Gibt es den Yeti? Unplausibel. Gibt es Gott? Noch viel unplausibler

Andreas Kyriacou hat eine querulantische Ader, wenn es um sein Lieblingsthema geht: das Verhältnis von Staat und Kirche. Andreas Kyriacou hat eine querulantische Ader, wenn es um sein Lieblingsthema geht: das Verhältnis von Staat und Kirche. Andreas Kyriacou hat eine querulantische Ader, wenn es um sein Lieblingsthema geht: das Verhältnis von Staat und Kirche. Goran Basic für NZZ
Andreas Kyriacou hat eine querulantische Ader, wenn es um sein Lieblingsthema geht: das Verhältnis von Staat und Kirche. Andreas Kyriacou hat eine querulantische Ader, wenn es um sein Lieblingsthema geht: das Verhältnis von Staat und Kirche. Andreas Kyriacou hat eine querulantische Ader, wenn es um sein Lieblingsthema geht: das Verhältnis von Staat und Kirche. Goran Basic für NZZ

Simon Hehli von der Neuen Zürcher Zeitung schrieb ein Porträt über Andreas Kyriacou, den Ex-Präsidenten der Schweizer Freidenker, wir drucken es hier noch einmal ab. Viel der Schweizer Thematiken betreffen auch Österreich, manche Dinge sind ganz anders. Doch lest selbst.


Der Präsident der Freidenker tritt ab. Ein Porträt.

Andreas Kyriacou hat die Freidenker-Bewegung geprägt, nun tritt er als Präsident ab. Die Gesellschaft säkularisiert sich rasend schnell, doch am Ziel sieht sich der Religionskritiker noch lange nicht.

Ein Kindheitstrauma? Nein, das wäre dann doch übertrieben. Anders als viele Religionskritiker hat Andreas Kyriacou kein spirituelles Horrorerlebnis gehabt. Er ist nicht in einer Sekte oder einer reaktionären Freikirche aufgewachsen, von der er sich hätte distanzieren müssen. «Aber ein Kulturschock war es schon, der mein Verhältnis zur Religion nachhaltig getrübt hat», sagt er. Ein Kulturschock, der am Anfang einer Entwicklung stand, die ihn bis an die Spitze der Schweizer Freidenker-Bewegung geführt hat.

1975 zieht Kyriacou, damals acht Jahre alt, mit seiner Familie von Zürich nach England, in den Küstenort Worthing. Im Elternhaus spielt die Religion kaum eine Rolle. Der Vater, ein griechischer Zypriote, der orthodox aufgewachsen ist, hat sich schon lange vom Glauben emanzipiert, ebenso die Mutter, eine Zürcher Papier-Protestantin. Getauft ist Andreas nicht. Doch im England der siebziger Jahre nützt ihm das wenig.

An der staatlichen Schule müssen alle Schüler am Morgen zuerst in den Religionsunterricht, sie werden mit Bibelpassagen eingedeckt. Das irritiert Kyriacou genauso wie die Prügelstrafe, die an der Schule praktiziert wird, und die Bilder der Queen, die in jedem Klassenzimmer hängen. Und es weckt seinen Widerstandsgeist – so erzählt er es knapp fünfzig Jahre später bei einem Treffen im Café eines Co-Working-Space.

Männlich, urban, hochgebildet

Es ist ein naheliegender Ort für einen «Techie», der so gut zur Freidenker-Bewegung passt, dass er selbst über das Klischee lachen muss. Der typische Säkularist ist männlich, urban, hochgebildet, steht politisch eher links. So wie Andreas Kyriacou. «Oft sind es Informatiker, Unternehmer oder Wissenschafter», sagt der Religionswissenschafter Jörg Stolz, der zu den Freidenkern geforscht hat. Auch das trifft auf Kyriacou zu, der klinische Linguistik studiert hat, seit längerem im IT-Bereich arbeitet und sich auf Beratung in den Bereichen Wissensmanagement und Business-Analyse spezialisiert hat.

Obwohl er ein Bilderbuch-Freidenker ist, hat es gedauert, bis er bei der Bewegung landete. Nach vier Jahren in England kehrt die Familie in die Schweiz zurück. 1980 kommt Andreas in die Kantonsschule Oerlikon. Und legt sich dort gleich mit dem Religionslehrer an. «Ich war schon ziemlich gefestigt in meiner Überzeugung, dass Religionen nur erfundene Geschichten sind und keine Götter über uns schweben», erinnert er sich heute.

