Geschichte III

In Deutschland entstehen erste freidenkerische Vereinigungen bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts.

1869

1869 gründet der Theologe Michael Biron in Graz einen ersten Freidenkerverein auf österreichischem Boden. Zwei Jahre später wird er des Landes verwiesen.


1880

1880 konstituiert sich in Brüssel der Internationale Freidenkerbund; im Jahr darauf der Deutsche Freidenkerbund, an dessen Gründung auch Wilhelm Liebknecht mitwirkt.


1887

In Österreich wird am 20. Februar 1887 im Hotel Englischer Hof in Mariahilf der *Verein der Konfessionslosen* gegründet. Dieser dehnte sich unter mehrfacher Umbenennung auf weitere Gebiete Deutschösterreichs aus und stand Liberalen und Sozialdemokraten nahe. Der erste Vorsitzende Erwin Plowitz, Arzt und Schriftsteller, muss aufgrund behördlichen Drucks seine Funktion niederlegen und an Josef Langkammer 1887 übergeben.


1889

Der Etui- und Kartonagenerzeuger Gustav Häfner übernimmt den Vorsitz.


1891

Der sozialdemokratische Reichratsabgeordnete Ludwig Wutschel wird für 30 Jahre Vorsitzender des Vereines der Konfessionslosen.


1893

1893 in Verein der Freidenker Nieder-Österreichs umbenannt. Der Verein wird zu einem der wichtigsten Vorkämpfer in kultur- und gesellschaftspolitischen Zielen der Sozialdemokratie. Die Hauptgebiete seiner Aktivitäten sind die Schulfrage und die Eherechtsfrage, in der ein in heftigem Gegensatz zur katholischen Kirche steht.


1895

Das 1895 erstmals erscheinende Mitteilungsorgan des Vereins (Mittheilungen des Vereines der Freidenker Nieder-Oesterreichs).


1903

1903 erfolgt die Umbenennung der Zeitung in „Der Freidenker“.


1905

Der bald darauf, 1905 gebildete Verein Freie Schule propagiert die Zurückdrängung des kirchlichen Einflusses auf das öffentliche Schulwesen. Andere nahestehende Organisationen sind die Ethische Gesellschaft, die sich die humanistische Gestaltung der Gesellschaft zum Ziel setzt, und der Verein Die Flamme, der für die Legalisierung der Feuerbestattung eintritt. Noch im selben Jahr wurde auch der „Eherechtsreformverein“ gegründet, der eine radikale Reform des Eherechts forderte, mit etlichen Mitgliedern des “Vereins der Freidenker Nieder-Österreichs” in leitenden Funktionen.


1906

1906 erringt der damalige Obmann des Freidenkerbundes Ludwig Wutschel ein Mandat im Wiener Gemeinderat.


1907

Am XIV. Weltkongress des Internationalen Freidenkerbundes 1907 in Prag nehmen ca. 400 Mitglieder des Wiener Eherechtsreformvereins teil. In der Abschlussresolution der Tagung heißt es u.a.: Die mit dem Staat verbündete Kirche und die von Staat eingerichteten konfessionellen Schulen sind Bestrebungen, den Menschengeist in Knechtschaft und Rückständigkeit zu erhalten, um so der Kirche gedankenlose Nachbeter und dem Staate willenlose und ganz abhängige Kreaturen zu erziehen.


1918

1918 entstand im Rahmen der Arbeiterbewegung der „Österreichische Freidenkerbund“ (Abzeichen: Stiefmütterchen) auf marxistischer Basis, der der Sozialdemokratie nahestand, in zirka 300 Ortsgruppen rund 45.000 Mitglieder umfasste und Kirchenaustrittspropaganda betrieb, bis 1919 Zusammenarbeit mit anderen Vereinen, die für ein wissenschaftlich orientiertes Weltbild und religionsfreien Ethik stehen. Hierbei vor allem mit Ernst Haeckels “Monistenbund” und die “Ethische Gemeinde”, welche von Friedrich Jodl gegründet wurde.


1919

Durch Zusammenschluss aller bestehenden Freidenkervereine im „Freien Bund kultureller Vereine“ im März 1919 versuchte man den Kampf gegen die Kirche wieder aufzunehmen. Es waren dies:

Bis zum Jahresende 1922 wurden 141 Ortsgruppen des FBÖ gegründet, davon 24 in Wien, 47 in Niederösterreich, 22 in Oberösterreich, 31 in der Steiermark, 6 in Kärnten, 11 in Tirol.


1921

1921 erfolgt die Umbenennung des Vereins in Freidenkerbund Österreichs, Dr. Karl (Ritter von) Frantzl übernimmt die Präsidentschaft.


1922

Mit der Eröffnung des Wiener Krematoriums gelingt der Freidenkerbewegung 1922 ein wichtiger Erfolg gegen den massiven Widerstand der Kirche und der Konservativen. Der Errichtung und Inbetriebnahme war ein monatelanger erbittert geführter Kulturkampf vorangegangen.

Im Roten Wien entwickelt der Verein, der 1932 rund 65.000 Mitglieder zählt, die an ihrem Abzeichen – einem Stiefmütterchen – erkennbar sind, eine freidenkerisch-sozialistische Fest- und Feierkultur, die sich als Alternative und Gegenmodell zur klerikal-katholisch geprägten Tradition versteht. Die Nachfolgeorganisation in der Ersten Republik nannte sich „Österreichischer Freidenkerbund“, hatte rund 65.000 Mitglieder und stand SPÖ sowie KPÖ nahe.

Der Verein der Freidenker zählte im August 1921 10.000 Mitglieder und hatte 36 Ortsgruppen. Im Juli 1922 bestanden 143 Ortsgruppen, der Mitgliederstand betrug zirka 40.000.

Der Bund hat eine eigene Zeitschrift, „Der Frei­denker“, die monatlich einmal erscheint. Im eigenen Verlage des Vereines sind seit Juli 1921 7 Broschüren erschienen. Es wurden mehrere Vortragsreisen unter­nommen Seit 15. Februar 1922 hat der Verein ein Sekretariat.


1923

Die österreichische Freidenkerbewegung hat im ver­gangenen Jahr einen starken Aufstieg zu Verzeichnen. Die Zahl der Ortsgruppen wuchs von 143 auf 230, die der Mitglieder von zirka 40.000 auf etwa 80.000. Das monatlich einmal erscheinende Organ „Der Freidenker“ konnte seine Auflage um 80 Prozent, seinen Umfang von 4 auf 6 und dann auf 8 Seiten vergrößern. Es wird bei halbwegs günstiger Situation bald zweimal monatlich erscheinen.

Der österreichische Freidenkerbund ist Mitglied der „Internationalen freigeistigen Arbeitsgemeinschaft“, in deren Büro er durch seinen Obmann vertreten ist.

Der Bund entfaltete eine rege Versammlungs- und Vortragstätigkeit. Zu erwähnen sind neben künstlerischen und wissenschaftlichen Vorträgen insbesondere die immer mehr sich einbürgernden weltlichen Sonntagsfeiern.

Sehr erfreulich gestaltete sich das praktische Zusammenarbeiten mit dem Verein „Freie Schule -Kinderfreunde“ und dem Arbeiterverein „Flamme“.


1924

1924 war der I. Internationale Kongress proletarischer Freidenker in Wien.

Im vergangenen Jahr war der Kampf gegen die von den politischen Behörden offenbar systematisch ge­übte Praxis in der Frage der Konfessionslosigkeit von Kindern bis zu sieben Jahren auf der ganzen Linie ent­brannt. (Wien ausgenommen.) Die von uns provozierte Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes wird von den Behörden und dem Bundesministerium für Inneres beziehungsweise Unterricht sabotiert.

Die dritte ordentliche Bundesversammlung vom 2. und 3. Februar 1924 war von 265 Delegierten besucht. Wir zählen 230 Ortsgruppen in Österreich, der Mit­gliederstand nähert sich der Zahl 100.000, konfessionslose Mitglieder 65 Prozent; Verhältnis der Männer zu den Frauen wie 7: 4. Dazu steigt die Zahl der Konfessionslos­erklärungen von Kindern. Unser Blatt, „Der Freidenker“, hat derzeit eine Auflage von 35,000.

