Marurer, Huth, Junginger | Klaus Heinrich als Religionswissenschaftler
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Für Robert Kaufmann
Der Sammelband „Klaus Heinrich als Religionswissenschaftler“ zeigt, warum Religionskritik mehr sein muss als die Widerlegung religiöser Behauptungen
Es ist die einfachste Form von Religionskritik: darauf hinweisen, dass sich Götter nicht beweisen lassen, Widersprüche in heiligen Schriften aufspüren, an Gewalt und Wissenschaftsfeindlichkeit religiöser Institutionen erinnern. Nötig ist das allemal. Nur beantwortet es nicht die eigentlich interessante Frage: Warum haben Religionen selbst in aufgeklärten Gesellschaften noch immer Macht über Menschen? Welche Ängste und Hoffnungen verarbeiten sie, welche gesellschaftlichen Konflikte stecken in ihnen? Und was kommt zurück, wenn wir religiöse Vorstellungen einfach für erledigt erklären, ohne zu begreifen, woher sie eigentlich kommen?
Genau in diese Fragen führt der von Moritz Maurer, Kolja Huth und Horst Junginger herausgegebene Band Klaus Heinrich als Religionswissenschaftler. Interventionen und Perspektiven. Er ruft einen Denker in Erinnerung, dem es weder um theologische Wahrheitsverwaltung noch um eine simple Abrechnung mit Religion ging. Für Klaus Heinrich waren Religionen vor allem eines: Archive menschlicher Konflikte – von Angst, Gewalt, Opfer, Herrschaft, Hoffnung und Widerstand.
Heinrich, geboren 1927 in Berlin und gestorben 2020, gehörte zu den Gründungsfiguren der Freien Universität Berlin. Die Erfahrung des Nationalsozialismus ließ ihn zeitlebens nicht los – schon als Jugendlicher hatte er sich wegen wehrkraftzersetzender Äußerungen vor Gericht zu verantworten. Später fragte er unermüdlich, warum Universitäten und philosophische Traditionen dem Nationalsozialismus kaum Widerstand entgegensetzten, ihm teilweise sogar die geistigen Grundlagen lieferten.
An der FU lehrte er schließlich, was er selbst Religionswissenschaft auf religionsphilosophischer Grundlage nannte – schon dieser sperrige Titel verrät, wie schwer er sich einordnen ließ. Kein klassischer Religionshistoriker, kein Systemphilosoph, kein Theologe. Stattdessen eine Mischung aus Religionswissenschaft, Philosophie, Psychoanalyse, Gesellschaftskritik, Kunstgeschichte und Mythologie. Was man heute vorschnell interdisziplinär nennen würde, war bei ihm kein Etikett, sondern eine Denkhaltung: Wissenschaft sollte der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten.
Darin liegt aus humanistischer Sicht eine echte Stärke. Bei Heinrich sind Götter weder Offenbarung einer jenseitigen Wahrheit noch bloß falsche Behauptungen. In religiösen Bildern, Mythen und Ritualen stecken Erfahrungen, die Menschen miteinander gemacht haben – mit Sterblichkeit, Abhängigkeit, Schuld, Opfer, Herrschaft, dem Wunsch nach Versöhnung. Dass ihre Götter menschliche Züge tragen, macht sie nicht überflüssig, sondern gerade aufschlussreich.
Horst Junginger zeigt im Eröffnungsbeitrag, wie Heinrich mit dem klassischen Anthropomorphismus-Problem umgeht. Dass Menschen ihre Götter nach ihrem eigenen Bild schaffen, erledigt die Religion eben nicht – im Gegenteil, damit fängt die eigentliche Frage erst an: Welche menschlichen Erfahrungen haben in diesen Gottesbildern Form angenommen? Junginger nennt das treffend eine nichtnegationistische Religionskritik: Sie nimmt Religion als menschliches Phänomen ernst, ohne religiöse Wahrheitsansprüche zu übernehmen.
Das ist auch eine Zumutung für den heutigen Humanismus. Wer Religion nur als Irrtum abtut, überlässt ihre psychologischen und sozialen Funktionen kampflos den Religionsgemeinschaften. Eine Aufklärung, die nicht versteht, was sie überwinden will, bleibt an der Oberfläche. Verdrängtes verschwindet nicht – es taucht in politischen Heilslehren, nationalistischen Mythen, Verschwörungserzählungen oder im Personenkult wieder auf.