Zum Eklat kommt es offiziell aber nicht wegen seiner theologischen Aufmüpfigkeit. Sondern weil er mit Freunden Schach spielt im Unterricht. Der Religionslehrer verbannt ihn aus der Klasse. Das Gymnasium bricht Kyriacou später ab. Er macht das KV, jobbt in der IT und landet über den zweiten Bildungsweg doch noch an der Uni. Dort beschäftigt er sich unter anderem mit magischem Denken und sieht sich bestätigt in seiner Haltung, dass Religiosität nichts anderes ist als ein Hirngespinst.

Der Kampf um den Religionsunterricht

Die Jahrzehnte verstreichen. Kyriacou erlangt in Zürich eine gewisse Bekanntheit, weil er sich bei den Grünen und als Schulpfleger engagiert. 2006, er ist 40 Jahre alt, triggert ihn ein neues und doch altbekanntes Thema: der Religionsunterricht. Der Kanton Zürich will diesen neu ausrichten. Kyriacou liest eine kritische Stellungnahme, die genau das ausdrückt, was er empfindet. Bis dahin hat er noch nie etwas von der Organisation gehört. Es sind die Freidenker. Kyriacou wird Mitglied.

Am damals neuen Fach Religion und Kultur stört die Säkularisten, dass es Religionslosigkeit – oder wie sie sie lieber sagen: Religionsfreiheit – weiterhin als etwas Defizitäres hinstelle. Kyriacou schafft es, dass er neben Religionsvertretern in die Begleitgruppe einsitzen darf. Doch sein eigentliches Ziel erreicht er nicht, dass «das Säkulare eine würdevolle Präsenz im Unterricht erhält». Irgendwann geht er dem Leiter der Begleitgruppe so auf den Geist, dass er ihn rausschmeisst.

Freidenker werden lauter

Die Freidenker sind nur eine kleine Truppe und froh um ihren neuen Mitstreiter. «Wenn man mit Ideen kommt und etwas Drive hat, wird man schnell eingeladen, eine tragende Rolle zu übernehmen», sagt Kyriacou. 2007 wird er Präsident der Zürcher Sektion, 2011 dann Chef der Freidenker Schweiz. An seiner Seite steht Vizepräsident Valentin Abgottspon, der im Wallis den Job als Lehrer verloren hat – er weigerte sich, im Klassenzimmer das Kruzifix aufzuhängen.

Das Duo sorgt dafür, dass die Freidenker zu einer wichtigen Stimme im Diskurs über das Verhältnis von Kirche und Staat werden. Die Zeit arbeitet für sie: Die Schweizerinnen und Schweizer verlassen die Kirchen in Scharen, 2023 waren die Konfessionslosen zum ersten Mal die grösste weltanschauliche Gruppe, vor den Katholiken und den Protestanten. Wozu braucht es da noch die Freidenker? Ist ihre Mission nicht erfüllt?

Andreas Kyriacou winkt ab: «Die Gesellschaft säkularisiert sich viel schneller als der Staat.» Die Politik hofiere die Kirchen immer noch. Das macht er beispielsweise an den Subventionen in der Höhe von mehreren hundert Millionen Franken fest, die die Religionsgemeinschaften jedes Jahr erhalten. «Es wird einfach behauptet, dass niemand sonst wichtige soziale Leistungen für die Gesellschaft erbringen könne. Doch es gäbe genug andere Organisationen wie Stiftungen, die gute Ideen haben – aber lange nicht so viel Geld erhalten.»

Den Einfluss der Kirchen glaubt Kyriacou auch hinter dem Kampf gegen die Suizidhilfe zu erkennen. Erst kürzlich haben die Stimmberechtigten in Genf das Parlament zurückgepfiffen. Dieses wollte es den – teilweise religiös geprägten – Pflegeheimen freistellen, ob sie in Räumen Suizidbegleitungen zulassen oder nicht. Das Volk hingegen sorgte dafür, dass die Pflicht bestehen bleibt.