Anfechtung der Bestimmungen betreffs Konfession der Kinder von 7 bis 14 Jahren ist im Gange; ebenso die Bestreitung des obligaten Religionsunterrichtes; ebenso die Bekämpfung des § 111, a. b. G. B. (Unlöslich­keit katholischer Ehen) im Wege der Gerichte.

Die Zahl der Versammlungen in allen Ortsgruppen, die Wiegenfeste, Hochzeitsfeiern, Begräbnisse, Jugend­weihen und Sonntagsfeiern lässt sich nicht bestimmen; sie geht in die Tausende.

Der „Freidenkerbund“ verfügt über 51 Referenten in Wien; dazu kommen die Referenten, die in den Län­dern ihren Wohnsitz haben.

Die Mitglieder find zu 99 Prozent Sozialdemo­kraten; das restliche Prozent sind Kommunisten und einige „Herrschaftslose“. Jedenfalls ist das Bekenntnis zum Sozialismus Voraussetzung der Mitgliedschaft.


1925

1925 wurde im böhmischen Teplitz-Schönau die „Internationale Proletarischer Freidenker“ mit Mitgliedsorganisationen in Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Russland und der Tschechoslowakei gegründet, Karl Frantzl wird Generalsekretär.

Wie alle Organisationen, hatte auch der Frei­denkerbund im letzten Jahre unter der Ungunst der wirt­schaftlichen Verhältnisse zu leiden. Die Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Auswanderung beeinträchtigte fühl­bar den zahlenmäßigen und den finanziellen Fortschritt. Fast 40 Prozent der Mitglieder mussten von Beitrags­leistungen befreit werden. Nichtsdestoweniger hat die Bewegung an Ausdehnung und innerer Kraft wesentlich zugenommen, und die Tätigkeit auf den Gebieten der Agitation, Volksbildung und Bekämpfung Verfassungs­widriger Zustände hat in diesem Jahre eine besondere Intensität erlangt.

Der Freidenkerbund zählt Ortsgruppen:

Niederösterreich
Oberösterreich
Wien
Steiermark
Kärnten
Tirol
Burgenland
Vorarlberg


Gesamt

86
49
48
43
7
10
4
3


250

Der Mitgliederstand beträgt einschließlich der Jugendlichen gegen 100.000. Davon sind rund 60.000 konfessionslos.

Die Zeitung „Der Freidenker“ hat eine Auflage von 35.000 Stück. Ein eigener „Freidenkerverlag“ wurde konzessioniert. Der Absatz von Büchern und Broschüren war unter Berücksichtigung der Finanzverhältnisse zufriedenstellend.

Die Bestellung eines beamteten Sekretärs und die nach langen Mühen erreichte Zuweisung eines brauch­baren Sekretariatslokales wirkten auf den Gang der Geschäfte außerordentlich günstig ein. Zahllose Versammlungen wurden abgehalten. In Wien allein fast 1200. Große Demonstrationsveran­staltungen in allen Landeshauptstädten. Die in Wien vom 29. Juni bis 5. Juli währende Freidenkerwoche brachte wahre Massenversammlungen. Der diese Woche ab­schließende Freidenkertag am 5. Juli 1925 (Antwort auf den Katholikentag) zeigte in imponierender Weise, was der Freidenkerbund bedeutet.

Gegen die ständigen Verletzungen der Gewissens­freiheit durch Regierung, Behörden und Gerichte wurde ein zäher Kampf im Wege zahlloser Beschwerden, Rekurse und dergleichen geführt. Die Frage der Anerkennung der Konfessionslosigkeit von Kindern, des Besuches des Religionsunterrichtes und das Aufsteigen von Kindern bei Nichtbesuch dieses Lehrgegenstandes spielte keine geringere Rolle als die Angriffe gegen das geltende Ehe­recht, welch letztere der Sachlage nach sich mehr des Mittels der Prozessführung bedienten. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes über die Geltung des gegen­wärtigen Ehegesetzes ist für die nächste Zeit zu erwarten.

In Verfolgung der Völkerbundaktion hat eine Ab­ordnung des Bundes beim Völkerbundrat vorgesprochen und dort die sachliche Unrichtigkeit einer von der öster­reichischen Regierung abgegebenen Äußerung nachgewiesen.

Die am 1. Juni konstituierte „Internationale proletarischer Freidenker“ hat als ihren Sitz Wien be­stimmt und dem Freidenkerbund Österreichs die Führung des Generalsekretariats übertragen. Diese Inter­nationale, der der Wiener Kongress im Oktober 1924 vorausgegangen war, hat ihre Stellung zum Sozialis­mus und den Sozialistischen Parteien in folgenden Richt­linien festgesetzt, beschlossen am 1. Juni 1925 in Teplitz:

  1. Die völlige geistige Befreiung der Arbeiterklasse setzt ihre ökonomische Befreiung voraus. Aber im Kampfe für diese ökonomische Befreiung ist die Bekämpfung der geistigen Rückständigkeit der Arbeiter eine der wichtigsten Waffen.
  2. Die Klassenherrschaft des. Kapitalismus stützt sich in hohem Maße auf die geistige Rückständigkeit der Massen.
  3. Die herrschende kapitalistische Klasse züchtet bewusst derartige Rückständigkeit, um die Ausgebeuteten in Ab­hängigkeit zu erhalten.
  4. Die wirksamsten ideologischen Kräfte der Reaktion sind Religion und Nationalismus.
  5. Die Religion hat die Aufgabe, das Proletariat von seinen Lebensinteressen abzulenken.
  6. Der Nationalismus hat die Aufgabe, das Proletariat seinen internationalen Klasseninteressen zu entfremden.
  7. Religion und Nationalismus sind daher Bundesgenossen des Kapitalismus, Bundesgenossen in der Seele des Proletariats selbst, jenes Proletariats, das sich ökonomisch vom Kapitalismus zu befreien sucht.
  8. Klerikale und nationalistische Organisationen, die sich auf die religiösen und nationalen Vorurteile der Massen stützen, stehen im Dienste der herrschenden Klassen, also im Dienste der Reaktion.
  9. Unser Kampf gegen Klerikalismus und Chauvinismus ist ein Teil des revolutionären Befreiungskampfes und muss sich daher in den Dienst desselben stellen.
  10. Die Kirche, so mächtig sie auch äußerlich scheinen mag, ist ein den gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnissen angepasstes Überbleibsel einer längst entschwundenen Epoche. Die gegenwärtigen religiösen Ideologien sind zugleich mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung historisch zum Untergange verurteilt.
  11. Der Nationalismus, als ideologische Begleit­erscheinung der imperialistischen Epoche des Kapitalismus, er­starkt zugleich mit der Zuspitzung der imperialistischen Gegen­sätze. Zugleich erstarken aber auch im Proletariat die revolutionären Gegenkräfte, die mit dem Kapitalismus auch den Imperialismus vernichten werden.
  12. Die Ausbeutung ist international und benützt auch die Religion nur als Mittel zum Zwecke. Der Ausbeuter braucht für sich keine Religion und liefert auch an Feinde und Andersgläubige. Der Ausgebeutete hingegen soll religiös und patriotisch sein, das heißt Ideale haben, für die er zu hungern, und wenn es not tut auch zu sterben bereit ist.
  13. Die proletarische Freidenkerbewegung ist ein Zweig der großen sozialistischen Gesamtbewegung. Ihre Sonderauf­gabe besteht darin, auf dem Boden des revolutionären Klassen­kampfes und des wirtschaftlichen Sozialismus durch Zer­störung der religiösen und bürgerlichen Ideologien in den
  14. Köpfen des Proletariats an der Verwirklichung einer alle Völker und Rassen umfassenden klassenlosen Gemeinschaftskultur mitzuarbeiten.
  15. Da sich die proletarische Freidenkerbewegung in den Dienst des proletarischen Befreiungskampfes stellt, verlangen wir auch von jeder proletarischen Partei im Interesse des Klassenkampfes eine Unterstützung unserer Bestrebungen. Jede proletarische Partei muss dafür kämpfen, dass für den Staat Religion Privatsache ist, aber für sie selbst darf die Religion nicht Privatsache sein. Insbesondere von den Führern und Funktionären der proletarischen Bewegung muss verlangt werden, dass sie vollkommen auf dem Boden des Marxismus stehen, der mit jeder religiösen Ideologie unvereinbar ist.
  16. An diese Grundsätze sind alle angeschlossenen Organisationen gebunden.