Die entgegengesetzte Gefahr beschreibt Till Seidemann in seinem Beitrag über Heinrichs Kritik an der Religionsphänomenologie. Diese wollte hinter den konkreten Religionen ein allgemeines Wesen des Religiösen freilegen und blendete dabei historische Gewaltverhältnisse und politische Verstrickungen gern aus. Am Ende steht Religion so gereinigt da, dass sie wie zeitlose spirituelle Erfahrung wirkt – und die Wissenschaft, die sie untersuchen wollte, wird selbst ein Stück religiös.
Besonders eindringlich liest sich Peter Bextes Auseinandersetzung mit Heinrichs Begriff der Selbstzerstörung. Heinrich deutete den Nationalsozialismus oft als selbstzerstörerische Bewegung der deutschen Gesellschaft, ja der Menschheit insgesamt. Bexte stellt dem eine einfache, aber erschütternde Frage entgegen: Was wird aus denen, die sich nicht selbst zerstörten, sondern von anderen verfolgt und ermordet wurden?
Wer den Nationalsozialismus als deutsche Selbstzerstörung beschreibt, läuft Gefahr, die Vernichtung des europäischen Judentums aus dem Blick zu verlieren. Täter und Opfer verschwimmen dann in einem gemeinsamen Subjekt namens Gesellschaft oder Menschheit – als hätte sich dort etwas gegen sich selbst gerichtet, obwohl in Wahrheit konkrete Menschen andere konkrete Menschen systematisch ermordeten.
Für einen menschenrechtsorientierten Humanismus ist dieser Einwand entscheidend. Große Begriffe dürfen die Opfer nicht unsichtbar machen. Von der Menschheit zu sprechen, entbindet nicht davon, Täter, Verantwortung und Betroffene beim Namen zu nennen. Leid darf nicht zum Baustein einer großen philosophischen Erzählung werden.
Anna Sutter treibt diesen Gedanken in ihrem Beitrag über Heinrichs universalistische Lesart des biblischen Bundesgedankens noch weiter. Heinrich verstand den Bund weniger als besondere Beziehung zwischen Gott und dem jüdischen Volk denn als Modell für universelle menschliche Verbundenheit – er übersetzte ein religiöses Motiv in eine Ethik von Gerechtigkeit, Emanzipation und Solidarität.
Diese Übersetzung hat allerdings ihren Preis. Die konkrete jüdische Geschichte, die Bedeutung des Gesetzes, die rabbinische Tradition treten dabei in den Hintergrund. Der Universalismus eignet sich den Bundesgedanken an und streift zugleich seine Besonderheit ab. Gerade ein humanistischer Universalismus muss sich diesem Vorwurf stellen: Das Allgemeine gibt es nie ohne die konkreten Menschen, Geschichten und Bindungen, in denen es Gestalt annimmt. Menschenrechte schützen keine abstrakte Menschheit, sondern immer bestimmte Menschen.
Dass der Band solche Schwachstellen nicht verschweigt, ist eine seiner größten Stärken. Er will keine Gedenkschrift sein, die Heinrich zum unantastbaren Klassiker erklärt. Seine Autorinnen und Autoren nehmen ihn ernst genug, um ihm zu widersprechen – und folgen damit im Grunde seiner eigenen Philosophie des Neinsagens.
Hermann Pfütze führt dieses Neinsagen in die Gegenwart weiter. An Beispielen aus Sarajevo, Belarus und dem Iran beschreibt er Formen ästhetischen Widerstands: Menschen wehren sich gegen Gewalt nicht nur mit politischen Programmen, sondern auch, indem sie sichtbar bleiben – mit ihrem Körper, ihrer Kleidung, ihrer Kunst, ihrer Lebensfreude. Gegen Systeme, die einschüchtern und unsichtbar machen wollen, wird schon das bloße öffentliche Auftreten zur Selbstermächtigung.
Hier wird Heinrichs Denken ganz konkret politisch. Humanismus bedeutet nicht nur, die richtigen Prinzipien zu formulieren, sondern sich Verhältnissen zu widersetzen, die Menschen zum Schweigen bringen wollen. Neinsagen heißt, sich weder von außen zerstören zu lassen noch der Versuchung nachzugeben, sich selbst aufzugeben. Keine heroische Pose, sondern eine Grundbedingung demokratischen Zusammenlebens.
