Karlsdorfer Programm – Humanismus muss Folgen haben

Dieses Programm ist in Karlsdorf entstanden. Wir nennen es bewusst Programm und nicht Manifest: Es soll keine endgültigen Wahrheiten verkünden, sondern beschreiben, wofür wir stehen, was daraus folgt und was wir tun wollen.

Humanismus beginnt vor der Haustür. Er beginnt dort, wo Menschen miteinander leben und füreinander da sind. Bei der Nachbarin, die Hilfe braucht. Bei einem Kind, das Unterstützung beim Lernen benötigt. Bei einem älteren Menschen, dem jemand Zeit schenkt. Bei jemandem, der ungerecht behandelt wird und Beistand braucht. Bei einer Familie, die einen Menschen verloren hat. Bei Menschen, die feiern, lieben, zweifeln, krank werden, neu anfangen oder einfach jemanden brauchen, der zuhört. Humanismus beginnt dort, wo wir das Leben von Menschen ein Stück besser machen können.

Jeder Mensch besitzt die gleiche Würde. Menschen haben das Recht, frei zu leben und über ihr eigenes Leben zu bestimmen. Sie haben Anspruch auf gleiche Rechte, Bildung, Wissen und gesellschaftliche Teilhabe. Vernunft, Wissenschaft und kritisches Denken helfen uns, die Welt zu verstehen und möglichst gute Entscheidungen zu treffen. Freiheit und Verantwortung gehören für uns zusammen. Unsere Freiheit verbindet sich mit der Verantwortung, die Freiheit anderer zu achten und zum gemeinsamen Leben in unserer Gesellschaft beizutragen.

Diese Grundsätze haben konkrete Folgen. Menschenwürde zeigt sich darin, Menschen beizustehen und ihre Rechte zu stärken. Selbstbestimmung bedeutet, Menschen darin zu unterstützen, ihr eigenes Leben frei zu gestalten. Wir orientieren uns an wissenschaftlichen Erkenntnissen und wollen Wissen zugänglich und verständlich machen. Solidarität wird dort sichtbar, wo Menschen erfahren, dass sie nicht allein sind und Unterstützung bekommen.

Humanismus muss deshalb im Leben erfahrbar sein. Geburt und Erwachsenwerden, Liebe und Familie, Krankheit und Krisen, Alter, Sterben und Abschied sind menschliche Erfahrungen. Ebenso das Feiern, Trauern, Hoffen und Zweifeln. Wir wollen Menschen in solchen Momenten begleiten, Kinder und Jugendliche darin stärken, selbstständig zu denken, Bildung und Wissenschaft fördern und würdige Feiern und Abschiede ermöglichen. Humanismus soll dort stattfinden, wo Menschen leben.

Humanismus beginnt vor der Haustür und reicht weit darüber hinaus. Menschenwürde und Menschenrechte haben gesellschaftliche Konsequenzen. Unsere Grundsätze müssen deshalb auch dort wirksam werden, wo es um soziale Gerechtigkeit, Krieg und Frieden, Flucht und Migration, persönliche Lebensentwürfe und Selbstbestimmung, wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt, Klimawandel, Bildung, Demokratie und gesellschaftliche Macht geht. Unser Maßstab ist, welche Folgen Entscheidungen für konkrete Menschen haben, welche Freiheit geschützt werden muss, wer Unterstützung braucht und wo Verantwortung übernommen werden muss.

Wir begründen unsere Positionen, stellen sie zur Diskussion und entwickeln sie weiter, wenn bessere Argumente oder neue Erkenntnisse dafür sprechen. Gerade weil Humanismus offen für Kritik und Veränderung ist, müssen wir den Mut haben, eigene Antworten zu formulieren und Position zu beziehen.

Wir wollen keinen Dialog – im Moment nicht.

Der österreichische organisierte Humanismus hat zu vielen wichtigen gesellschaftlichen Fragen noch keine ausreichend entwickelten eigenen Positionen. Künftig wollen wir stärker selbst bestimmen, was aus unseren Grundsätzen folgt, und daraus eigene Positionen entwickeln.