Irgendwelche positive Erfolge im Sinne einer Abänderung der in Anwendung stehenden Gesetze sind leider nicht erzielt worden. Die Verhältnisse im National­rat werden vom Freidenkerbund mit wachsendem Un­behagen verfolgt. Die durchweg noch offenstehenden Forderungen der Freidenker drängen nach wenigstens teilweiser Erfüllung.

Schließlich ist der von uns eingeführte Unterricht in Sittlicher Lebenskunde zu erwähnen, der in einer Reihe unserer Ortsgruppen lebhaften Zuspruch findet, der aber nicht dauernd von privater Seite geleistet werden kann, sondern zu einem offiziellen Lehrgegenstand gemacht werden muss.


1926

Wenn auch die Verschärfung der wirtschaftlichen Not es mit sich gebracht hat, dass weite Kreise infolge des täglichen Kampfes ums Dasein für Kulturfragen weniger Sinn haben, so hat der Freidenkerbund doch auch in diesem Jahr sehr schöne Erfolge zu verzeichnen. Einerseits ist eine Festigung nach innen hin eingetreten, das organisatorisch-administrative Gebäude ist nunmehr vollendet und hat die erwartete finanzielle Kon­solidierung zur Folge gehabt.

Anderseits aber war es infolge einer rationelleren Ausnutzung der zur Ver­fügung stehenden Agitationskräfte möglich, die Be­wegung auch weiter ins Land hinauszutragen, und die Gruppen konnten erhöhte Aktivität an den Tag legen. Die Tätigkeit wurde, besonders was die Vorträge be­trifft, mehr als verdoppelt, und bei den verschiedensten Gelegenheiten wurde, so in der Schulfrage, die Schlagfertigkeit der Organisation bewiesen. Die Zahl der Mitglieder hat zugenommen, allerdings hat sich in demselben Verhältnisse auch die Zahl der Nichtzahler (Arbeitslose) vermehrt. Mit hunderttausend Mitgliedern kann der Verein wohl zufrieden sein. Besondere Erfolge wurden auch hinsichtlich der Kirchenaustritte erzielt


1927

Das vergangene Jahr hat der Freidenkerbewegung große Erfolge ge­bracht.

Nach den traurigen Ereignissen vom 15. und 16. Juli 1927, als Bundes­kanzler Dr. Seipel, der Prälat ohne Milde, das seinige zur Agitation für den Kirchenaustritt beigetragen hat, haben die Länderorganisationen und die Bundesleitung gemeinsam über eine halbe Million Flugblätter ver­teilen lassen, um die in Fluss gekommene Kirchenaustrittsbewegung zu fördern und rege zu erhalten. Ein Flugblatt des Landes Wien wurde kon­fisziert und im Wege der Interpellation der Sozialdemokratischen Abgeord­neten im Nationalrat immunisiert. Durch die Landesorganisation Wien sind im abgelaufenen Jahre allein 31.624 Kirchenaustritte erfolgt. Oberösterreich verzeichnet gegenüber 1926 ein Hinaufschnellen der Kirchenaus­tritte um fast das Dreifache.

Anlässlich des Katholikentages im Mai 1927 wurde von der Landes­organisation Wien ein vierseitiges Flugblatt unter dem Namen „Leo­Blätter“ unter den Demonstranten ausgeteilt.

Der Bund zählte Ende 1927 254 Ortsgruppen, um 19 mehr als im Jahre 1926, die an ihrem Abzeichen – einem Stiefmütterchen – erkennbar waren.. Außerdem bestehen 59 Zahlstellen, so dass an 313 Stellen des Bundesgebietes die Organisation festen Fuß gefasst hat. 1927 hatte sich als letzte die Landesorganisation Salzburg dem Bund angeschlossen, es wurde damit ein Mitgliederstand von 41705 erreicht.

Die 1920er Jahre standen ganz im Zeichen der Ausgestaltung einer freidenkerisch-sozialistischen Festkultur und der beständigen Werbung für den Austritt aus der Kirche, die besonders nach der Julirevolte von 1927 intensiviert wurde. Einer der bedeutendsten Vorkämpfer des Freidenkertums in Österreich war der NRA Karl Leuthner, der unablässig gegen die politisierende Kirche zu Felde zog.

Land

Wien
Steiermark
Niederösterreich
Oberösterreich
Kärnten/Osttirol
Salzburg
Tirol
Vorarlberg
Burgenland


Männer

16.463
4.728
3.175
2.204
905
617
558
304
275


29.229

Frauen

8.411
1.026
1.253
270
307
196
158
75
20


11.716

Jugendliche

626
7
51
13
12
28
–
1
22


760

Zusammen

22.500
8.761
4.479
2.478
1.224
841
716
380
317


41.705

Die Auflage der Zeitung stieg bis 31. Dezember 1927 auf 39.000 Exem­plare. Im vergangenen Jahre hat die Broschürenreihe Freidenker­bücherei ihren zweiten Jahrgang in zwölf Heften abgeschlossen. Die Landesorganisationen Wien und Niederösterreich geben gemeinsam ein Mitteilungsblatt Der Pionier heraus, dass die wichtigsten Beschlüsse und Richtlinien für die Ortsgruppenfunktionäre enthält. Dieses Blatt erscheint in einer Auflage von monatlich 1300 Exemplaren. Das Land Steiermark hat ferner ein Wochenblatt „Alpenland“ herausgegeben, dessen Auflage über 3000 Exemplare beträgt.

Die Rechtshilfe erforderte im Berichtsjahr große Mittel. Es wurden eine Reihe von Einzelprozessen und eine große Anzahl von Ver­waltungs- und Verfassungsgerichtshofbeschwerden durchgeführt.

Für den organisatorischen Ausbau der Bewegung steht ein besonderes Ereignis des Vorjahres in dem Vordergrund: die Vereinigung der bisher unabhängig gewesenen Salzburger Organisation mit dem Bunde. Dadurch ist auch in den Alpenländern der Weg für die einheitliche Agitation frei­gemacht worden.


1928

Auch im Jahre 1928 hat die Freidenkerbewegung reiche Arbeit geleistet. Allen Bemühungen der klerikalen Feinde zum Trotz wird die Zahl der aus der Kirche Scheidenden immer größer.

Der Kampf um das Kind wurde in den Ländern in „traditioneller“ Weise von den Behörden weitergeführt, die für Entscheidungen des höchsten Gerichtes taub zu sein scheinen. Man versucht, den politischen und kulturellen Kampf auf dem Rücken hilfloser Kinder abzutragen. Um ein einheitliches Vorgehen zu gewährleisten und keinen Termin zu versäumen, wurde der Kampf zentralisiert. Mehr als hundert unerledigte Rekurse liegen bei den Landes­regierungen und nahezu ein Schock beim Ministerium, die auf ihre Erledigung warten.

In Pölsing-Brunn wurde im vorigen Jahre eine Versammlung verboten. Konfessionslose wurden zum Eid gezwungen, einzelne Landes- beziehungs­weise Gemeindevertretungen machen den Versuch, öffentliches Eigentum der Kirche zu verschenken usw. Das sind die Methoden des Kampfes der Kleri­kalen, womit sie den Fortschritt der Freidenkerbewegung aufzuhalten glauben,

Der Bund verbreitete im Berichtsjahre gemeinsam mit der Landes­organisation Wien ein „Merkblatt für Lehrer und Erzieher“, das alle notwendigen Belehrungen hinsichtlich der schulpflichtigen Kinder enthielt. Die Landesorganisation Wien verbreitete weiter ein illustriertes Flugblatt „Die zehn Gebote Gottes“. Knapp nach dem 7. Oktober stellte der Bund 350.000 Flugblätter mit Bildern und Text zur Werbung für den Kirchenaustritt zur Verfügung. Ein Plakat, das konfisziert wurde, konnte durch eine Interpellation der Sozialdemokratischen Ab­. geordneten im Nationalrat immunisiert werden.

Zu Ehren Konrad Deublers fand zu Pfingsten ein Treffen in Goisern statt, ferner im Juli ein Freidenkertreffen in Hieflau und Hain­burg.

Der im Oktober von den einzelnen Landesorganisationen, mit Aus­nahme von Wien, veranstaltete ,,Freidenkertag“ brachte eindrucks­volle Kundgebungen.

Im November wurden in Wien und Linz anlässlich des zehnjährigen Be­standes der Republik große Festlichkeiten abgehalten.