Auch die Beiträge zu Mythos, Bild und Ritual weiten den Blick. Jan Andres Hartmann untersucht Heinrichs Begriff der Faszinationsgeschichte am Beispiel des Kentauren, Dolores Zoé Bertschinger zeigt Heinrichs Nähe zu Aby Warburg und würdigt ihn als bislang unterschätzten Wegbereiter der Bildwissenschaft. Bilder sind hier keine bloßen Illustrationen – in ihnen überleben Affekte und Vorstellungen, für die die reine Begriffssprache nicht ausreicht.
Besonders lesenswert für einen praktischen Humanismus ist Rolf Bossarts abschließender Beitrag über Verwandlung, Vermittlung und Kult. Er widerspricht der zu einfachen Gegenüberstellung von Kult und Ethik: Rituale können Herrschaft festigen und Opferverhältnisse wiederholen, sie können Menschen aber auch helfen, mit Tod, Verlust, Schuld und Erinnerung umzugehen. Am Bestattungsritual zeigt sich das besonders klar – es hält die Verbindung zu den Toten aufrecht und macht zugleich den Abschied möglich.
Ein säkularer Humanismus sollte daraus nicht schließen, religiöse Rituale einfach zu kopieren. Er sollte aber verstehen, warum Menschen Rituale überhaupt brauchen. Eine humanistische Trauerfeier ist nicht deshalb sinnvoll, weil sie Religion imitiert, sondern weil auch konfessionsfreie Menschen Formen brauchen, in denen sich Erinnerung, Abschied und Verbundenheit gemeinsam ausdrücken lassen. Ethik allein ersetzt eben nicht jede symbolische Handlung.
Ein leichter Einstieg ist der Band nicht. Viele Beiträge setzen Kenntnisse der Kritischen Theorie, der Psychoanalyse, der Religionsphilosophie und der Fachgeschichte voraus, manche Argumentationen sind sehr dicht, einige Debatten ziemlich speziell. Wer sich einen übersichtlichen Überblick über Leben und Werk Klaus Heinrichs erhofft, wird hier eher enttäuscht. Auch eine zusammenfassende Schlussbetrachtung hätte dem Buch gutgetan.
Dafür bietet er etwas, das mehr wert ist als eine bequeme Einführung: kritisches Denken, das sich in Bewegung zeigt. Heinrich wird weder heiliggesprochen noch abgefertigt. Seine Begriffe werden geprüft, weitergedacht – und dort zurückgewiesen, wo sie ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden.
Für einen Humanismus, der mehr sein will als bloße Religionsablehnung, ist Klaus Heinrich deshalb ein wichtiger Gesprächspartner. Er erinnert daran, dass Aufklärung ihre Gegenstände nicht nur besiegen, sondern verstehen muss. Religion verschwindet nicht dadurch, dass man ihre Götter für nicht existent erklärt – ihre Ängste, Wünsche, Opfergeschichten und Herrschaftsbilder bleiben Teil menschlicher Gesellschaften.
Und der Band macht noch etwas deutlich: Auch die humanistische Berufung auf Vernunft, Universalismus und Menschheit muss selbstkritisch bleiben. Wo das Allgemeine die besonderen Menschen verschluckt, wird aus Universalismus Gleichgültigkeit. Wo von Selbstzerstörung die Rede ist, obwohl andere zerstört wurden, verschwinden Verantwortung und Opfer. Und wo Aufklärung glaubt, mit Mythos, Ritual und Faszination nichts mehr zu tun zu haben, wird sie blind für ihre eigenen unbewussten Voraussetzungen.
Die vielleicht wichtigste humanistische Lehre dieses Buches lautet deshalb: Wir müssen Nein sagen können – zur religiösen Bevormundung ebenso wie zur selbstzufriedenen Oberflächlichkeit einer Aufklärung, die ihre eigenen blinden Flecken nicht mehr sieht.

Moritz Maurer, Kolja Huth und Horst Junginger (Hrsg.):
Klaus Heinrich als Religionswissenschaftler.
Interventionen und Perspektiven.
Religionswissenschaft und Religionskritik, Band 4.
Tectum Verlag, Baden-Baden 2026.
ISBN 978-3-68900-352-4
ePDF 978-3-68900-353-1.
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