Schrödingers Katze und Schwarzschilds Schatten

Über die poetische Versuchung der Physik

Manchmal ergibt sich aus einem Facebook-Post ein lustiger Schlagabtausch, den man sofort als Beschäftigung für den Hirnkasten weiterverwenden möchte. So auch heute ein Artikel meines langjährigen Bekannten Harald Milz, dessen Artikel ich seit 1992 verfolge, zunächst bei der Zeitung iX, später dann im Linux Magazin und anderswo. Ich widme ihm diesen Artikel 🙂


Es gibt Bilder, die sich so tief in unser Denken einprägen, dass sie die Grenzen ihrer eigenen Bedeutung sprengen. Schrödingers Katze ist eines davon. Sie taucht auf in Esoterikforen, in Memes, in Romanen – und kaum jemand weiß, dass sie als Spott gedacht war. Was als Denkanstoß gegen begriffliche Überdehnung begann, wurde zu einem Symbol des Mystischen. Das zeigt, wie sehr der Mensch dazu neigt, aus Erkenntnis wieder Magie zu machen. Und vielleicht auch, wie groß das Bedürfnis nach Staunen ist – selbst dort, wo Klarheit wäre.

Harald, ich muss tatsächlich schmunzeln. In der populärwissenschaftlichen Rezeption fungiert Schrödingers Katze als epistemisches Symbol eines vulgarisierten Quantenmystizismus, der physikalische Unbestimmtheit mit metaphysischem Ungefähren verwechselt. Dieses ikonische Gleichnis, ursprünglich konzipiert als reductio ad absurdum der Kopenhagener Deutung, hat sich zu einer semiotischen Chiffre für das vermeintlich „Geheimnisvolle“ der modernen Physik verselbständigt. Dabei entgleitet sein erkenntnistheoretischer Gehalt gerade durch jene Überinterpretation, die es ursprünglich karikieren wollte.

Das sogenannte „Katzenparadoxon“ verweist auf das Problem der Quantenkohärenz und der Dekohärenzprozesse, also auf die Frage, wie sich quantenmechanische Superpositionen |ψ⟩ aus dem Hilbert-Raum beim Übergang in makroskopische Skalen in klassisch determinierte Zustände überführen. Schrödinger wollte mit diesem Gedankenexperiment verdeutlichen, dass die lineare Superpositionsprinzipialität der Wellenfunktion ψ(t) keine ontologische Beschreibung makroskopischer Systeme erlaubt. Der hypothetische Zerfall eines radioaktiven Atoms, gekoppelt über eine Messapparatur mit einem makroskopischen Organismus, sollte die Absurdität dieser Extrapolation illustrieren (1).

Dass dieser logische Einwand später zu einem esoterisch-romantisierten Narrativ über „zwei gleichzeitige Realitäten“ mutierte, belegt die semantische Elastizität wissenschaftlicher Metaphern. Was ursprünglich als Ironie über die Überdehnung quantenmechanischer Formalismen intendiert war, wurde zum Sinnbild einer metaphysischen Ambiguität, in der Erkenntnistheorie und New-Age-Phantasie fusionieren.

Ein analoger Mechanismus der Ontologisierung lässt sich am Beispiel der sogenannten Schwarzschild-Singularität beobachten. Diese ergibt sich als mathematische Divergenz in der Lösung der Einstein’schen Feldgleichungen

Schrödingers Katze und Schwarzschilds Schatten

für das Gravitationsfeld einer punktförmigen Masse im Vakuum (2). Die radiale Komponente der Schwarzschild-Metrik

Schrödingers Katze und Schwarzschilds Schatten

impliziert eine formale Singularität bei

Schrödingers Katze und Schwarzschilds Schatten

dem sogenannten Schwarzschild-Radius. Doch diese Divergenz beschreibt kein physikalisches Objekt, sondern eine Koordinatenpathologie: eine Grenze der verwendeten Metrik, nicht der Raumzeit selbst (3).

Die spätere Umdeutung dieser mathematischen Anomalie zum „Schwarzen Loch“ erfolgte erst durch eine ontologische Relektüre im 20. Jahrhundert, als die Arbeiten von Penrose und Hawking zeigten, dass Singularitäten unter realistischen Kollapsbedingungen tatsächlich unvermeidlich werden können (4). In dieser Verschiebung – vom tensoranalytischen Formalismus zur kosmologischen Metaphysik – spiegelt sich der menschliche Hang, Abstraktionen zu reifizieren. Schwarzschilds Singularität ist somit weniger eine Entität als vielmehr das Symptom epistemischer Grenzbedingungen, ein Singularitätsverhalten, das anzeigt, wo unsere Theorien ihre explanatorische Reichweite überschreiten.

Beide Konzepte – Schrödingers Katze und die Singularität – fungieren als erkenntnistheoretische Projektionsflächen für den Konflikt zwischen mathematischer Modellbildung und metaphysischer Sinnsuche. Sie zeigen, wie leicht sich die Sprache der Physik in die Semantik des Mythischen überführen lässt, sobald Begriffe wie „Unbestimmtheit“, „Grenze“ oder „Superposition“ aus ihrem formalen Kontext gelöst werden.

Doch der genuine Impuls der Wissenschaft liegt nicht in der Pflege des Mysteriums, sondern in seiner analytischen Auflösung. Schrödingers Katze ist kein totemistisches Symbol der Quantenmystik, sondern ein ironisches Memento epistemischer Bescheidenheit. Und Schwarzschilds Singularität ist keine metaphysische Pforte, sondern das mathematische Menetekel unserer kognitiven Endlichkeit – der Punkt, an dem selbst unsere besten Theorien nur noch ihre eigenen Grenzen beschreiben.

Ein humanistischer Nachsatz

Gerade darin liegt der humanistische Wert solcher Gedankenexperimente: Sie zeigen, wie notwendig es ist, Denken von Glauben zu unterscheiden. Wissenschaft ist kein Ersatzmythos, sondern der Versuch, Welt ohne Zauberei zu begreifen – und dabei die eigenen Irrtümer ernst zu nehmen. Das ist nicht weniger poetisch, nur ehrlicher. Denn wer das Geheimnis sucht, findet es auch in der Klarheit, nicht im Nebel.


Quellen

(1) Schrödinger, Erwin (1935): Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik, Naturwissenschaften, 23(48): 807–812.
(2) Einstein, Albert (1916): Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie, Annalen der Physik, 49(7): 769–822.
(3) Schwarzschild, Karl (1916): Über das Gravitationsfeld eines Massenpunktes nach der Einsteinschen Theorie, Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 189–196.
(4) Hawking, Stephen & Penrose, Roger (1970): The Singularities of Gravitational Collapse and Cosmology, Proceedings of the Royal Society A, 314(1519): 529–548.