Land

Wien
Steiermark
Niederösterreich
Oberösterreich
Kärnten/Osttirol
Salzburg
Tirol
Vorarlberg
Burgenland


Männer

17.433
4.340
3.959
2.380
919
492
528
304
278


30.633

Frauen

8.506
1.125
1.615
634
352
227
175
85
30


12.749

Jugendliche



152
23
18
19


2


212

Zusammen

25.939
5.465
5.726
3.037
1.289
738
703
889
308


43.594

Insgesamt wurden im Berichtsjahre 2633 Vorträge, Kulturfeiern und sonstige Veranstaltungen abgehalten. Von der Zeitung Der Freidenker wurden 450.000 Exemplare an die Mitglieder ausgegeben. Von der Frei­denkerbücherei sind zwölf weitere Nummern erschienen. Die Landes­organisationen Wien und Niederösterreich haben auch im Jahre 1928 ihr Mitteilungsblatt Der Pionier herausgegeben, dessen Auflage monatlich 2000 Exemplare beträgt. Das von der Landesorganisation Steiermark ge­gründete Wochenblatt Alpenland ist an die Landesparteiorganisation übergegangen.

Auf dem Gebiete der Rechtshilfe gab es ebenfalls viel Arbeit zu leisten. Im vergangenen Jahre ist es der Landesorganisation Wien ge­lungen, vom Wiener Stadtschulrate die Genehmigung zur Errichtung eines Privatschulunternehmens mit Öffentlichkeitsrecht für den Unterricht in sittlicher Lebenskunde zu erlangen. Die Kurse in Wien haben dadurch offiziellen Charakter erhalten. Der Unterricht wird von städtischen Lehrern geleitet und untersteht der Inspektion des Stadtschulrates. Es be­stehen derzeit in Wien 30 Unterrichtsstellen mit 58 Kursen, die von 1737 Kindern besucht werden. Ähnliche Kurse bestehen auch in Steyr, Schwechat und Innsbruck. Zur Deckung der Kosten für den sittlichen Lebenskunde­unterricht hat die Landesorganisation Wien allein 7936 S aufbringen müssen.

Die Verwaltung der Organisation ist nunmehr einheitlich geworden. Das Sekretariat wurde beauftragt, einen monatlichen Nach­richtendienst einzurichten, der die Hauptfunktionäre der Teilorgani­sationen über die kulturpolitische Lage zu unterrichten hat.

Ende 1928 zählte der Bund 266 Ortsgruppen und 44 Zahl­stellen. Der Mitgliederstand betrug am 31. Dezember 1928:

Daß innerhalb der Arbeiterbewegung bestimmte Gruppen, vor allem die Freidenker, gegen die Religiosität kämpfen, bedeutet noch nicht, daß dies die Partei als solche tut, daß es die Gewerkschaften als solche tun. Die Freidenker sind innerhalb der Arbeiterbewegung in einer ähnlichen Lage wie die Naturfreunde oder die Abstinenten.


1929

Das Jahr 1929 stand vollkommen im Bann der politischen Ereignisse und der Abwehr einer kräftigen Reaktion auf dem Gebiete des Kulturkampfes. Gleich zu Beginn des Jahres war diese Reaktion zu spüren, als anlässlich von Flugzettelkonfiskationen die ersten Hausdurch­suchungen erfolgten. Im Laufe des Jahres haben sie sich wiederholt, zu­letzt anlässlich der Verbreitung einer Werbeflugschrift und eines Werbe­plakats für den Kirchenaustritt. In allen diesen Fällen kam es über die Voruntersuchung nicht hinaus. Die Märznummer des offiziellen Organs „Der Freidenker“ wurde vom Staatsanwalt wegen eines darin Ver­öffentlichten Artikels „Maria, Versuch einer Lebensbeschreibung“ be­schlagnahmt und der Autor wurde in Untersuchung gezogen. Von den sonstigen Ereignissen hat insbesondere der Blutsonntag von St. Lorenzen seine Auswirkung gehabt. Zufolge dieses Ereignisses sind in der zweiten Hälfte dieses Jahres in Steiermark im Brucker Bezirk allein über 2000 und in ganz Steiermark über 3000 Menschen aus der Kirche ausgetreten, Von denen der Großteil konfessionslos geblieben ist. Diese Tatsache bedeutet, dass die bisher nur in Wien besonders rege gewesene Austrittsbewegung auch in die Alpentäler Ein­gang findet. In Wien selbst sind im Laufe des Jahres 1929 über 11.0 0 0 Kirchenaustritte zu verzeichnen. Die Gesamtzahl der Aus­tritte in Österreich ist sehr schwer zu erfassen, weil die meisten Behörden beim Versuch des Austritts Erkundigungen einziehen und Schwierigkeiten machen. Sicher ist, dass im vergangenem Jahre mindestens 16.000 Menschen in Österreich konfessionslos geworden sind.

Die erhöhte Tätigkeit der Heimwehr hatte zur Folge, dass sich aller Augenmerk auf die Wehrformationen der Partei lenken musste, so dass der republikanische Schutzbund alle verfügbaren Kräfte aufsaugte. Das ist mit ein Grund dafür, dass der Mitgliederstand trotz eifrigster Werbearbeit seine namhafte Veränderung erfahren hat. Die Zahl der Orts­gruppen und Zahlstellen ist allerdings auf 328 gestiegen, hingegen die Mitgliederzahl in den meisten Ländern etwas zurückgegangen, wozu noch kommt, dass die steigende Arbeitslosigkeit auch eine verhältnismäßige Er­höhung der nichtzahlenden Mitglieder brachte. Ein Land nur macht in der allgemeinen Reihe eine Ausnahme, es ist Steiermark, dass sowohl unter dem Druck der Ereignisse als auch unter dem unmittelbaren Eindruck der lokalen Begebenheiten seinen Mitgliederstand um nahezu 10 Prozent ver­mehren konnte, was aber nicht dazu ausreicht, die Defizite anderer Länder auszugleichen. Kärnten, Tirol und Vorarlberg haben ihren Stand un­wesentlich geändert, in den übrigen Ländern verzeichnen wir Verluste. Demgemäß betrug Ende 1929 die Zahl der Mitglieder 38.213 (27.078 Männer und 11.135 Frauen.)

Die Zahl der Konfessionslosen im Bunde ist mit rund 32.000 anzunehmen, hat sich also im Prozentsatz gegen früher nicht wesentlich ver­schoben. Vorsichtige Schätzungen der Zahl der Konfessionslosen in ganz Österreich belaufen sich auf ungefähr 206.000, was durchschnittlich drei Pro­zent auf die Bevölkerung umgerechnet entspricht. Selbstverständlich ist dieser Prozentsatz in den Industriestädten und in Wien bedeutend höher, er übersteigt hier mitunter 12 Prozent, was sich besonders in Wien an der zunehmenden Zahl konfessionsloser Kinder auswirkt. An den Wiener Schulen gibt es derzeit bei 8000 konfessionsloser Kinder.

Eine besondere Erwähnung verdient der Unterricht für sitt­liche Lebenskunde, der außer in Wien auch in Niederösterreich an drei Orten, in Oberösterreich und in Tirol, betrieben wird. Außer den 2500 Kindern, die in Wien diesen Kurs besuchen, sind es rund 300 Kinder in den anderen Ländern.

Der Schuldirektor Franz Ronzal übernimmt die Präsidentschaft.


1930

Das Jahr 1930 stand im Zeichen der Reaktion. Das neue Pressegesetz ist für die Freidenker von ausschlaggebender Bedeutung gewesen. Hatte doch das Vereinsorgan schon auf Grund des alten Pressegesetzes manchen Strauß auszufechten. Meistens verliefen die Angelegenheiten im Sand; nur ein einziges Mal hat der Staatsanwalt wirklich zugegriffen und den Schriftleiter sowie den Verfasser eines Artikels wegen Gotteslästerung angeklagt. Es war für den Staatsanwalt keine leichte Aufgabe, vor den Volksrichtern am 28. März 1930 seine Behauptungen aufrechtzuerhalten, denn es konnte nachgewiesen werden, dass der ganze Artikel nur eine geschickte Zusammenstellung von Aussprüchen bedeutender Kirchengrößen war. Durch das neue Pressegesetz, demzufolge gerade in den uns interessierenden Angelegenheiten im Deliktfall an Stelle der Geschwornen das Schöffengericht tritt, hat sich die Situation des Staatsanwaltes wesentlich gebessert und er hat auch die erste sich bietende Gelegenheit zu einem neuen Schlag benutzt.