Einsatz für die Konfessionslosen

Die Freidenker präsentieren sich als Vertreter der rund drei Millionen Schweizer Konfessionslosen. Doch mit welchem Recht tut das eine Vereinigung, die bloss 2000 Mitglieder hat? «Wir sind die einzige Pressure-Group in diesem Land, die sich konsequent für die Trennung von Staat und Kirche einsetzt», sagt Kyriacou. Das sei im Interesse der Konfessionslosen. «Aber wir behaupten nicht, dass wir einen Drittel der Bevölkerung hinter uns haben – anders als die Kirchen, die mit der Zahl ihrer Mitglieder argumentieren, obwohl lange nicht alle von diesen die politischen Positionen teilen, die die Kirchen vertreten.»

Das ist eine typische Kyriacou-Aussage: Wenn er spricht, baut er verschachtelte Sätze wie ein NZZ-Redaktor in den siebziger Jahren. Als er einst für ein Streitgespräch auf einen wortgewaltigen Pfarrer traf, entstand der Eindruck, der Geistliche habe den Freidenker unter den Tisch geredet. Doch beim nochmaligen Anhören des Gesprächs zeigte sich, dass Kyriacous Argumente oft mindestens so viel Substanz hatten wie die theologischen Ausführungen des Pfarrers.

Auf die Frage, ob er ein Atheist sei, antwortet Kyriacou, dass er sich eher als Agnostiker bezeichnen würde. «Ein Atheist ist sicher, dass es Gott nicht gibt. Doch das ist eine unwissenschaftliche Haltung, man kann die Nichtexistenz von Gott nicht beweisen.» Allerdings sei es natürlich höchst unwahrscheinlich, dass überirdische Mächte unser Leben beeinflussten. «Gibt es den Yeti? Unplausibel. Gibt es Gott? Noch viel unplausibler», sagt Kyriacou.

Dass er selbst einmal zum Glauben finden könnte, hält Kyriacou ebenfalls für «höchst unwahrscheinlich» – und kann das «Risiko» doch nicht komplett ausschliessen. Eine schwere Lebenskrise oder die Beschäftigung mit dem Tod würden ihn kaum so weit bringen, glaubt er. «Aber dagegen, dass es im Kopf zu spuken beginnt, ist niemand gefeit. So viel habe ich über die Funktionsweise des Gehirns gelernt.»

Noch ein letzter Fight

Nach dreizehn Jahren geht die Zeit von Andreas Kyriacou an der Spitze der Freidenker-Bewegung zu Ende. An diesem Samstag wird seine Nachfolge bestimmt. Vorgeschlagen für ein Co-Präsidium sind die Umweltingenieurin Sonja Stocker und der bisherige Vize Abgottspon. Kyriacou will sich aber weiterhin engagieren, insbesondere bei der Unterstützung von Leuten, die vom Glauben abgefallen sind – etwa Ex-Muslimen.

Und auch einen anderen «Fight» möchte Kyriacou noch austragen. Er hat juristisch erstritten, dass die Freidenker den Kirchen keine Unternehmenssteuern mehr bezahlen müssen. Dasselbe will er für seine neu gegründete GmbH für Wissensmanagement erreichen. Deshalb hat er in die Statuten geschrieben, dass die Firma eine weltlich-humanistische Ausrichtung hat und nur Gesellschafter sein kann, wer dieser zustimmt.

«Ich bin gespannt, ob mir die Steuerrekurskommission dieselben Rechte wie der Freidenker-Vereinigung zubilligt», sagt Kyriacou mit einem schelmischen Grinsen, das eher zu einem Jugendlichen passt als zu einem 58-jährigen Mann. Und betont, es gehe ihm nicht ums Geld. Es geht ihm, wieder einmal, ums Prinzip.


Weitere interessante Beiträge der NZZ über die Schweizer Freidenker findet man hier:

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Dr. Andreas Gradert

Andreas Gradert studierte Theologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Psychologie an der University of Liverpool, Wirtschaftswissenschaften am MIT und Mediation am Wifi Salzburg und bei Lis Ripke.

Seit 2022 Präsident des Humanistischen Verbandes Österreich, seit 2024 auch der giordano bruno stiftung Österreich, früher im Präsidium der Lebenshilfe Salzburg, jetzt im Präsidium der Atheisten Österreich , aktiv im Zentralrat der Konfessionsfreien | EU Fundamental Rights Agency | Skeptiker | Effektive Altruisten und diversen Menschenrechtsorganisationen.

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