Altruis:muss? Wer bestimmt das Gute?
AI · Bildung · Menschenrechte · Selbstbestimmung · Technologie · Wissenschaft
Für Franz
Am 21. August 2026 hat ORF Science unter der Überschrift Effektiver Altruismus: Niedergang einer ethischen Idee eine Entwicklung beschrieben, die auch für Humanist:innen bemerkenswert ist. Der Effektive Altruismus begann mit einer zunächst ausgesprochen plausiblen moralischen Forderung: Wer Leid verhindern kann, soll helfen, und für die moralische Bedeutung dieses Leids soll es grundsätzlich keine Rolle spielen, ob der betroffene Mensch unmittelbar vor uns steht oder Tausende Kilometer entfernt lebt. Aus dieser von Peter Singer bereits 1972 formulierten Überlegung entwickelte sich Jahrzehnte später eine Bewegung, die nicht mehr nur fragte, ob wir helfen sollen, sondern wo unsere Zeit, unser Geld und schließlich auch unsere beruflichen Fähigkeiten die größtmögliche Wirkung entfalten können.
Für Humanist:innen liegt darin zunächst viel Vertrautes. Wer sich auf Vernunft, wissenschaftliche Erkenntnis und Verantwortung beruft, kann sich kaum damit zufriedengeben, dass eine Handlung gut gemeint ist. Es muss erlaubt sein, danach zu fragen, ob sie tatsächlich hilft, ob eine Intervention funktioniert, ob Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden und ob eine andere Maßnahme unter Umständen wesentlich mehr bewirken könnte. Gerade ein Humanismus, der den Anspruch erhebt, Folgen zu haben, muss bereit sein, auch seine eigenen Handlungen an ihren Folgen zu messen.
Die Schwierigkeit beginnt dort, wo aus dieser vernünftigen Frage nach Wirksamkeit eine umfassende moralische Bewertungslogik wird. Der Effektive Altruismus ist in wesentlichen Teilen utilitaristisch geprägt. Vereinfacht gesprochen gilt eine Handlung dann als besonders gut, wenn sie im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln möglichst viel positives Wohlergehen erzeugt oder möglichst viel Leid verhindert. Als Instrument zur Bewertung konkreter Maßnahmen ist das plausibel. Als umfassendes ethisches Prinzip wird es problematisch.
Humanistische Ethik lässt sich nicht auf Nutzenmaximierung reduzieren. Der Mensch besitzt keinen Wert deshalb, weil seine Existenz einen bestimmten positiven Beitrag zu einer Gesamtrechnung leistet. Menschenwürde, Grundrechte, Selbstbestimmung und Gleichheit gelten gerade unabhängig davon, ob ihre Beachtung im Einzelfall besonders effizient erscheint. Eine konsequent utilitaristische Betrachtung kann zumindest theoretisch zu Situationen führen, in denen die Interessen oder Rechte einzelner Menschen zugunsten eines größeren Gesamtnutzens zurückgestellt werden. Genau dort setzt ein menschenrechtlich orientierter Humanismus eine Grenze. Grundrechte sind nicht lediglich Faktoren innerhalb einer Nutzenrechnung, sondern normative Schranken für das, was auch im Namen eines größeren Guten nicht zulässig sein soll.
Der Effektive Altruismus fragt also, wie knappe Ressourcen möglichst wirkungsvoll eingesetzt werden können. Der Humanismus muss zusätzlich fragen, ob bestimmte Mittel überhaupt zulässig sind, welche Rechte Betroffene besitzen, ob ihre Selbstbestimmung gewahrt bleibt und ob Menschen nicht lediglich als Mittel zur Erreichung eines übergeordneten Zwecks behandelt werden. Damit tritt neben die Frage nach der Effektivität notwendig die Frage nach den Grenzen effektiver Interventionen.
Hinzu kommt ein methodisches Problem. Wer Wirkung vergleichen will, muss zunächst bestimmen, was überhaupt als relevante Wirkung gelten soll. Gesundheit, Lebenserwartung, Bildung, politische Freiheit, soziale Teilhabe, Selbstbestimmung oder Sicherheit können zwar teilweise gemessen und verglichen werden, sie lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf eine gemeinsame Skala bringen. Jede Auswahl von Kriterien enthält bereits normative Vorentscheidungen. Daten können zeigen, welche Folgen eine Maßnahme wahrscheinlich hat. Sie können jedoch nicht allein beantworten, welche dieser Folgen moralisch höher zu bewerten sind.