Kardinal PiffI erließ, wie es Brauch ist, auch 1930 einen Hirten­brief, der diesmal den gottlosen Freidenkern gewidmet war. Der Obmann des Freidenkerbundes hat daraufhin einen Offenen Brief verfasst, der in Form von Flugzetteln und Plakaten der Allgemeinheit zur Kenntnis gebracht wurde. Die Staatsmaschinerie arbeitete mit anerkennens­werter Präzision und konfiszierte dreimal den Text dieses Flugzettels. Der Obmann Genosse Ronzal wurde unter Anklage gestellt und in der im Sep­tember 1930 stattgefundenen Verhandlung im Landesgericht I von einem Schöffensenat, obwohl er die Richtigkeit seiner Darstellungen restlos be­weisen konnte, zu 14 Tagen strengem Arrest, mit zweijähriger Bewährungs­frist, verurteilt.

Das Ministerium für Kultus und Unterricht konnte natürlich nicht hinter dem Staatsanwalt zurückstehen und hat gegen den Lebens­kundeunterricht angekämpft. Der Verfassungsgerichtshof schloss sich der Meinung der Organisation an und erklärte diesen Unterricht — aller­dings nur .für konfessionslose Kinder — als den gesetzlichen Bestimmungen entsprechend und zulässig. Klar ist auch, dass die Unterbehörden in gleichem Sinne eingestellt waren.

Die Kirchenaustritte wurden erschwert, die Frage der Kon­fessionslosigkeit der Kinder, obwohl sie durch mehrfache Verfassungsgerichts­hofurteile längst klar beantwortet ist, wurde nach wie vor in rückschrittlichem Sinne behandelt. Es wurden die unmöglichsten Versuche gemacht, mit Hilfe des Staatsapparates Seelen für die katholische Kirche zu retten. Der durch die neue Verfassung geänderte Verfassungsgerichtshof hat auch Gelegenheit gehabt, sich gegen uns vorläufig indirekt zu bewähren. Er hat in der Frage der Dispensehen gerade das Gegenteil von dem entschieden, was vorher durch die gleiche Instanz entschieden worden war. Die Gerichte machten immer wieder den Versuch, Konfessionslose zum reli­giösen Eid zu verpflichten. Außerdem wurde eine Reihe von Anklagen gegen die Referenten wegen Gotteslästerung erhoben. Um ein Bild von dem Um­fang zu geben, sei erwähnt, dass in den Monaten September bis November 1930 nicht weniger als 60 rechtskräftige Verurteilungen erfolgt sind, allerdings meist bedingt.

Der Freidenkerbund konnte seinen Besitzstand trotz Wirtschaftskrise im Berichtsjahr erhalten und gerade in ziemlich gefährdeten Positionen, wie in Niederösterreich und Steiermark, sogar neben einer inneren Festigung auch eine äußerliche Aktivität entfalten.

Das Land Steiermark benützte die. zehnjährige Wiederkehr der Gründung zur Herausgabe einer sehr schön ausgestatteten Broschüre, die neben dem Jahresbericht eine Reihe grundlegender Aufsätze führender Ge­nossen enthält.

Auch die Tätigkeit in den Gruppen war sehr rege. Es wurden ins­gesamt rund 2500 Veranstaltungen abgehalten, darunter imposante Massenversammlungen, die alle gut besucht waren.

Bei den Bildungsvorträgen macht sich immer mehr die Tendenz der systematischen, weltanschaulichen Bildung geltend. Dies hat auch dazu geführt, dass die Referentenkommission einer gründlichen Umgestaltung nach Fachgruppen und Wissensgebieten unter­zogen worden ist. Besonders bemerkenswert sind auch die in künstlerischer Beziehung auftauchenden Bedürfnisse, die nicht nur in Wien, sondern auch in den Ländern die Notwendigkeit zentraler und damit einheitlicher Hand­habung, sowie der Prinzipienerfassung mit sich bringen.

Der Lebenskundeunterricht wird für über 2000 Kinder mit großen finanziellen Opfern aufrechterhalten und ausgebaut. Eine sehr nachahmenswerte Einrichtung will die Landesorganisation Tirol durch die Errichtung einer Wanderbibliothek ins Leben rufen.

Wenn der Freidenkerbund auch feststellt, dass das vergangene Jahr keinen Aufschwung brachte, dass also gar keine Ursache zur Befriedigung in organi­satorischer Beziehung besteht, so soll doch festgehalten werden, daß.es in emsiger Tätigkeit möglich war, den Besitzstand trotz wirtschaftlicher Not im Allgemeinen zu wahren.

1930 spalteten sich die „Proletarischen Freidenker“ in einen sozialdemokratischen und einen kommunistischen Verband (IpF), der von 1925-33 in Wien seinen Sitz hatte.


1931

Die Wirtschaftskrise, der zufolge ein Betrieb nach dem anderen seine Tore schloss und Österreich in einen wahren Industriefriedhof verwandelt wurde, drückte sich in der Arbeiterschaft durch die steigende Ziffer der Ar­beitslosen, Ausgesteuerten und Kurzarbeiter aus. Dass in solchen Zeiten unter den proletarischen Organisationen, ganz besonders die Kultur­vereinigungen betroffen werden, liegt auf der Hand. Es ist daher nicht überraschend, wenn festgestellt werden muss, dass fast die Hälfte der Mit­glieder des Freidenkerbundes arbeitslos ist — ein Teil davon schon aus­gesteuert — und viele Tausende nur mehr in Kurzarbeit stehen. Es ist so­mit ein großer Erfolg und ein Zeichen für die Überzeugungstreue der An­hänger, wenn 31.000 Mitglieder am Ende des Berichtsjahres gezählt wer­den konnten, so dass der Besitzstand erhalten worden ist. Einzelne Gruppen erzielten sogar einen Mitgliederzuwachs. In Wien allein sind 1000 Per­sonen aus der Kirche ausgetreten.

Was die Tätigkeit der Organisation anlangt, war sie durch die Wirt­schaftlichen Schwierigkeiten sehr stark beeinträchtigt. Sie erstreckte sich haupt­sächlich auf Aufklärungsarbeit, die durch eine gut redigierte Zeitung (Auf­lage 40.000) und vor allem durch zahlreiche Vorträge bestritten wurde. Die Zahl der Vorträge und Veranstaltungen in ganz Österreich betrug im Jahre 1931 über 2000, wofür der Bund — trotz aller finanziellen Schwierig­keiten — über 14.000 Schilling ausgeben konnte. Der Lebenskunde­unterricht konnte ebenfalls mit Erfolg fortgesetzt werden. In Wien wurden die Kurse von fast 2000 Kindern besucht. Auch in einzelnen Orten der Provinz werden solche Kurse unterhalten. Viel Ersprießliches haben die Spitalausschüsse geleistet, die besonders in den Ländern eine wichtige Funktion haben.

Es soll schließlich nicht unerwähnt bleiben, dass die Organisationsarbeit durch die Kommunisten. wiederholt und besonders in Wien gestört worden ist: Die Kämpfe waren oft sehr scharf, wobei die Kommunisten auch vor persönlichen Verunglimpfungen nicht zurückscheuten. Im letzten Drittel des Jahres konnten diese inneren Kämpfe im klaren Sinne der über­wiegenden Mehrheit der Organisation entschieden werden, wodurch wieder Beruhigung eintrat.

Trotz der ungünstigen Wirtschaftsverhältnisse und aller Anstrengungen der Gegner war die Bewegung nicht zu erschüttern.

