74 Jahre Humanists International

… und Österreich war von Anfang an dabei 🙂

Vierundsiebzig Jahre sind kein klassisches Jubiläum. Keine runde Zahl, kein Anlass für besonders große Festreden. Aber vielleicht passt gerade das zu einer humanistischen Organisation. Menschenrechte, Freiheit und Menschenwürde werden schließlich nicht erst dann wichtig, wenn der Kalender eine runde Zahl anzeigt.

Am 26. August 1952 wurde in Amsterdam die International Humanist and Ethical Union gegründet – jene Organisation, die heute Humanists International heißt. Mehr als zweihundert Menschen waren zum ersten World Humanist Congress zusammengekommen. Viele von ihnen hatten zwei Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise, Faschismus, Nationalsozialismus und den beginnenden Kalten Krieg erlebt. Während in Korea bereits wieder Krieg geführt wurde und in den Vereinigten Staaten die McCarthy-Ära ihren Höhepunkt erreichte, beschlossen sie, eine internationale humanistische Bewegung aufzubauen.

Das war kein Ausdruck naiven Optimismus. Es war eine bewusste Antwort auf eine Welt, die gerade gezeigt hatte, wozu Menschen fähig sind.

Die Gründer:innen setzten nicht auf Offenbarung, nicht auf eine höhere Macht und nicht auf die Hoffnung, dass irgendeine geschichtliche Notwendigkeit schon für eine bessere Zukunft sorgen werde. Sie gingen davon aus, dass Menschen selbst Verantwortung tragen – für ihre Entscheidungen, für ihre Gesellschaften und für die Welt, die sie kommenden Generationen hinterlassen.

Bemerkenswert ist, dass Humanists International nicht als bloße internationale Front gegen Religion gegründet wurde. Schon damals wurde darüber gestritten, ob der Kampf gegen Kirchen und religiöse Dogmen das eigentliche Ziel sein sollte. Die prägende Antwort lautete: Humanismus muss mehr sein. Er muss eine positive und konstruktive Lebensauffassung entwickeln. Er muss nicht nur benennen, was er ablehnt, sondern zeigen, was er an dessen Stelle setzen will. Die Gründungsgeschichte von Humanists International formuliert damit bereits 1952 etwas, das wir heute in Österreich so ausdrücken: Humanismus muss Folgen haben.

Auf dem Kongress wurde auch die erste Amsterdamer Erklärung beschlossen. Sie verband Vernunft und Wissenschaft mit Demokratie, Menschenrechten und sozialer Verantwortung. Sie verstand Humanismus nicht als abgeschlossenes Lehrgebäude, sondern als eine Haltung, die überprüfbar und veränderbar bleiben muss. Deshalb wurde die Erklärung später überarbeitet – zuletzt 2022. Eine Weltanschauung, die sich selbst korrigieren kann, verrät ihre Grundsätze nicht. Sie nimmt sie ernst.

Aus einer Zusammenkunft weniger Organisationen wurde eine weltweite Bewegung. Humanists International vertritt heute humanistische Positionen bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Institutionen, dokumentiert die Diskriminierung nichtreligiöser Menschen, unterstützt verfolgte Humanist:innen und stärkt Organisationen, die unter oft schwierigsten Bedingungen für Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrechte arbeiten. Humanismus bekommt dadurch nicht nur eine Stimme, sondern auch Hände: Hände, die schützen, dokumentieren, intervenieren und solidarisch handeln. Humanists International beschreibt seine Arbeit entsprechend als Verbindung von Menschenrechtsarbeit, internationaler Vertretung und dem Aufbau einer weltweiten humanistischen Bewegung.

Und Österreich? Österreich stand nicht am Rand dieser Geschichte.

Zu den fünf Organisationen, die den Gründungskongress vorbereiteten, gehörte neben den humanistischen Verbänden aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und den Niederlanden auch die Vienna Ethical Society, die Wiener Ethische Gesellschaft beziehungsweise Ethische Gemeinde Wien. Österreichischer Humanismus war damit an der Entstehung von Humanists International unmittelbar beteiligt. Humanists International nennt die Wiener Ethische Gesellschaft ausdrücklich als eine der fünf den Kongress tragenden Organisationen.

Der heutige Humanistische Verband Österreich kommt aus einer anderen, aber benachbarten Traditionslinie. Seine Geschichte reicht zum 1887 in Wien gegründeten Verein der Konfessionslosen zurück. Diese Bewegung kämpfte für die Trennung von Staat und Religion, für weltliche Bildung, für ein selbstbestimmtes Leben und sogar für Dinge, die heute selbstverständlich erscheinen, damals aber erbittert bekämpft wurden – etwa die Feuerbestattung. 1933 wurde der Freidenkerbund von den austrofaschistischen Behörden verboten. Seine Zeitschrift wurde eingestellt, sein Vermögen beschlagnahmt. 1948 erfolgte die Neugründung, allerdings ohne Anerkennung der rechtlichen Kontinuität und daher auch ohne Rückgabe des früheren Vermögens. Diese Entwicklung ist in der historischen Darstellung der Stadt Wien dokumentiert.

Beide Geschichten erzählen daher von demselben Grundproblem: Humanistische Organisationen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie entstehen dort, wo Freiheit verteidigt werden muss. Sie werden bedroht, wenn autoritäre Kräfte erstarken. Und sie müssen nach politischen und gesellschaftlichen Brüchen immer wieder neu aufgebaut werden.

Diese Verbindung ist heute wieder sehr konkret. Erst im Juli 2026 traten Humanists International und der Humanistische Verband Österreich gemeinsam vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen auf. Gemeinsam forderten wir mehr staatliche Neutralität in Religionsfragen, die Gleichbehandlung religiöser und nichtreligiöser Weltanschauungen und eine Überprüfung des österreichischen sogenannten Blasphemieparagrafen. Die gemeinsame Stellungnahme knüpft unmittelbar an die internationale Menschenrechtsarbeit von Humanists International an.

Man könnte diese Verbindung in einem Satz zusammenfassen: 1952 half eine österreichische Organisation dabei, dem internationalen Humanismus eine gemeinsame Stimme zu geben. 2026 hilft Humanists International dabei, der humanistischen Stimme aus Österreich bei den Vereinten Nationen Gehör zu verschaffen.

Das ist keine historische Fußnote. Es zeigt, was internationale Solidarität bedeutet.

Humanists International verdient unsere Anerkennung deshalb nicht bloß dafür, vierundsiebzig Jahre lang bestanden zu haben. Die Organisation verdient sie, weil sie in diesen vierundsiebzig Jahren immer wieder gezeigt hat, dass Humanismus mehr sein kann als eine persönliche Überzeugung. Er kann Schutz bieten. Er kann Macht widersprechen. Er kann Menschen über Grenzen hinweg miteinander verbinden. Und er kann aus einer Haltung eine gesellschaftliche Kraft machen.

Herzlichen Glückwunsch zu 74 Jahren Humanists International.

Und vor allem: Danke für vierundsiebzig Jahre, in denen Humanismus Folgen hatte.

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