Gerade in der Quantifizierung menschlichen Wohlergehens liegt deshalb ein weiterer Grund für humanistische Vorbehalte. Verfahren wie die Berechnung qualitätsbereinigter Lebensjahre oder anderer gesundheitsökonomischer Kennzahlen können für politische und medizinische Entscheidungen ausgesprochen nützlich sein. Zugleich besteht die Gefahr, dass aus einem Hilfsmittel zur Beschreibung eine normative Rangordnung wird. Besonders deutlich wird dies dort, wo unterschiedliche Lebenslagen, Behinderungen oder chronische Erkrankungen in abstrakte Qualitätswerte übersetzt werden. Ein humanistischer Ansatz muss darauf bestehen, dass die Würde eines Menschen nicht von der statistischen Bewertung seines Gesundheitszustands abhängt.
Ein ähnliches Problem entsteht bei der Frage, wer die Kriterien festlegt. Der Effektive Altruismus präsentiert viele seiner Entscheidungen als rational und evidenzbasiert. Wissenschaftliche Evidenz kann tatsächlich helfen, die Folgen bestimmter Interventionen besser abzuschätzen und ineffektive Maßnahmen zu vermeiden. Sie kann normative Entscheidungen jedoch nicht ersetzen. Ob Gesundheit höher zu gewichten ist als politische Freiheit, ob gegenwärtiges Leid schwerer wiegt als zukünftiges, wie stark die Interessen nichtmenschlicher Tiere berücksichtigt werden sollen oder welche Verantwortung gegenüber noch nicht geborenen Generationen besteht, sind keine Fragen, die sich aus Daten allein beantworten lassen. Sie verlangen ethische Begründungen.
Aus humanistischer Sicht wird es deshalb problematisch, wenn moralische Wertentscheidungen den Anschein mathematischer Objektivität erhalten. Zahlen können den Eindruck erzeugen, eine Entscheidung sei neutral, obwohl die zugrunde liegenden Parameter bereits von bestimmten Wertannahmen geprägt sind. Eine wissenschaftlich orientierte Ethik muss diesen Unterschied ernst nehmen. Empirische Erkenntnis kann moralische Urteile informieren, sie kann sie aber nicht vollständig ersetzen.
Der ORF-Beitrag zeigt zudem anschaulich, wie sich die Perspektive des Effektiven Altruismus im Lauf der Zeit verschoben hat. Mit dem Longtermism wurde die Gleichbehandlung räumlich entfernter Menschen auf zeitlich entfernte Menschen übertragen. Wenn ein Mensch nicht weniger zählen soll, weil er auf einem anderen Kontinent lebt, warum sollte er dann weniger zählen, weil er erst in hundert, tausend oder zehntausend Jahren geboren wird? Aus dieser Überlegung ergibt sich eine erhebliche Verschiebung der moralischen Gewichtung. Den heute lebenden Milliarden Menschen stehen theoretisch sehr große Zahlen möglicher zukünftiger Menschen gegenüber. Entsprechend gewinnen Risiken an Bedeutung, die diese Zukunft insgesamt verhindern könnten, etwa Atomkrieg, künstlich erzeugte Pandemien oder eine außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenz.
Auch dieser Gedanke ist nicht einfach absurd. Selbstverständlich haben wir Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Problematisch wird die Argumentation dort, wo hypothetisch sehr große zukünftige Populationen in moralische Kalkulationen einbezogen werden und dadurch gegenwärtige Probleme rechnerisch an Bedeutung verlieren können. Wenn mögliche zukünftige Menschen in einer Nutzenrechnung nahezu unbegrenzt große Werte erzeugen, besteht die Gefahr, dass konkret existierende Menschen zu vergleichsweise kleinen Faktoren einer abstrakten Zukunftsrechnung werden.
Ein menschenzentrierter Humanismus muss hier besonders vorsichtig sein. Verantwortung gegenüber zukünftigen Menschen ist unverzichtbar, doch sie darf nicht dazu führen, dass die Rechte und das Leid gegenwärtig lebender Menschen relativiert werden. Eine Ethik, die mögliche zukünftige Welten stärker gewichtet als die konkrete Gegenwart, läuft Gefahr, ihren Ausgangspunkt im wirklichen menschlichen Leben zu verlieren.