Im Frühjahr 1931, als die Freidenker ihr zehnjähriges Jubiläum feiern, ist die katholische Reaktion allerdings bereits auf dem Vormarsch. Der Klerikalismus begnügt sich nicht mit der Machtstellung, die ihm willlfährige Regierungen unter Mißbrauch der Staatsgewalt, insbesondere auf dem Gebiet des Schulwesens von der Volksschule bis zur Universität geschaffen haben, und er will die schwere innere Not der unter einem unhaltbar gewordenen Eherecht leidenden Massen dazu mißbrauchen, um im Wege eines Konkordats gegen das Linsengericht einer Reform des veralteten Eherechtes die bedingungslose Herrschaft über die Schule und die Jugend wieder zu erlangen. (Arbeiter-Zeitung, 28. April 1931)


1932

Das Vereinsjahr 1932 war für unsere Organisation eine Zeit schwerster innerer Krise. Die kommunistische Opposition hat die Tatsache, dass es unter tätiger Mithilfe des Freidenkerbundes Österreichs im September 1931 in Berlin zu einem gemeinsamen Kongress der beiden Frei­denker-Internationalen (Internationale proletarischer Freidenker und Brüsseler Internationale) gekommen war, dazu ausgenützt, mit einer wüsten Agitation einzusetzen, die den Zweck hatte, die Leitung zu stürzen und die Bewegung ganz unter kommunistische Leitung zu bringen. Der Bundes­versammlung 1932 kam deshalb ganz besondere Bedeutung zu. Es muss mit besonderer Befriedigung hervorgehoben werden, dass der Plan der „revo­lutionären Freidenkeropposition“ mit einer nur bei klassenbewussten Prole­tariern vorkommenden Disziplin und Einmütigkeit abgewehrt wurde.

Freilich mag ohne weiteres zugegeben werden, dass die ungeheure Wirtschaftskrise diese Aufgabe schwer beeinträchtigte. Innerhalb der Mitglied­schaft erfolgte eine starke Verschiebung von Vollzahlern zu Arbeitslosen. Dies verursachte einen nicht unbeträchtlichen Mitgliederverlust. All das hat die Einnahmen des Bundes so stark beeinflusst, dass darunter die agitatorischen Aufgaben des Bundes schwer zu leiden hatten.

Allgemeines. Dem immer deutlicher in Erscheinung tretenden engen Zusammenschluss der gesamten bürgerlichen Reaktion ist der Frei­denkerbund insofern entgegengetreten, dass er in Flugblättern und Versammlungen dieses Zusammenarbeiten aufgezeigt hat. Wie unangenehm diese Arbeit der Reaktion geworden ist, zeigen die Konfis­kationen mehrerer Flugblätter und die gerichtlichen Verfolgungen der Ver­fasser dieser Flugblätter. Gemeinsam mit der Freien Lehrergewerkschaft wurde in einer großen Zahl von Versammlungen das drohende Konkor­dat behandelt. Das von der Partei der Öffentlichkeit und der Regierung vorgelegte Arbeitsbeschaffungsprogramm hat den Freidenker­bund veranlasst, in einem eigenen Programm aufzuzeigen, dass die Mög­lichkeit vorliegt, Gelder für die Linderung der Arbeitslosigkeit zur Ver­fügung zu bekommen. Die in diesem Wirtschafts- und Sparprogramm an­geregte Streichung der Kongrua, Nichtbezahlung des Religionsunterrichtes und Enteignung des kirchlichen Großgrundbesitzes hat lebhaftes Echo gefunden und zahllose Versammlungen zur Folge gehabt.

Rechtsstelle Der Ausbau unserer Rechtsstelle ist von den Genossen in den Ländern besonders begrüßt worden, weil die Funktionäre in den ländlichen Gemeinden in der Rechtsstelle eine verlässliche Führerin in den oft verwickelten Angelegenheiten der finanziellen Aufwendungen für Kultus­angelegenheiten gefunden haben. Der Kampf um die Rechte der kon­fessionslosen Eltern und Kinder wäre ohne diese Rechtsstelle heute nicht mehr möglich.

Unterricht in sittlicher Lebenskunde. Nachdem der Versuch der Kirche und der Reaktion gescheitert ist, unsere Kurse in sittlicher Lebenskunde durch ein gerichtliches Urteil einzustellen, werden auch in den Ländern bereits in vielen Orten solche Kurse vorbereitet; die Erschwerungen der klerikalen Landesschulräte werden uns nicht hindern, diese Kurse überall dort zu errichten, wo für sie eine Notwendigkeit besteht.

Spitalausschüsse Die Vernachlässigung in der Behandlung kon­fessionsloser Kranker — namentlich in Spitälern mit geistlichen Schwestern — und die unausgesetzten Bekehrungsversuche in Spitälern, die auch vor Er­pressungen nicht zurückschrecken, haben zur Errichtung von eigenen Spitalaus­schüssen gezwungen, die seither sich auch die amtliche Anerkennung fast in allen Spitälern zu verschaffen wussten. Regelmäßige Besuche der erkrankten Kon­fessionslosen, die Entgegennahme und Weiterleitung von Beschwerden, die Verabreichung von Liebesgaben, Ordnung von geschäftlichen und Familien­angelegenheiten usw. fallen in den Wirkungskreis dieser sozial sich wertvoll auswirkenden Organisation.

Agitation und Aufklärung Trotz der Ungunst der Zeit ist die Agitation im ganzen Bundesgebiet lebendig erhalten worden und die Zahl von 514 großen und Massenversammlungen gibt einen Beweis für die unverminderte Arbeitslust und Intensität unserer Bewegung. Alle Teil­organisationen haben sich mit viel Eifer dieser wichtigen geistig-kulturellen Arbeit gewidmet. Der Aufklärung dienten im Berichtsjahr 2015 Mit­gliederversammlungen in folgender Art: religionswissenschaftliche Vor­träge 526, naturwissenschaftliche Vorträge 678 (mit Lichtbildern 219), wirt­schaftspolitische Vorträge 401, kulturpolitische Vorträge 328, sonstige Vor­träge 82. Neben dieser großen Zahl von Versammlungen wurde von den Teilorganisationen ungemein fleißig an der Verbreitung proletarischer Fest­kultur gearbeitet und eine große Zahl von Ku1urfeiern, weltlichen Sonntagsfeiern, Wiegenfesten, Wintersonnwendfesten usw. veranstaltet. Zu unserer wirkungsvollen Aufklärungsarbeit haben die vom Bund heraus­gegebenen Unterrichtsbriefe sehr viel beigetragen. Diese ermöglichen es auch der kleinsten Gruppe (ohne Kosten für einen Referenten), in ihren Mitgliederversammlungen wissenschaftliche Aufklärungsarbeit zu leisten.

Gemeinschaftshilfe für Konfessionslose. Diese zuerst für Wien geschaffene Stelle findet jetzt auch schon in den Ländern Nach­ahmung. Gerade in dieser wirtschaftlich trostlosen Zeit haben diese Stellen viel Leid und Elend lindern können, wenngleich zugegeben werden muss, dass mangels an Mitteln nicht alle Ansuchen berücksichtigt werden konnten. Ein ausgezeichnet geschultes Korps von Fürsorgerinnen gibt sich mit vor­bildlichem Eifer dieser wichtigen Unterstützungsaktion hin. In einzelnen Ländern wurden eigene Stellen geschaffen, die die Aufgabe haben, in Todes­fällen den Hinterbliebenen durch Geldbeträge (Sterbefonds) über die größten Schwierigkeiten hinwegzuhelfen.

Kirchenaustrittsbewegung. Diese hat ohne besondere Agitation angehalten; die Zahl der kirchenfrei Gewordenen hat in den Jahren 1919 bis 1932 die erstaunliche Höhe von 170.000 erreicht. Die konfessionslosen Kinder nehmen ständig an Zahl zu, und in Wien haben wir bereits alle übrigen Religionsgesellschaften — mit Ausnahme der römisch-katholischen — überflügelt. In Wien gibt es mehr konfessionslose Kinder in den Schulen als jüdische, protestantische oder altkatholische. Waren in ganz Wien 1919 nur 100 konfessionslose Schulkinder, so sind es heute — trotz gewaltig gesunkener Gesamtschülerzahl — 11.826, während es nur 11.200 jüdische, 7200 protestantische, 2400 altkatholische Schulkinder gibt.

Mitgliederbewegung. Wie schon oben gezeigt, ist unter dem Einfluss der Krise die Mitgliederzahl gesunken, und der Bund hat Ende 1932 einen Gesamtmitgliederstand von 30.406. Davon sind: Vollzahler 17.783, Arbeitslose 9326, Anschlussmitglieder (Frauen von Mitgliedern) 2715, Jugendliche 582. Aus diesen Ziffern ersieht man, dass die Arbeits­losen schon mehr als 50 Prozent der Vollzahler ausmachen. Ein erschüttern­des Bild der Wirtschaftskrise!


