unvoreingenommene Betrachtung der Mensch-Tier-Beziehung eingestuft werden. Die Autorin liefert keine neutrale, anthropologische Analyse, sondern ihr Buch ist ganz klar eine Apologie der anthropozentristischen Denkweise. Um ihre Argumente und Thesen zu vermitteln, bedient sie sich geschickter sprachlicher Strategien. Anstatt von Anthropozentrismus spricht sie von der „(anthropologischen) Differenz“ zwischen Mensch und Tier oder von „Asymmetrien“ in der Mensch-Tier-Beziehung. Sie hinterfragt außerdem die Möglichkeit symmetrischer Beziehungen zwischen den Spezies. Diese Herangehensweise bringt Menschen, die das anthropozentristische Denken eigentlich ablehnen, dazu, den sehr eloquent vorgebrachten Argumentationssträngen und Gedankengängen der Autorin Aufmerksamkeit zu schenken. Nun ist die Existenz einer „Differenz“ zwischen Mensch und Tier nicht bestreitbar, doch wäre es treffender und fairer, von „Unterschieden“ zu sprechen, da nicht-menschliche Tiere dem Menschen in vielerlei Hinsicht überlegen sein können.

Trotz dieses subjektiven Standpunkts, der ohnedies wohl von den meisten Menschen geteilt wird, überzeugt das Werk durch seine Sachlichkeit und inhaltliche Tiefe. Die Autorin bezieht zahlreiche wissenschaftliche, philosophische und literarische Quellen ein und präsentiert diese in einer verständlichen und ansprechenden Weise. Sie liefert dem Leser eine höchst intelligente und lehrreiche Auseinandersetzung mit der Mensch-Tier-Beziehung, die zum Nachdenken und zur kritischen Überprüfung der eigenen Position anregt. Kann man von einem Sachbuch mehr verlangen?

Sachlich gibt es an den umfänglichen Ausführungen nichts zu bemängeln: Die Autorin widmete diesem Buch rund zehn Jahre Arbeit, wie das Nachwort verrät. Manch Leser*in mag das Buch als überladen empfinden, doch die Kapitel sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Gerade die scheinbar weniger relevanten Kapitel, wie jene zu längst verstorbenen Philosophen ohne Kenntnis aktueller Tierforschung oder die Texte über Tiere in der Literatur, erweisen sich dank der hohen Abstraktionsfähigkeit der Autorin als äußerst instruktiv und unterhaltsam. Die Autorin hat hier richtig entschieden, sich Zeit zu nehmen und keine Themen auszulassen.

Nur Kleinigkeiten sind zu nennen:

  • Auf Albert Schweitzer geht die Autorin nicht näher ein. Aber Schweitzer gilt als Begründer oder zumindest Wegbereiter der modernen Tierethik, und seine Positionen hätten in diesem Werk eine tiefgründige Auseinandersetzung verdient.
  • Am Ende jedes Kapitels hätten Schlussfolgerungen oder zumindest Zusammenfassungen die gewonnenen Erkenntnisse komprimiert und die Navigation durch das Buch erleichtert.

Der unkomplizierte und flüssige Schreibstil der Autorin hingegen ist ein großes Plus. Er macht das Lesen angenehm und motiviert dazu, trotz des Umfangs am Ball zu bleiben und das Buch bis zum Ende zu lesen.

Für wen ist das Werk „Die Wand aus Glas“ besonders lesenswert?

Das Buch eignet sich für alle, die sich wissbegierig und offen mit dem komplexen Verhältnis zwischen Mensch und Tier auseinandersetzen möchten. Der breite Ansatz des Buches, der sowohl wissenschaftliche, philosophische als auch literarische Perspektiven einbezieht, macht es besonders interessant für Menschen mit diesen Interessen.

Die Wand aus Glas“ ist ein Muss für alle, die Tiere lieben und mehr über deren Beziehung zu uns Menschen erfahren möchten. Lediglich den radikalsten Tierschützern könnte das Buch als zu wenig weitgehend missfallen. Und – wie erwähnt ­ Menschen, die ein anthropozentristisches Denken abstößt, müssten geneigt sein, ihre Vorbehalte zurückzustellen, um dieses instruktives Buch mit seinen vielen Facetten genießen zu können.

Die allermeisten Menschen mit einem großen Herz für Tiere haben diese Probleme nicht. Sie werden es uneingeschränkt zu schätzen wissen, dass die Autorin ihr im Untertitel geäußertes Versprechen erfüllt, nämlich „den menschlichen Blick auf Tiere in Wissenschaft, Philosophie und Literatur“. 

Kaufempfehlung?

100% und mehr. 

Verlag und Preis

Das Werk „Die Wand aus Glas“ ist 2024 in 1. Auflage im Verlag Karl Alber, ein Verlag der Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, mit 377 Seiten erschienen. Im Buchhandel kostet die Paperback-Ausgabe (ISBN (Print) 978-3-495-99345-3) laut Verlagsangabe EUR 91,50. Das Buch ist auch in einer elektronischen Ausgabe (ISBN (ePDF) 978-3-495-99346-0) beziehbar.

 

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Dr. Clemens Lintschinger

Autor in humanistischen und atheistischen Themenwelten, glühender Verfechter der unmittelbaren Demokratie, Gegner von linken, rechten und christlichen Ideologien

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