Der aktuelle ORF-Beitrag macht außerdem deutlich, dass dieses Problem längst nicht mehr nur im philosophischen Seminar existiert. Effektiver Altruismus entwickelte insbesondere im amerikanischen Technologiesektor erheblichen Einfluss. EA-nahe Stiftungen finanzierten Forschung zu existenziellen KI-Risiken, Sam Bankman-Fried wurde mit seinem Vermögen zeitweise zu einem der bedeutendsten Geldgeber der Bewegung, und auch die Entwicklung von Unternehmen wie OpenAI und Anthropic ist mit Debatten über KI-Sicherheit, langfristige Risiken und den Nutzen zukünftiger Menschheit verbunden. Nach dem Zusammenbruch von FTX verlor die Bewegung einen prominenten Geldgeber und erheblich an Reputation; zugleich gerieten die Sicherheitsvorstellungen des Effektiven Altruismus zunehmend in Konkurrenz zu wirtschaftlichen Interessen und zu einer technikoptimistischen Gegenbewegung, die eine möglichst schnelle Entwicklung künstlicher Intelligenz fordert.
Damit tritt eine weitere Frage in den Vordergrund, die für Humanist:innen zentral ist: die Frage nach Macht und demokratischer Legitimation. Wenn einzelne sehr vermögende Menschen oder private Stiftungen Milliarden zur Verfügung stellen, können sie damit zweifellos sinnvolle Projekte finanzieren. Sie können Krankheiten bekämpfen, Forschung ermöglichen, Armut lindern oder Risiken untersuchen, die staatliche Institutionen vernachlässigen. Aber die Frage, ob diese Aktivitäten nützlich sind, ist nicht identisch mit der Frage, ob die damit verbundene Machtverteilung demokratisch wünschenswert ist.
Ein Milliardär, der sein Vermögen altruistisch und kompetent verwendet, bleibt ein Milliardär, der aufgrund dieses Vermögens in erheblichem Maß darüber entscheiden kann, welche gesellschaftlichen Probleme Aufmerksamkeit und Ressourcen erhalten. Er benötigt dafür weder ein demokratisches Mandat noch öffentliche Zustimmung. Die humanistische Frage lautet deshalb nicht nur, ob sein Geld möglichst effektiv eingesetzt wird, sondern auch, warum einzelne Menschen über eine solche gesellschaftliche Gestaltungsmacht verfügen und wie Entscheidungen über grundlegende gesellschaftliche Prioritäten legitimiert werden sollen.
Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Philanthropie und politischer Gerechtigkeit. Eine Gesellschaft kann nicht darauf aufgebaut werden, dass außergewöhnlich vermögende Menschen hoffentlich außergewöhnlich vernünftige moralische Entscheidungen treffen. Humanistische Politik muss auch nach Steuergerechtigkeit, öffentlichen Institutionen, demokratischer Kontrolle und den Ursachen extremer Vermögenskonzentration fragen. Effektive Hilfe kann notwendig und wertvoll sein. Sie ersetzt jedoch keine gerechten gesellschaftlichen Strukturen.
Damit verbindet sich eine weitere grundsätzliche Kritik. Effektiver Altruismus ist besonders stark darin, zu untersuchen, wie innerhalb bestehender gesellschaftlicher Bedingungen möglichst wirkungsvoll geholfen werden kann. Humanistische Ethik muss darüber hinaus die Strukturen selbst zum Gegenstand machen. Wenn Menschen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, ist es sinnvoll zu fragen, wie ihnen möglichst wirksam geholfen werden kann. Gleichzeitig muss gefragt werden, warum lebensnotwendige Versorgung überhaupt davon abhängt, wo ein Mensch geboren wurde und über welches Einkommen er verfügt. Wenn Kinder keinen Zugang zu Bildung erhalten, können private Bildungsprogramme sinnvoll sein. Dennoch bleibt die politische Frage bestehen, weshalb ein elementares Recht nicht gewährleistet wird oder welche wirtschaftlichen und politischen Strukturen dieses Defizit hervorbringen.
Aus humanistischer Sicht reicht es daher nicht aus, Symptome möglichst effizient zu lindern. Ebenso notwendig ist die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Ursachen von Ungleichheit, Armut, Diskriminierung und mangelnder Teilhabe. Effektivität und strukturelle Veränderung sind dabei keine Gegensätze, aber sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Die humanistische Kritik richtet sich deshalb nicht gegen die Frage nach der Wirkung, sondern gegen deren Verabsolutierung.