1933

Der Freidenkerbund unter seinem Bundesobmann Franz Ronzal, der 1932 rund 65.000 Mitglieder zählte und seinen Sitz am Margaretengürtel 94 im 5. Bezirk hatte, wurde unter dem klerikal geprägten Austrofaschismus im Juni 1933 als erste sozialdemokratische Kulturorganisation per Notverordnung unter Einziehung seines Vermögens behördlich aufgelöst, einen Punkt der Heimwehrforderungen erfüllend.

Am 5. Juni 1933 schließt die österreichische Bundesregierung unter Bundeskanzler Dollfuß mit Papst Pius XI. ein neues Konkordat, das die Macht und den Einfluss der katholischen Kirche stärkt. Dieser völkerrechtliche Vertrag, dessen Fortgeltung nach 1945 zunächst umstritten ist, wird von der Bundesregierung 1957 anerkannt, und ist, wenn auch durch nachfolgende Teilkonkordate abgeändert, bis heute in Kraft. Die Nationalsozialisten, die der Religion eher distanziert gegenüberstehen, verbieten dennoch alle freidenkerischen Vereinigungen, ihr deutscher Vorsitzender Max Sievers wird 1944 ermordet. Ihre Ideologie ist ihnen Glaube genug, die Vernunft macht Pause.

Um die Interessen der Konfessionslosen und Nichtkatholiken Österreichs zu wahren, wurde in der Folge die Freireligiöse Gemeinde unter der Obmannschaft von Carl Kundermann gegründet. 


1935

1935 wurde auch sie aufgelöst.


1948

In der zweiten Republik kam es am 21. Januar 1948 zur Neugründung des „Freidenkerbundes Österreichs“ unter Franz Ronzal. Eine Wiedergründung im Sinne der Rechtskontinuität mit dem 1933 verbotenen Freidenkerbund wurde von Innenminister Oskar Helmer jedoch verhindert, weshalb dem neugegründeten Verein das beschlagnahmte Vereinsvermögen nicht zurückerstattet wurde. Von Seiten der neuen SPÖ, die auf ein gutes Verhältnis zur Österreichischen Volkspartei bedacht war, erhielt der Verein keine Unterstützung mehr. Der Verein ist ab 1948 ist nun parteiungebunden.


1958

Im 1958 beschlossenen Parteiprogramm heißt es im Abschnitt Sozialismus und Religion: Sozialismus und Religion sind keine Gegensätze. Jeder religiöse Mensch kann gleichzeitig Sozialist sein. Die Sozialdemokratie ist fortan bestrebt, Kulturkämpfe mit der ÖVP zu vermeiden und sich mit der katholischen Kirche auszusöhnen, ein Prozess, der unter dem erklärten Agnostiker Bruno Kreisky und dem „roten Kardinal“ König schließlich auch gelingen sollte.


1961

Nach Franz Ronzal wird nun Dipl.-Ing. Hugo Rosenberg der Obmann des Vereins.


1965

Der Offizier und spätere Ministerialbeamte Fritz Kernmeier wird Obmann des Vereins.


1967

Franz Salomon wird Obmann des Vereins.


1968

Fritz Kernmeier wird wieder Obmann des Vereins.


1970

Schwere innere Zerwürfnisse führen 1970 zum Rücktritt Kernmaiers. Am 12. Dezember 1970 beschloss eine außerordentliche Bundeshauptversammlung die Auflösung des „Freidenkerbundes Österreichs“ und seine Überführung in das „Institut für Geistesfreiheit und wissenschaftliche Weltanschauung“ unter der Leitung von Albrecht K. Konecny. Dies wurde allerdings beeinsprucht, und der Verein wurde in “Österreichisches Institut für Geistesfreiheit und wissenschaftliche Weltanschauung – Freidenkerbund Österreichs“ umbenannt. De facto gelang es Konecny allerdings erst Jahre später, die zerstrittenen Gruppen wieder zusammenzuführen


1971

Dr. Alexander Ostermann wird Obmann. Da ein Gerichtsbeschluss die Auflösung des „Freidenkerbundes Österreichs“ für ungültig erklärt, gilt er bis zu seinem Rücktritt Ende 1975 als rechtmäßiger Bundesobmann.

Albrecht K. Konecny, Journalist. Nationalratsabgeordneter und Bundesrat der Sozialistischen Partei Österreichs wird Präsident des „Instituts für Geistesfreiheit und wissenschaftliche Weltanschauung“. Nach dem Rücktritt Dr. Ostermanns auch Gerichtskurator des „Freidenkerbundes Österreichs“.


1978

1978 erfolgte unter der Leitung des neuen Obmanns Richard Klucsarits eine erneute Gründung als parteipolitisch unabhängige Organisation mit dem Beinamen „Institut für wissenschaftliche Weltanschauung“. Klucsarits war Archivar der SPÖ und leitete den Verband bis 1985.


1981

In diesem Jahr nehmen nach langer Zeit wieder österreichische Delegierte an Kongress der Weltunion der Freidenker” teil.

Die Zeitschrift Der Freidenker – Geist und Gesellschaft erhält ein neues Aussehen und bringt in steigendem Ausmaß populärwissenschaftliche Beiträge aus verschiedenen Gebieten der Wissenschaft.

Vielen Bestrebungen des Freidenkerbundes aus dieser Zeit ist eine die Jahrzehnte überdauernde Nachwirkung beschieden. Die Einführung der staatlichen Zivilehe, die Möglichkeit der Ehescheidung, moderne Ansätze in der Kindererziehung und der schulischen Pädagogik, die Möglichkeit des Austritts aus einer Religionsgemeinschaft durch eine diesbezügliche Erklärung vor einer staatlichen Behörde, die Feuerbestattung und anderes mehr, alles Dinge die als Selbstverständlichkeiten in das öffentliche Bewusst sein eingegangen sind, gehen letztlich auf die politische Arbeit des Freidenkerbundes zurück.


1984

1984 wurde auch das Bundesorgans „Der Freidenker – Geist und Gesellschaft“, dessen Redaktion Anton Szanya übernahm, einer Neugestaltung unterzogen.


1985

Der Freidenkerbund gewinnt in den folgenden Jahren seine innere und äußere Festigkeit wieder. Der im Jahr 1985 auf Richard Klucsarits folgende Vorsitzende Anton Szanya setzt erste Schritte zur bundesweiten Ausdehnung der Organisation der Freidenkerbundes. Prof. Dr. Anton Szanya, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Österreichischen Volkshochschularchivs, wird 1985 Bundesvorsitzender des Freidenkerbundes Österreichs.


1987

Nach der nur kurzlebigen Einrichtung eines Stützpunktes in Vorarlberg im Jahr 1986 kommt es im folgenden Jahr zur Gründung eines Stützpunktes in Linz. Unter der Leitung von Horst Simmer entwickelt sich dieser Stützpunkt innerhalb von zwei Jahren zur Landesgruppe Oberösterreich.


1989

Im Jahr 1989 werden die Mitglieder in Burgenland, Niederösterreich und Wien zur Landesgruppe Ost zusammengefasst.


1990

Unter dem seit 1990 amtierenden Bundesvorsitzenden Wolfgang Soos kann die Organisation des Freidenkerbundes noch um Stützpunkte in Salzburg und Kärnten erweitert werden. Soos war Erwachsenenbildner. Entwicklung neuer Arbeitsformen: regelmäßige Freidenker-Treffen, freidenkerische Stadtführungen, österreichweiter Vortragsdienst. Petitionen und andere Anstrengungen bezüglich der Gleichbehandlung von Weltanschauungsgemeinschaften gegenüber Religionsgemeinschaften. Ausbau der internationalen Verbindungen.


1994

Die erfolgreiche Durchführung des 52. Kongresses der” Weltunion der Freidenker” im vom 1.-3. April 1994 in Wien zeigt, dass der “Freidenkerbund Österreichs” auch in der internationalen freidenkerischen Bewegung wieder an Ansehen und Gewicht gewonnen hat. Neben politischen Maßnahmen führt der Freidenkerbund vor allem Bildungsmaßnahmen durch.


1997

Seit 1997 werden alljährlich gesamtösterreichische Treffen organisiert, bei denen neben dem informativen wissenschaftlichen Programm auch der Kontaktpflege der Mitglieder untereinander eine wichtige Funktion zukommt.