Unser erster Schritt ist deshalb, eigene Positionen zu den gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit zu entwickeln. Was folgt aus Menschenwürde, Freiheit und Selbstbestimmung? Welche Menschenrechte sind betroffen? Was sagen Vernunft und die besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse? Welche Folgen hat eine Entscheidung für konkrete Menschen? Welche Verantwortung entsteht daraus? Wir müssen den Mut haben zu sagen: Das ist unsere Position.

Dafür suchen wir Menschen, die diesen Weg mit uns gehen wollen. Menschen, die bereit sind, mitzudenken, zu diskutieren, Wissen und Erfahrung einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Wir suchen Köpfe, die offen und kritisch gemeinsam mit uns an guten Antworten arbeiten und daraus tragfähige Positionen entwickeln wollen.

Dialog ist für uns das Ziel dieses Prozesses, nicht sein Ausgangspunkt. Sobald wir eigene begründete Positionen entwickelt haben, wollen wir sie in die gesellschaftliche Diskussion einbringen, anderen zuhören, argumentieren, lernen und unsere Auffassungen überprüfen. Dann führen wir Dialog mit einer eigenen Stimme und auf Augenhöhe.

Unsere Grundlage sind die Menschenrechte. Dazu gehört die Konfessionsfreiheit. Jeder Mensch entscheidet selbst über seine Religion oder Weltanschauung. Diese Freiheit umfasst die Entscheidung für eine Religion ebenso wie den Wechsel, den Austritt oder ein Leben ohne Religionszugehörigkeit. Der Staat muss die Freiheit religiöser und nichtreligiöser Menschen gleichermaßen schützen und ihre Gleichberechtigung gewährleisten.

Viele Menschen teilen längst Vorstellungen, die auch für den Humanismus grundlegend sind: Selbstbestimmung, Vernunft, Gleichberechtigung, Solidarität und eine offene Gesellschaft. Mit ihnen wollen wir diese Vorstellungen in gemeinsames Handeln übersetzen. Entscheidend ist nicht allein, wie wir unsere Werte beschreiben, sondern was aus ihnen entsteht.

Daraus ergeben sich für uns konkrete Aufgaben.

Wir wollen eigene humanistische Positionen zu den wichtigen gesellschaftlichen Fragen entwickeln und öffentlich vertreten. Wir wollen Angebote schaffen und ausbauen, durch die Humanismus im Alltag und in wichtigen Momenten des Lebens erfahrbar wird. Wir wollen Bildung, Wissenschaft und kritisches Denken fördern und Wissen verständlich zugänglich machen. Wir wollen dort konkret handeln, wo Menschen Unterstützung, Beistand oder eine starke Stimme für ihre Rechte brauchen. Und wir wollen regelmäßig überprüfen, was unsere Arbeit tatsächlich für Menschen bewirkt.

Das bedeutet auch, Prioritäten zu setzen. Wir können nicht alles gleichzeitig tun. Aber wir können bei jedem Vorhaben fragen: Welches konkrete Ziel verfolgen wir? Wem hilft es? Welche unserer Grundsätze setzen wir damit um? Und woran erkennen wir, ob wir etwas bewirkt haben? Aus diesen Fragen entwickeln wir konkrete Projekte, Positionen und Entscheidungen.

Wir wollen unseren Erfolg daran messen, was unsere Arbeit für Menschen bewirkt. Daran, ob ein Mensch freier leben kann, ein Kind mehr Möglichkeiten bekommt, jemand weniger allein ist oder ein Mensch besser informiert entscheiden kann. Daran, ob Menschen Unterstützung bekommen, ihre Rechte wahrnehmen können und einen würdigen Abschied erfahren. Daran, ob wir Wissen zugänglich machen und dort unsere Stimme erheben, wo Menschenwürde und Freiheit Schutz brauchen. Mitgliederzahlen, Erklärungen und öffentliche Debatten können Hinweise auf unsere Reichweite geben. Entscheidend ist, was daraus für Menschen entsteht.

Humanismus ist für uns eine Haltung, die Freiheit, Wissen, Würde, Selbstbestimmung und Verantwortung stärkt und Menschen mehr Möglichkeiten gibt, ihr eigenes Leben zu führen. Humanismus muss Folgen haben. Und er beginnt vor der Haustür. Daran wollen wir erkannt werden.