Gerade darin liegt wahrscheinlich die produktivste Beziehung zwischen Humanismus und Effektivem Altruismus. Humanist:innen sollten die Forderung nach Evidenz, Wirkungskontrolle und kritischer Überprüfung des eigenen Handelns ernst nehmen. Projekte sollten nicht deshalb fortgeführt werden, weil sie Tradition haben oder den Beteiligten ein gutes Gefühl vermitteln. Ressourcen sollten dort eingesetzt werden, wo sie nachweislich sinnvoll sind, und humanistische Organisationen sollten bereit sein, ihre eigenen Maßnahmen an überprüfbaren Ergebnissen zu messen.
Gleichzeitig muss jedoch klar bleiben, dass Wirkung allein keine hinreichende moralische Begründung darstellt. Menschenwürde, Menschenrechte, Selbstbestimmung, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Legitimation können nicht vollständig in einer Nutzenrechnung aufgehen. Sie setzen Grenzen und geben zugleich die normative Richtung vor, innerhalb derer Effektivität überhaupt sinnvoll bewertet werden kann.
Der ORF-Beitrag fasst die Entwicklung des Effektiven Altruismus am Ende in einer entscheidenden Verschiebung zusammen: Aus der Frage danach, welche Entscheidung die größte Wirkung besitzt, wird schließlich eine Machtfrage – wer festlegen darf, welche Zukunft geschützt werden soll. Genau hier beginnt die eigentlich humanistische Diskussion.
Denn es genügt nicht, möglichst präzise auszurechnen, wie eine gewünschte Zukunft erreicht werden kann. Zunächst muss ethisch und demokratisch darüber gesprochen werden, welche Zukunft wir überhaupt wünschen, welche Rechte dabei nicht zur Disposition stehen, wessen Interessen berücksichtigt werden und wer an diesen Entscheidungen beteiligt ist. Das Gute lässt sich nicht allein aus der Größe seiner erwarteten Wirkung ableiten.
Für humanis:muss ergibt sich daraus keine Ablehnung des Effektiven Altruismus, sondern eine konkrete Aufgabe. Wir sollten seine stärkste Forderung übernehmen: Gute Absichten reichen nicht. Wer behauptet, Menschen helfen oder gesellschaftliche Verhältnisse verbessern zu wollen, muss bereit sein zu überprüfen, ob sein Handeln tatsächlich wirkt. Auch wir müssen fragen, ob unsere Projekte Menschen erreichen, ob unsere Interventionen etwas verändern und ob dieselben Ressourcen anders eingesetzt mehr bewirken könnten.
Aber wir müssen dem eine humanistische Bedingung voranstellen. Nicht die maximale Wirkung bestimmt, was für uns moralisch richtig ist. Menschenwürde, Menschenrechte, Selbstbestimmung, Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe bestimmen zunächst den Rahmen dessen, was wir als gute Wirkung anerkennen können. Erst innerhalb dieses Rahmens stellt sich die Frage nach möglichst großer Effektivität.
Damit verändert sich auch die Ausgangsfrage. humanis:muss fragt nicht einfach, wo der größtmögliche Nutzen erzeugt werden kann. Wir müssen fragen, wo Menschen in ihrer Würde, ihren Rechten oder ihrer Selbstbestimmung beeinträchtigt werden, was wir über die Ursachen wissen, welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich funktionieren und was wir konkret verändern können. Anschließend müssen wir bereit sein, uns daran messen zu lassen, ob diese Veränderung eingetreten ist.
Vielleicht liegt genau darin die produktivste Antwort des Humanismus auf den Effektiven Altruismus. Wir brauchen weniger moralische Selbstgewissheit und mehr Bereitschaft zur Wirkungskontrolle. Zugleich brauchen wir eine klare Grenze gegen die Vorstellung, Menschen, Rechte und gesellschaftliche Ziele ließen sich vollständig in einer Optimierungsrechnung erfassen.
Der Effektive Altruismus fragt zu Recht, ob unser gutes Wollen tatsächlich Gutes bewirkt. Der Humanismus muss diese Frage aufnehmen und um eine zweite ergänzen: Was dürfen wir überhaupt als das Gute bezeichnen, und wer entscheidet darüber?
Genau diese zweite Frage ist heute wichtiger denn je. Und für humanis:muss folgt daraus ein anspruchsvoller Maßstab: Humanismus muss Folgen haben – aber welche Folgen wir anstreben und welche Mittel dafür zulässig sind, darf niemals allein eine Frage der Effizienz sein.
ORF: Effektiver Altruismus Niedergang einer ethischen Idee
Der ORF-Beitrag enthält eine Fülle von Informationen und ist daher sehr lesenswert.