2001

Mit der Einrichtung einer Homepage unter der URL www.freidenker.at im Jahr 2001 ist der “Freidenkerbund Österreichs” auch in das Internet-Zeitalter eingetreten. Langsam gelingt es dem “Freidenkerbund Österreichs”, wieder in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. In den zurückliegenden Jahren sind Mitglieder des Freidenkerbundes Gäste in Talk-Shows des Fernsehens mit religiösen Inhalten zu Gast gewesen. Unabhängige Radiosender strahlen Programme mit Mitgliedern des Freidenkerbundes aus. Einige Mitglieder treten auch mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen an die Öffentlichkeit. Auch einige Politikerinnen und Politiker kann der Freidenkerbund zu seinen Mitgliedern zählen.


2003


2005


2006

2006 bot der Bund neben Atheist:innen, Agnostiker:innen und säkularen Humanist:innen auch Freireligiösen (d.h. die unter keinem kirchlichem Einfluss stehen) eine Mitgliedschaft an. Damit wurde der Faden zu den historischen Ursprüngen der Freidenkerbewegung und zu den englischen Wurzeln hergestellt. Dies führte jedoch zur Ablösung der oberösterreichischen Landesgruppe aus dem Bund. 

Nach dem überraschenden Tod von Dr. Wolfgang Soos wird die Vereinsführung zuerst von Dr. Martin Luksan und später von seinem Stellvertreter Theo Maier übernommen. Schon in dieser Zeit kommt es zu einer immer stärkeren Abgrenzung des Freidenkerbundes von der Sozialdemokratie.

Der Verein entwickelt sich Schritt für Schritt in Richtung einer überparteilichen Plattform, welche sich für Säkularisierung und für die Rechte aller Konfessionsfreien einsetzt.


2007

2007 gründete sich etwa die ehemalige oberösterreichische FBÖ-Landesgruppe um Wolfgang Huber als „Allianz für Humanismus und Atheismus“ (AHA) neu, die u.a. die Öffnung des Bundes auch für Freireligiöse nicht mittragen wollte. Die AHA wollte eine dezidiert atheistische und politisch aktive Vereinigung sein.

Der Freidenkerbund Österreich (FDBÖ) wurde nach Umbenennung des Freidenkerbundes in „Humanistischer Verband Österreich“ (HVÖ) von Personen gegründet, die diese Veränderung nicht mittragen wollten. Das altvertraute Vereinssymbol, das Stiefmütterchen (franz. pensée), wird weiterverwendet; es erinnert an das Motto der Bewegung: Denken statt Beten.


2008

Der Grünen-Politiker und Biologe Prof. Erich Eder gründete fast zeitgleich die „AgnostikerInnen und AtheistInnen für ein säkulares Österreich“ (AG-ATHE) mit Philippe Lorre als Sprecher, wobei man als vorrangige Ziele die Gleichbehandlung Konfessionsloser in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten sowie eine laizistische Gesellschaftsordnung anstrebte.


2009

“Laïcité – Institut für Laizität” von Mag. Niko Alm ist aus der aus der 2009 gegründeten Laizismus-Initiative hervorgegangen und Teil des Zentralrats der Konfessionsfreien mit dem Ziel, die Kenntnisse über Laizität und die Grundlagen für eine politische Entscheidungsfindung zu diesem Thema in der Gesellschaft durch Forschung und Lehre zu erweitern.

Entstand ebenfalls die Regionalgruppe Österreich der „Giordano-Bruno-Stiftung“ (GBS), die sich an der 2004 gegründeten deutschen „Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus“ orientiert. Durch ihre klare atheistische Offensive – bekannt wurde etwa die Plakatkampagne des Werbefachmanns und Österreichsprechers der Stiftung, Niko Alm – wurden bestehende Gruppen belebt und die Bildung neuer Initiativen angeregt.


2010

Als Plattform der genannten säkularen Einrichtungen ist der „Zentralrat der Konfessionsfreien“ (ZrK) entstanden. Die von Niko Alm geleitete Organisation versucht sich für jene Österreicher stark zu machen, die formell zu keiner Religionsgemeinschaft gehören und fordert, dass Rechte der Indifferenten, Uninteressierten und Ungläubigen in gleichem Ausmaß geschützt werden wie Rechte der Gläubigen.

Die Initiative Religion ist Privatsache (RIP) sucht seit ihrer Gründung 2010 Religion aus öffentlichen Einrichtungen zu verbannen, denn Religion in diesem Raum führe zur Diskriminierung von Konfessionsfreien. Die Initiative strengt einen Weg durch alle Rechtsinstanzen an, um ein Kreuzverbot oder die Streichung des Religionsunterrichts vom Lehrplan zu erwirken. Eine eigens eingerichtete „Meldestelle“ gegen religiöse Bevormundung soll entsprechende Diskriminierungsfälle sammeln. Die Initiative hat bezüglich Medienpräsenz in Österreich wohl die größte Reichweite von allen laizistischen Vereinigungen.


2011


2012

Eine weitere Stärkung erfährt der Freidenkerbund ab dem 30. März 2012 unter der Führung des nächsten Präsidenten Dr. Gerhard Engelmayer. In dieser Zeit kommt es gleichzeitig zu einer weltweiten Evolution des Freidenkertums (engl. Freethinking). Diese neue Entwicklung präsentiert sich als Humanismus der Neuzeit und bewegt viele Freidenkervereine weltweit in eine neue, modernere Richtung.


2014


2016


2018

Im Jahr 2018 haben die österreichischen FreidenkerInnen den nächsten Sprung in ihrer Gedankenevolution gemacht. Der Verein bekommt den Namen Humanistischer Verband Österreich und setzt sofort entscheidende Schritte, die zu einer stärkeren medialen Präsenz führen. Die europaweite Vernetzung förderte die Angleichung an eine einheitliche Bezeichnung und auch eine neue Ausrichtung. Als zentrales Anliegen rückt der moderne Humanismus in den Vordergrund der Verbandsarbeit; die Schwerpunkte sind: eine konfessionsfreie, humanistische Ethik, eine darauf aufbauende, pragmatisch ausgerichtete Lebensauffassung und eine durch klare Werte und durch evidenzbasiertes Wissen geprägte evolutionäre Weltanschauung.


2019

Dazu zählt auch der erste Humanisten-Kongress in Österreich, der im Jahr 2019 erfolgreich abgehalten wurde und sehr positive Reaktionen auslöste.


2020


2022

Am 12. März 2022 wird Dr. Andreas Gradert zum Präsidenten des Humanistischen Verband Österreich gewählt.


2025

Am 4. August 2025 wird Balázs Bárány zum Präsidenten des Humanistischen Verbandes Österreichs gewählt.


2026

Am 12. Februar 2026 wird der ehemalige Präsident Dr. Andreas Gradert vom Präsidium mit vier Ja-Stimmen, einer Enthaltung und ohne Gegenstimmen aus dem Humanistischen Verband Österreich ausgeschlossen.


Autoren:


Liste der Präsidenten des Vereins:

  1. 1887 | Erwin Plowitz | Verein der Konfessionslosen
  2. 1887 | Josef Langkammer
  3. 1889 | Gustav Häfner
  4. 1891 | Ludwig Wutschel | ab 1893 Verein der Freidenker Nieder-Österreichs | ab 1919 Zuammenschluss im Freien Bund kultureller Vereine Wiens
  5. 1921 | Karl (Ritter von) Frantzl | Freidenkerbund Österreichs
  6. 1929 | Franz Ronzal | 1933 Auflösung durch Dollfuß
  7. 1933 | Karl Kundermann | 1935 Auflösung durch Dollfuß, Freireligiöse Gemeinde
  8. 1948 | Franz Ronzal | Freidenkerbund Österreich
  9. 1961 | Hugo Rosenberg
  10. 1965 | Fritz Kernmeier
  11. 1967 | Franz Salomon
  12. 1968 | Fritz Kernmeier
  13. 1970 | Albrecht K. Konecny | (Österreichisches) Institut für Geistesfreiheit und wissenschaftliche Weltanschauung
  14. 1971 | Alexander Ostermann | Freidenkerbund Österreich
  15. 1978 | Richard Klucsarits | Freidenkerbund Österreich – Institut für wissenschaftliche Weltanschauung
  16. 1985 | Anton Szanya
  17. 1990 | Wolfgang Soos
  18. 2007 | Martin Luksan
  19. 2009 | Theodor Maier
  20. 2012 | Gerhard Engelmayer | ab 2018 Humanistischer Verband Österreich
  21. 2022 | Andreas Gradert
  22. 2025 | Balázs Bárány